Lawrence Halksworth (als Der Diktator), Eva Maria Nikolaus (als Charlotte) und Isabel Reinhard (als Maria), v.l., während der Fotoprobe zu Der Diktator in der Neuköllner Oper in Berlin.
imago stock&people
Bild: imago stock&people

- "Der Diktator": Tut weh und gut

In der Blütezeit der Weimarer Republik schrieb Ernst Krenek 1926 „Der Diktator“. Eine Oper über einen kriegstreibenden Despoten – und damit eine Werk, das den Nazis ein paar Jahre später gar nicht gefiel. Sie verboten „Der Diktator“. Bis heute wird „Der Diktator“ nur selten gespielt – das muss man ändern, hat sich die Neuköllner Oper gedacht und den Einakter gestern auf die Bühne gebracht. Jakob Bauer berichtet.

"Du bist der, der mich streichelt. Du bist der, der mir sagt, was ich kann. Der, der mich schlägt. Den ich liebe. Den ich hasse. Der schreit und flüstert. Du bist der, der mir sagt, wer ich bin!“

Das sind die ersten Worte der Oper "Der Diktator“ von Ernst Krenek in der Inszenierung der jungen Regisseurin Ariane Kareev. Sie setzen den Rahmen, die Themen, den Inhalt für eigentlich alles, was in der nächsten Stunde passiert. Das wiederum ist vom Plot her gesehen erstmal gar nicht so viel: Der Diktator (Lawrence Halksworth) erholt sich gerade mit seiner Frau (Eva Maria Nikolaus) in der Schweiz vom vergangenen Krieg und plant, ganz machtversessener Despot, gleich den nächsten. Im benachbarten Sanatorium beschließt ein Offizier (Sotiris Charalampous), der im vorangegangenen Krieg sein Augenlicht verloren hat und schwer traumatisiert ist, zusammen mit seiner Frau Maria (Isabel Reinhard), den Diktator zu ermorden.

Krieg als geliebtes Hobby

Das alles spielt sich auf einer kleinen Nebenbühne der Neuköllner Oper ab. Der Zuschauerraum grenzt direkt an das schlicht gehaltene Bühnenbild an, das aus einer Wippe besteht, die, in der richtigen Position,  zu einem erhöhten Podest führt. Auf diesem residiert – seinem Stand entsprechend – die meiste Zeit der Diktator. Nach vorne kommt er nur, um seine Reden zu halten, die den Populismus preisen, über das Establishment herziehen und für den kleinen Mann einstehen. Während er spricht, spritzt die Spucke des selbstgerechten, boshaft-süffisant-starrenden Diktators wortwörtlich auf die Füße des Publikums. Auch wenn das alles nur Schau ist. Denn für den Diktator ist Krieg einfach nur ein geliebtes Hobby

Verführung statt rationalem Denken

Und das ist das Interessante an diesem Stück: Es gibt keine Zwischentöne, nicht die charakterlichen Grauschattierungen zwischen Schwarz und Weiß, mit denen viele Produktionen heute so gerne arbeiten. Nein. Der Diktator ist einfach nur ein machtgeiler Geck, der eine Sache gut beherrscht: Die Verführung. Und so bringt er Maria, die ihn töten will, mal eben dazu, sich in ihn zu verlieben. Denn er ist der, den man hasst, liebt, der einen schlägt und streichelt. Und da hilft dann auch kein rationales Denken mehr.

Die Darsteller explodieren förmlich

Die Körpersprache der vier Hauptdarsteller ist an diesem Abend ihr größtes Kapital, denn leider leidet die Sprachverständlichkeit unter der eigentlich tollen Nähe zwischen Publikum und Sängern. Die Ohren fiepen häufiger, als dass sie semantischen Sinn erkennen. Aber das Leid des blinden Soldaten im Bademantel, der Größenwahn des ganz in Weiß auftretenden Diktators, die rasende Eifersucht seiner Frau, wankelmütige Liebe und Hass von Maria und bei allen die dauerpräsente, sexuelle Komponente der Verführung, sie sind wie eine zweite Haut der Darsteller, die in ihren Rollen förmlich zu explodieren scheinen. Das liegt auch an der tollen musikalischen Arbeit, die das Trio aus Schlagzeug, Cello und Klavier unterstützend leistet. Die Musiker springen zwischen reizenden Melodien, rein perkussiven Elementen und seltenen Jazz-Vibes umher und genießen die expressionistischen Anklänge Kreneks.

Zaghafte Anbiederung an Heute

Unterdrückung und Verführung sind zeitlose Themen, auch im politischen Kontext. Deswegen ist es eine gute Entscheidung der Regisseurin Ariane Kareev, den „Diktator“ inszenatorisch nicht in die Gegenwart zu zwingen. Die Gefahren und die Umgarnungen der Diktatur, die betörenden Fähigkeiten eines charismatischen Anführers, der gegen jede Rationalität seine Anhänger und seine Feinde um den Finger wickeln kann: Um zu verstehen, dass das auch im 21. Jahrhundert die Realität sein kann, muss „Der Diktator“ nicht im Jetzt spielen. Aber leider hält Kareev diese so angenehm auf’s Wesentliche reduzierte Marschrichtung nicht vollständig durch. Und so muss der Diktator dann doch mal ohne erkennbaren Grund ein Handy zücken – was formal so gar nicht zur sonstigen Inszenierung passt. Solche überflüssigen Anbiederungen bleiben allerdings zum Glück die Ausnahme.

Hinten eine auf den Kopf

Es ist kein leichter Abend, eine Stunde lang wird hier inhaltlich und musikalisch auf massiven Metaebenen losgeballert. Man muss dieser Produktion seine ganze Aufmerksamkeit schenken, dem eigenen Hirn genauso wenige Atempausen gönnen wie das die Dramaturgie vorlebt. Diese Inszenierung von „Der Diktator“ gibt einem hinten eine auf’n Kopf mit. Und das tut weh. Und gut.

Auch auf inforadio.de

Probe Staatsballett "Herrumbre" (Bild: dpa)
dpa

Kultur

Der Wegweiser durch die weite Berlin-Brandenburgische Kulturlandschaft: Premierenkritiken, Film- und Musik-Tipps, Buchbesprechungen und Rundgänge durch aktuelle Ausstellungen. Die Kultur präsentiert das Wichtigste aus den Theater- und Kinosälen, Opern- und Konzerthäusern, Museen und Galerien und anderen Kulturräumen der Region und darüberhinaus.