"Klassenbuch" - Eine Inszenierung des Jungen DT
Arno Declair
Bild: Arno Declair

- Dringlich, fragmentiert und verstörend: "Klassenbuch"

"Klassenbuch" das klingt altmodisch und dröge. Es ist aber ein Roman des Schriftstellers und Dramaturgen John von Düffel, der heutige Schülerwirklichkeit in den Blick nimmt. Das junge DT am Deutschen Theater Berlin hat von Düffels Roman jetzt dramatisiert. Ute Büsing war in der Uraufführung

Ganz schön vertrackt ist schon die Roman-Vorlage - eine düstere Hommage an den wackeligen Zwischenzustand der Jugend. Metaphorisch und leitmotivisch verkörpert von der Grille, die nur ihr Ding durchzieht und der pflichtbewussten Ameise.

Kampf um Identität mit allen Mitteln

13 Jugendliche kämpfen mit allen Mitteln, vor allem digitalen, um ihre Identität. Gemeinsam sind sie nur im Klassenzimmer, sonst erleidet jeder für sich allein die digitale Adoleszenz. Mit hohem Tempo hauen die Spieler des jungen DT die überwiegend beklemmenden Monologe heraus, schlüpfen in die Rollen von Schulschwänzern und Mobbing-Opfern, Computernerds und Opernaspiranten, Magersüchtigen und Suizidgefährdeten.

Auf einem weißen, mit Live-Videos und Computer-Amimationen bespielten Podest stellen sie gnadenlos gut zur Schau, wie fremd sich Jugendliche und Eltern geworden sind, wie schwer es fällt, sich im Overkill-Angebot sexueller Identitäten zurechtzufinden - notfalls eben, wie hier als Elf - und wie sehr die Nutzung neuester Medien bis hin zur Drohne den Umgang im Alltag überschreibt. Eine Zentralfigur ist Computernerd Lenny, der alles filmt, ins Netz stellt, aber eben auch zurechtschneidet, virtuelle Fake-Wahrheiten herstellt. Dann gibt es die Scheuen und die Schüchternen, wie die Geschwister, die liebevoll tote Tiere von der Straße sammeln und beerdigen. Und die Erkenntnis: Grillen gibt es nicht. Sie wurden von den Ameisen assimiliert.

Beklemmende Inszenierung

Die meisten der Schülermonologe sind an die Klassenlehrerin adressiert. Die ist zwar unsichtbar und über ihre plötzliche Abwesenheit wird alles Mögliche gemutmaßt. Sie  muss herhalten für krumme Entschuldigungen, vertrackte E-Mails, Video-Aufzeichnungen, Abschiedsbriefe. Ganz zum Schluss wird ihr eine fulminantes virtuelle Befeuerung zur künstlichen Intelligenz beschert. Aber es gibt auch eine Club-Szene mit tollem Groove, eine lustige Abrechnung mit schlechtem Schul-Catering, eine Erinnerung an den Bürgerkrieg in Mostar. Der Tod in allen Spielarten ist extrem präsent in Kristo Sagors beklemmender Inszenierung. Aber so wie beim jungen DT muss ein Klassenbuch 2018 wohl aussehen: dringlich, fragmentiert und verstörend.

Auch auf inforadio.de

Probe Staatsballett "Herrumbre" (Bild: dpa)
dpa

Kultur

Der Wegweiser durch die weite Berlin-Brandenburgische Kulturlandschaft: Premierenkritiken, Film- und Musik-Tipps, Buchbesprechungen und Rundgänge durch aktuelle Ausstellungen. Die Kultur präsentiert das Wichtigste aus den Theater- und Kinosälen, Opern- und Konzerthäusern, Museen und Galerien und anderen Kulturräumen der Region und darüberhinaus.