Der syrische Flüchtling Oudai Alhomsi
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- Kein Familiennachzug: "Da bricht eine Welt zusammen"

Bis Ende Juli bleibt der Familiennachzug für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz ausgesetzt, danach dürfen insgesamt bis zu 1000 Menschen pro Monat nachgeholt werden. Was diese politische Formel für die Betroffenen heißt, die als syrische Bürgerkriegsflüchtlinge häufig schon länger als zwei Jahre auf ihre Angehörigen warten, wollte Inforadio-Reporter Thomas Rautenberg wissen.

Ein gut bürgerliches Mietshaus in der Steglitzer Forststraße. Am Klingelschild steht Oudai Alhomsi. Der 28jährige Syrer wohnt, mit fünf weiteren Flüchtlingen in einer WG in der Parterrewohnung. Alles ist piekfein sauber. Im Wohnzimmer bullert der Kachelofen, die Wände sind kahl und weiß. Der einzige Luxus im Zimmer sind eine Couch und einige Sessel, die an der Wand entlang aufgestellt sind.

Oudai Alhomsi lebt, wie er erzählt, seit November 2015 in Deutschland. Seine Familie musste aus Syrien fliehen, weil der junge Mann nicht für Assad kämpfen wollte. Mit seiner schwangeren Frau und seinem kleinen Sohn kam er in Zaatari, dem größten Flüchtlingslager in Jordanien unter. Dort hatten die drei zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Die Familie beschloss, dass sich Oudai erst einmal allein nach Deutschland durchschlagen sollte: "Der Weg ist sehr teuer. Das kostet für eine Person ca. 5.000 Euro. Das ist der erste Grund. Der zweite und viel wichtigere Grund ist, dass man über das Mittelmeer muss. Das ist ein großes Problem für die Familie und vor allem für die Kinder."

Oudai schaffte den Weg. Er bekam, wie viele seiner Landsleute, den so genannten subsidiären, sprich nachrangigen Schutz als Bürgerkriegsflüchtling. Der damals 25Jährige begann sofort, Deutsch zu lernen: "Ich habe keine Minute verloren, weil ich mich schnell integrieren und dann meine Familie nach Deutschland holen wollte. Und ich möchte gern selbstständig sein."

Forststraße in Berlin-Steglitz
Oudai Alhomis lebt in einer WG in der Steglitzer Forststraße. | Bild: rbb/Rautenberg

"Die Bundesregierung hatte es uns versprochen"

Ein Praktikum bei der BVG und anschließend eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik hat er bereits sicher. Oudai zieht eine Mappe aus der Tasche. Darin der Bescheid vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge über seinen Aufenthaltsstatus. Unter Punkt 4 "Familienzusammenführung" steht dort - Zitat: "Wurde Ihnen die Aufenthaltsgenehmigung nach dem 17. März 2016 erteilt, ist ein Familiennachzug bis zum 16. März 2018 nicht erlaubt. Nach dem 16. März 2018 haben Ehegatten und minderjährige, ledige Kinder einen Anspruch auf Familiennachzug."

Vor fast zwei Jahren war das - solange wartet und hofft Oudai darauf, dass seine Frau mit den inzwischen zwei Kindern nachkommen kann. Er habe der Bundesregierung wirklich vertraut, sagt der Syrer: "Die Bundesregierung hat uns versprochen, dass wir ab 16. März 2018 unsere Familien nachholen können. Und dieses Jahr, 2018, hat die Regierung plötzlich das Recht geändert."

Nach dem Willen der Großen Koalition bleibt der Familiennachzug nämlich ausgesetzt. Bis Juli, dann soll  es eine Neureglung geben. Für Oudai auf der einen Seite und für dessen Frau und Kinder auf der anderen, in einem jordanischen Flüchtlingslager, heißt das vor allem eines: Warten!

"Integration ohne Perspektive - das funktioniert nicht"

Gauhar Besmil kennt alle Höhen und Tiefen der Flüchtlingspolitik der vergangenen Jahre. Sie leitet seit 2015 eine Flüchtlingseinrichtung der Arbeiterwohlfahrt am Berliner Kaiserdamm. Und sie weiß, dass gerade die Familie in Krisenzeiten über vieles hinweg helfen kann: "Ich habe eine sehr schlechte Erfahrung mit einem jungen Vater gemacht, der mit einem Sohn über das Mittelmeer nach Deutschland gekommen war. Unterwegs hatte sein Sohn einen Unfall erlitten. Das war so schlimm, so schrecklich den kleinen Jungen zu sehen, der die Hilfe und Wärme seiner Mutter suchte. Der Vater konnte sie ihm nicht geben. Und dann habe ich erlebt, dass seine Mutter und zwei Geschwister nachgekommen sind. Wenn ich den Mann, den ich kennen gelernt habe mit dem Mann, den ich jetzt sehe vergleiche, dann sehe ich, was das ausmacht, wenn der Mann mit seiner Familie zusammen lebt."

Integration in die Gesellschaft setzt voraus, dass man sich in dieser Gesellschaft auch wohl fühlen kann. Wie soll das gehen, ohne jede Perspektive für ein gemeinsames Familienleben, fragt die 64-jährige Einrichtungsleiterin eher rhetorisch: "Es ist sehr kontraproduktiv, wenn man etwas verlangt, demjenigen aber die Voraussetzungen dafür entzieht. Ich versetze mich so oft in die Lage einer Frau, die es mit einem Kind geschafft hat, hierher zu kommen und deren anderen Kinder noch in Griechenland sind. Ich begreife es nicht, warum man die Zusammenführung nicht zulässt."

Gauhar Beslim, die Leiter des AWO-Refugiums am Kaiserdamm
Gauhar Bemsil, die Leiterin des AWO-Refugiums am Kaiserdamm | Bild: rbb/Rautenberg

"Das wird in den Menschen etwas auslösen"

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes lagen bis zum Ende des vergangenen Jahres etwa 54.000 Anträge auf den Nachzug von Verwandten vor. Bis zu einer Genehmigung vergehen bis zu anderthalb Jahre. Wenn nun ab August monatlich 1.000 Angehörige Geflüchteter nachkommen dürfen, wird deutlich, wie lange viele Familien warten müssen. Zumal noch nicht einmal klar ist, nach welchen Kriterien ausgesucht wird, sagt Katharina Vogt, Referentin für Flüchtlingspolitik beim Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt: "Wonach wird sich das richten? Wird sich das nach der Schwere des Einzelfalles richten oder kommt der zuerst, der als erstes den Antrag gestellt hat? Wie wird das laufen? Das weiß kein Mensch! Viele werden dabei auf der Strecke bleiben und es wird unglaublich viel Leid schaffen."

Frust und Enttäuschung werden die Folgen sein, warnt sie: "Für diese Menschen bricht eine Welt zusammen. Die waren bereits in den vergangenen zwei Jahren Flüchtlinge zweiter Klasse. Und ihnen wird im Grunde jede Hoffnung auf ein Zusammenleben in der Familie genommen – bis auf weiteres. Und das wird in den Menschen etwas auslösen. Die werden wirklich zur Verzweiflung getrieben und viele werden ihren Familienmitgliedern empfehlen, auf illegalen Wegen hierher zu kommen. Vielleicht auf Schlauchbooten über das Mittelmeer oder über sonstige gefährliche Wege. Und das wollen wir natürlich überhaupt nicht gern haben."

"Ich war hoch motiviert - und heute habe ich alles verloren"

Für Oudai Alhomsi ist die Welt bereits zusammengebrochen gibt der 28-jährige Syrer ganz offen zu: "Ich bin sehr traurig. Ich fühle mich wie ein Mann der auf einer Autobahn fährt und am Ende ist die Straße zu. Ich müsste zurück bis zum Anfang und einen neuen Weg suchen und ein anderes Leben anfangen. Aber ich kann das nicht so machen."

Nach Jordanien zu seiner Familie ins Flüchtlingslager kann er nicht zurück. Auch in die Niederlande - wo er schon nach acht Monaten seine Familie nachholen könnte - darf er nicht, schließlich ist er in Deutschland als Flüchtling registriert. Alle Wege für ihn und seine Familie scheinen abgeschnitten: "Ich war hoch motiviert und heute habe ich alles verloren. Warum soll ich noch mehr lernen oder einen Job finden? Warum muss ich in Deutschland alles machen und trotzdem darf ich meine Familie nicht hierher holen? Was soll ich machen?"

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Dominik Lenz befragt den Inhaber einer Mühle (Foto: Inforadio/Kattner)
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