Jugendliche in einer Flüchtlingskunterkunft in Frankfurt (Oder)
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Bild: rbb/Inforadio/M.Groß

- Geschafft? Frankfurt (Oder) ist auf dem Weg

Etwas anzukündigen ist eine Sache, den Worten Taten folgen zu lassen, eine andere. So ist das auch mit dem Satz: "Wir schaffen das!". Als Angela Merkel 2015 diesen mittlerweile schon fast historischen Satz äußert, waren im gleichen Jahr rund 890.000 Flüchtlinge nach Deutschland eingereist. Haben wir es seitdem geschafft? Und was haben wir geschafft? Wenn wir an die Auseinandersetzungen und Demonstrationen in Cottbus denken, dann ist das mit der Integration wohl noch ein weiter Weg. In einer anderen Stadt - im Osten von Brandenburg -  geht es hingegen deutlich friedlicher zu: Marcus Groß über den "Frankfurter Weg".

Ein schöner sommerlicher Nachmittag. Auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum spielt die Band „Mit offenen Armen" im Zentrum von Frankfurt (Oder). Der Platz ist noch belebter als sonst. Auf den Bänken drumherum sitzen junge Menschen und quatschen. Ein bisschen abseits steht Florian Wilkesmann, er gehört zur Band.

„Mit offenen Armen“ ist ein politisches Musikprojekt. Während seine Kollegen spielen, versucht Wilkesmann mit Passanten ins Gespräch zu kommen. Er will über Integration reden. Die Band ist in den letzten Tagen schon durch viele deutsche Städte getourt, auch in Cottbus war er schon:

"In Cottbus war die Stimmung zu Beginn sehr negativ aufgeladen. Es war teilweise, dass man dachte, die Leute wollen gar nicht diskutieren, wollen nicht sprechen. Hier ist es so ich steh auf dem Platz und schnacke mit den Leuten und ich sage den Leuten: „Hey wir machen hier Musik, um ein bisschen gute Laune zu erzeugen und alle sagen, „hey, das ist so nötig, diesen Platz wieder positiv zu besetzen."

Jugendliche in einer Flüchtlingskunterkunft in Frankfurt (Oder)
Die Band "Mit offenen Armen" spielt auf Frankfurts zentralem Platz | Bild: rbb/Inforadio/M.Groß

In der letzten Zeit war es hier häufiger zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen gekommen. Schlagzeilen machte der Platz vor ein paar Wochen. Da kam es zu einer Massenschlägerei zwischen der Polizei und rund 50 Personen. Auch Jugendliche mit Flüchtlingshintergrund waren daran beteiligt. Seitdem geht die Angst um, es könnte zu Cottbusser Verhältnissen kommen.

In Frankfurt leben knapp 60.000 Menschen, unter ihnen rund 1400 mit Flüchtlingshintergrund, das sind rund 2,2%.

Jugendliche in einer Flüchtlingskunterkunft in Frankfurt (Oder)
Thomas Klähn, früher Projektmanager, arbeitet heute mit jungen Flüchtlingen | Bild: rbb/Inforadio/M.Groß

Um den Platz positiv zu beleben, hat die Arbeiterwohlfahrt auf einer Brache einen Möbelbaukurs organisiert. Junge Menschen aus Somalia, Senegal oder Frankfurt schrauben und sägen an alten Holzpaletten rum.  

"Finger weg und den Hammer hinten anfassen."

Thomas Klähn: Brille, braune Haare, Blaumann, passt auf, dass sich der junge Afghane Faysal nicht auf die Finger haut.

"Wir bauen hier aus Einwegpaletten Möbel."

Als die Flüchtlinge 2014 auch nach Frankfurt kommen, ist Thomas Klähn noch Projektmanager in einer Softwarefirma. Er ist einer der ersten, der mit seinem Verein „Vielfalt statt Einfalt“ Sprachkurse für Geflüchtete anbietet. Heute betreut er hauptberuflich junge, unbegleitete Flüchtlinge.

Über die Jahre hat er etliche Projekte, Workshops und Kurse für Geflüchtete angeboten. Seit einiger Zeit beobachtet Klähn jedoch, dass es schwieriger wird, die Menschen zu erreichen:

"Am Anfang waren sie immer hellauf begeistert, wenn wir was gemacht haben, Aktionen, Abwechslung alles gut. Jetzt haben sich die Geflüchteten etabliert, ihren Platz vermeintlich gefunden auch ihr auskommen in irgendeiner Art und Weise und das macht es deutlich schwieriger, weil die Geflüchteten sich eingerichtet haben und sie sind schwerer zu erreichen."

Man dürfe jetzt nicht die Flüchtlinge sich selbst überlassen, sagt Klähn. Motivation sei der Schlüssel für die Integration.

Jugendliche in einer Flüchtlingskunterkunft in Frankfurt (Oder)
Omid Monfarad kommt aus Afghanistan - er möchte etwas aus seinem Leben machen | Bild: rbb/Inforadio/M.Groß

Auf dem besten Weg in die deutsche Gesellschaft ist Omid Monfarad. Auch er hilft beim Zusammenbauen der Möbel. Der 23-jährige Afghane spielt Fußball beim FC Union Frankfurt, lernt Deutsch und fährt jeden Morgen mit dem Zug von Frankfurt nach Fürstenwalde. Dort arbeitet er in einer Reifenfabrik.

"Arbeit ist Arbeit mit Arbeit ist mehr Spaß, ja wirklich. Was machen? Zu Hause bleiben? Einfach Fernsehgucken, dann auch schlafen, geht nicht."

Als Omid vor drei Jahren nach Frankfurt kommt, hat die Stadt aus der Not eine Tugend gemacht. Zu dem Zeitpunkt stehen fast 25% der Frankfurter Wohnungen leer. Die Stadt entschließt sich, Asylsuchende auch ohne Anerkennung sofort in den Wohnungen der eigenen Wohnungsbaugesellschaft unterzubringen. Der "Frankfurter Weg" beginnt.

"Ich denke, wir sind mit unserem Frankfurter Weg einen sehr guten Weg gegangen."

sagt Milena Manns.

Jugendliche in einer Flüchtlingskunterkunft in Frankfurt (Oder)
Milena Manns hat früher für die Wohnungswirtschaft gearbeitet - heute ist sie Dezernentin für Kultur | Bild: rbb/Inforadio/M.Groß

Als Dezernentin gehört sie zum Team des neuen Oberbürgermeisters, doch die Herausforderungen rund um die Integration beschäftigen sie seit Jahren. Als die Flüchtlinge kamen, arbeitete sie noch für die städtische Wohnungswirtschaft.

"Wir haben die Leute auch nicht nur mit Wohnraum versorgt, sondern uns von Anfang an auch über begleitende Integrationsmaßnahmen verständigt, natürlich auch in Partnerschaft mit vielen vor Ort. Voraussetzung war der breite Konsens, dass Politik, Stadtverwaltung, Wohnungswirtschaft und Bürgergesellschaft gleich überzeugt waren von diesem Weg und gemeinsam an diesen Themen gearbeitet haben."

Um das Zusammenleben zwischen Deutschen und Flüchtlingen so reibungslos wie möglich zu gestalten, holt sie als Sozialmanagerin alle Beteiligten ins Boot.

"Dazu gehören solche Sachen wie Lotsenprogramme, dass wirklich Geflüchtete selbst auf ihrer Sprache auch erklären wie das wohnen in Deutschland funktioniert und beim Einleben auch unterstützend helfen. Wir haben eine 24 Stunden Infohotline erstellt. Wir haben Willkommensbriefe an alle bestehenden Nachbarn geschrieben, wir haben Begegnungsangebote etabliert."

Heute leben fast alle der rund 1400 Flüchtlinge in Wohnungen oder Wohngemeinschaften, quer über das Stadtgebiet verteilt. Dass das Zusammenleben verschiedener Kulturen auch Probleme mit sich bringt, dafür steht die Hochhaussiedlung "Pablo Neruda".

"Also, wir befinden uns hier im Pablo Neruda Block in Frankfurt (Oder). Das ist auch ein Problemviertel, das öfters in der Zeitung stand."

Ingolf Schneider und Wilko Möller von der Frankfurter AfD stehen vor einer schmucklosen DDR-Platte, vierzehn Stockwerke ragt sie in den Himmel. Bis die Flüchtlinge kamen, zogen mehr Leute aus als ein. Mittlerweile leben 13 verschiedene Kulturen Tür an Tür. Ruhestörung, fehlende Mülltrennung und ausländerfeindliche Parolen - zeitweise war die Situation hier am kippen.

Doch alte und neue Mieter haben begonnen aufeinander zuzugehen. Der Nachbarschaftstreff "Gute Stube" ist zum Ort des Kennenlernens geworden. Der von der Stadt geförderte Kieztreff hilft Ruhe in das Quartier zubringen.

Möller und Schneider halten trotzdem nichts von der Politik der „offenen Arme“. Integration koste nur Geld, außerdem seien die Geflüchteten nur Besucher auf Zeit. Wieso also Integration fragt AfD-Vorsitzender Wilko Möller.

"Integration? Das sind Flüchtlinge, die haben einen temporären Schutz in Deutschland aufgrund von Kriegshandlungen oder Verfolgungen in ihren Heimatländern. Integration bedeutet ja dass sie dauerhaft hierbleiben wollen. Ich findes dieses etwas konzeptionslos zu behaupten, wir würden die Leute hierherholen aber was ist denn das Endziel dieser Integration?"

In der Mehrheit stehen die Frankfurter aber hinter der Integration. Erst im Mai wurde der Linke René Wilke mit deutlicher Mehrheit zum neuen Frankfurter Oberbürgermeister gewählt.

Die Probleme rund um den Pablo Neruda Block und Platz vor dem Kaufland greift Wilke auf. Polizei und Ordnungsamt gehen vermehrt auf Streife. Auch über Videoüberwachung denkt der neue Oberbürgermeister laut nach. Doch es soll weitergehen mit der Integration.

Der "Frankfurter Weg", er soll in Zukunft fortgesetzt werden.

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Dominik Lenz befragt den Inhaber einer Mühle (Foto: Inforadio/Kattner)
Inforadio/A. Kattner

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