Eine Müllsammlerin in China
ARD/Axel Dorloff
Bild: ARD/Axel Dorloff

- China will Europas Müll nicht mehr

Unsortierter Plastikabfall, Altpapier, CDs, Textilien – die Volksrepublik weigert sich, weiterhin der Müllschlucker für die halbe Welt zu sein. 24 verschiedene Recyclingmaterialien dürfen seit dem 1. Januar nicht mehr nach China exportiert werden. Für die Industrienationen wird es jetzt schwieriger, ihren Müll loszuwerden. Die Chinesen hingegen finden die neue Regelung durchweg positiv. Korrespondent Axel Dorloff hat mit Menschen gesprochen, die in China vom Geschäft mit dem Müll leben.

Die für westliche Staaten bequemen Zeiten, in denen riesige Frachter Kurs auf das Reich der Mitte nahmen, um dort den Müll der Industrieländer abzuladen, sind vorbei. Lange sahen beide Seiten Vorteile in diesem Handel: Der Westen wurde seinen Abfall los, Firmen in China ließen ihre Arbeiter den angelieferten Müll nach verwertbaren Stoffen durchwühlen und machten Profite.

Ganze Regionen in chinesischen Provinzen verdienten ihren Lebensunterhalt damit, den Abfall von anderen Kontinenten zu sortieren und auszuschlachten. Nun aber will der bisherige Abfall-Importweltmeister China seine Umwelt und Arbeiter besser schützen. Der Müll sei zu gefährlich, begründete Peking seine Entscheidung in einem Schreiben an die Welthandelsorganisation (WTO).

Tatsächlich dürfte Chinas Kehrtwende noch einen anderen Grund haben. 2016 hat die Volksrepublik rund 7,3 Millionen Tonnen Plastikmüll im Wert von 3,7 Milliarden Dollar eingeführt - mehr als die Hälfte der weltweiten Importe. Doch auch selbst produziert das Land immer mehr Unrat, den es kaum noch bewältigen kann. Rund 200 Millionen Tonnen Hausmüll waren es im vergangenen Jahr. 

Konsequenzen für deutsches Abfallsystem

In Deutschland wird durch die Entscheidung einiges in Bewegung kommen, da sind Experten sich einig. 560.000 Tonnen Plastikabfälle pro Jahr hat die Bundesrepublik bisher nach Angaben des Umweltbundesamts (UBA) nach China exportiert - das waren immerhin 9,5 Prozent des Plastikmülls. Werden die sich jetzt irgendwo stapeln?

"Wir werden schon in Schwierigkeiten kommen, aber das sieht nicht so aus, dass der Privatmann auf seinem Müll sitzen bleibt", sagt Jörg Lacher vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE). Bis vor Kurzem hätten Recycling-Unternehmen ihr Material noch ankaufen müssen. Inzwischen bekämen sie teilweise schon Geld dafür, es Sortieranlagen oder den Dualen Systemen abzunehmen. "Dieser Trend wird sich ganz klar verstärken", erklärt Lacher.

Der Grüne Punkt - der Betreiber des bekanntesten Sammelsystems - teilt dagegen mit, dass er von der Entscheidung "nicht direkt" betroffen sei, weil der Inhalt der gelben Säcke oder Tonnen ohnehin größtenteils in Deutschland oder Europa verwertet werde. Zudem habe man eigene Recycling-Kapazitäten, die ausgebaut würden.  

Chance für mehr Umweltschutz durch mehr Recycling

Dass insgesamt ein Preisdruck entstehen könne, bestätigt ein Sprecher allerdings. Ob Verbraucher den zu spüren bekämen, sei eine andere Frage - für einen Joghurtbecher etwa lägen die Entsorgungskosten deutlich unter einem Cent.

"Die Verschlechterung der Exportbedingungen nach China ist aus Umweltsicht positiv - denn damit entstehen Anreize, in Deutschland die Kunststoffabfälle besser zu sortieren und aufzubereiten sowie mehr recycelte Materialien einzusetzen", sagt Evelyn Hagenah vom Umweltbundesamt.

Das müsse vor allem die Wirtschaft leisten. Die Märkte würden aufgemischt durch Chinas neue Importregeln: "Wenn die Nachfrage zum Beispiel nach Müllverbrennung steigt, kann das die Kosten treiben - und damit Recycling konkurrenzfähiger machen."

Das wäre auch mit Blick auf die Zukunft hilfreich - denn das neue Verpackungsgesetz, das 2019 in Kraft tritt, schraubt die vorgegebenen Recyclingquoten nach oben. Umweltverbände und Recycling-Branche mahnen daher im Chor, dass Verpackungen besser wiederverwertbar werden müssen und mehr Recycling-Material verwendet werden soll.  

Auch EU will mehr Recycling

Die Europäische Union ruft Bürger und Unternehmen ebenfalls dazu auf, deutlich mehr Plastik zu recyceln und weniger Abfall zu produzieren. Bis 2030 solle "das gesamte Verpackungsmaterial auf dem EU-Markt wiederverwertbar sein", teilte die EU-Kommission Mitte Januar in Straßburg mit. Ihr neuer Strategieplan sieht auch vor, Recycling profitabler zu machen und den Verbrauch von Einweg-Plastik zu reduzieren.

"Einfach zu sagen, 'Lasst uns Plastik verbieten' wird nicht funktionieren", sagte Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans. Plastik sei unverzichtbar - vor allem brauche es aber besseres Plastik.

Die EU setzt deshalb auf einen Mix aus wirtschaftlichen, freiwilligen und unterstützenden Maßnahmen. So sollen etwa wirtschaftliche Anreize für die Recycling-Industrie und einheitliche Kennzeichnungen für biologisch abbaubare Ersatzprodukte geschaffen werden. Eine erste EU-Richtlinie sieht vor, dass in allen europäischen Häfen Sammelstellen für auf See anfallende Abfälle eingerichtet werden. Die Nutzung von Mikroplastik etwa in Kosmetika soll eingeschränkt werden.

Timmermans sieht Pekings Importstopp als Gelegenheit: "Wir können unseren Müll nicht mehr nach China schicken", sagte Timmermans der Nachrichtenagentur AFP. Das sei die Gelegenheit, "um zu zeigen, dass wir auch hier recyceln können".

(Mit Material von: dpa und AFP)

Zurück zur Übersicht

Dominik Lenz befragt den Inhaber einer Mühle (Foto: Inforadio/Kattner)
Inforadio/A. Kattner

Nahaufnahme

Reportagen zum aktuellen Zeitgeschehen: Journalisten des rbb und ARD-Auslands-Korrespondenten geben einen Einblick in unterschiedlichste Lebenswelten.