Wunderblutkirche Wilsnack, Ansicht der Außenfassade
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Bild: rbb/Inforadio/D.Lenz

- Die Wiederentdeckung der Wunderblutkirche

Bad Wilsnack in der Prignitz und seine Wunderblutkirche St. Nikolai waren im Mittelalter der bedeutendste Wallfahrtsort in Nordeuropa. Die Reformation machte allerdings Schluss mit dem Blutwunderglauben und die Stadt verlor schnell an Bedeutung. Was blieb ist die riesige Kirche - und die ist seit kurzem ein Denkmal mit nationaler Bedeutung. Für Bad Wilsnack bedeutet das: Es fließt wieder sehr viel Geld in die Stadt und die träumt von einem neuen Aufschwung. Dominik Lenz berichtet über ein wiedergefundenes Bauwerk und wie es einen ganzen Ort verändert.

Ziemlich überdimensioniert wirkt der riesige rote Backsteinbau der Wunderblutkirche zwischen gedrungenen Fachwerkhäuschen am historischen Markt von Bad Wilsnack. Es ist ruhig an diesem sonnigen Vormittag. Hoch oben vom Dachstuhl der Kirche sind vereinzelt Stimmen und Maschinen von Arbeitern zu hören. In der Kneipe vis-a-vis ist noch nicht viel los, nur der Mitfünfziger Werner trinkt ein erstes Bier. Früher sei hier überhaupt nichts los gewesen, meint der Ur-Badwilsnacker. Ihm gefällt, wie sich der Ort verändert. Auch dass die Kirche endlich aus ihrem Jahrhundertschlaf geholt wird.

Ein Neuschwanstein mitten in der Prignitz

Drinnen in der Kirche ist heute hoher Besuch. Brandenburgs oberster Denkmalhüter, Landeskonservator Thomas Drachenberg, begutachtet mit einer Gruppe Studenten der Denkmalpflege von der TU Berlin Architektur und Kunstschätze. Das Blutwunder von damals, erzählt Drachenberg, war ein Glücksfall für Bad Wilsnack, eine Art mittelalterliches Konjunkturprogramm. Drachenberg hofft, dass es dem Ort gelingt, an die Sogkraft von damals anzuknüpfen. Immer wieder betont er, wo er die Wunderblutkirche in ihrer Bedeutung sieht: in einer Reihe mit dem Kölner Dom und Neuschwanstein. Mitten in der menschenleeren Prignitz - für ihn kein Widerspruch.

Aufstieg auf das Baugerüst zur wöchentlichen Begutachtung der Renovierungsarbeiten durch die Bauleitung, Architekt und Denkmalamt. Fühlt man sich im riesigen Kirchenschiff bereits ziemlich verloren, werden die Dimensionen hier oben noch deutlicher. Die Wunderblutkirche überragt alles, der Blick geht weit ins Land, die Häuser unten wirken winzig. Soeben wird die Arbeit von Dachdeckermeister Ralph Köhn begutachtet, er hat das historische Dach teilweise neu eingedeckt, auch für ihn keine alltägliche Arbeit.

Ein neuer Jobmotor für die Region

Durch viel Engagement, Änträge und Überzeugungsarbeit ist es der Gemeinde gelungen, dass die Kirche in die Liste des Bundes für national bedeutende Denkmale aufgenommen wurde. Seitdem fließt sehr viel Geld für die Erhaltung der Kirche: rund 600.000 jährlich über sieben Jahre. Ein Drittel zahlt der Bund, eines das Land, eines muss die Gemeinde selbst stemmen. So wird die Wunderblutkirche wie im Mittelalter Jobmotor für die Region, sagt Gordon Thalmann von der unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises.

Bad Wilsnack stellt sich wieder ein auf seine Kirche, mitten im atheistischen Brandenburg. Bislang lebte die Kleinstadt vor allem von ihrem Status als Kurort, mit Klinik und Therme. Jetzt verändert die wiederentdeckte Kirche den Ort, sagt Bürgermeister Hans-Dieter Spielmann, der im Rathaus gleich nebenan sitzt.

Kamen im Mittelalter Hunderttausende im Jahr um die Wunderblutkirche zu besuchen, so sind es inzwischen immerhin wieder 30.000, Tendenz steigend. Dafür sorgen auch regelmäßige Konzerte und Gottesdienste oder das jährliche Pilgerfest im August. Überhaupt passe der ursprüngliche Nutzen der Kirche hervorragend in die Zeit meint Spielmann, denn Pilgern ist wieder in. 2006 wurde der alte Pilgerweg wiedereröffnet, rund 130 Kilometer von Berlin nach Bad Wilsnack.

Ein wertvolles Erbe und engagierte Menschen

Es gibt einfache Pilger-Pensionen bis hin zum schicken Hotel, seit zwei Jahren gibt es ein eigenes Stadtmanagement, um Kirche, Tourismus und Kurbetrieb besser zu verzahnen. Doch am Ende ist es wie überall: es geht nichts ohne die richtigen Leute vor Ort, in diesem Fall vor allem Christian Richter, den Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates. Er war es, der irgendwann die Idee hatte, in größeren Dimensionen zu denken und sich um die Aufnahme in die Liste der national bedeutenden Bauwerke zu bewerben - mit Erfolg.

Jetzt ist er stolz, wenn er aus seinem Küchenfenster auf den frisch renovierten Westgiebel der Kirche blickt. Richter betreibt seit 20 Jahren die örtliche Apotheke. In letzter Zeit aber kümmert er sich mindestens genauso um Anträge, Spender und Organisatorisches rund um die Wunderblutkirche. Warum? Weil er etwas gesucht habe, das ihn kulturell glücklich macht.

So hat Bad Wilsnack im doppelten Sinn Glück: wertvolles historisches Erbe und engagierte Menschen. Viele Orte in Brandenburgs Peripherie hätten gern wenigstens eines von beidem.

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Dominik Lenz befragt den Inhaber einer Mühle (Foto: Inforadio/Kattner)
Inforadio/A. Kattner

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