Archiv: Gedenken an Utøya-Opfer 2018 in Berlin (Bild: imago images/ Christian Ditsch)
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- Zehnter Jahrestag der Anschläge in Oslo und auf Utøya

Der 22. Juli ist ein Tag der Trauer und des Traumas in Norwegen. Vor zehn Jahren wurden bei rechtsextremen Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya insgesamt 77 Menschen ermordet. Die Folgen dieser Anschläge sind noch sehr präsent, sagt Kai Hanno Schwind, Medienwissenschaftler an der Osloer Kristiania-Universität.

Am 22. Juli 2011 ermordet der Rechtsextremist Anders Breivik in der Osloer Innenstadt und auf der Ferieninsel Utøya insgesamt 77 Menschen. Zehn Jahre nach dem Terroranschlag sind die Wunden immer noch offen, sagt Kai Hanno Schwind, Medienwissenschaftler an der Kristiania-Universität in Oslo.

Schwind hat das Attentat in seiner Familie sehr nah miterleben müssen. Eine Cousine seiner norwegischen Partnerin überlebte den Terroranschlag auf Utøya. Besonders an den Gedenktagen sei der Anschlag noch sehr präsent, sagt Schwind. "Man spielt das wie einen Film immer wieder durch. Wir sind dankbar, dass ihr nichts passiert ist. Aber man merkt auch, wieviel Glück das war und bei wie vielen Familien es anders ausgegangen ist.“

Rechtsextreme Strukturen auch in Norwegen

 

In den Jahren seit dem Anschlag habe sich der Diskurs um die Terroranschläge langsam verändert, erklärt der Medienwissenschaftler. "Am Anfang ging es natürlich um Täter, obwohl man versucht hat ihm so wenig Raum wie möglich einzuräumen.“ Danach ging es um den Prozess und die Verurteilung. Doch die Debatte über die Hilfslosigkeit der Polizei während der Anschläge und über rechtsextreme Strukturen in Norwegen sei erst in den vergangenen zwei oder drei Jahren in Gang gekommen, so Schwind.

Inzwischen spreche man in Norwegen nicht mehr von einer Einzeltat. Doch der Prozess sich einzugestehen, dass es in Norwegen, wie in anderen Ländern auch, rechtsextreme Netzwerke gibt, bleibe schmerzhaft, sagt Schwind. Zuletzt wurde bekannt, dass die Opfer und Hinterbliebenen der Anschläge von vor zehn Jahren im Internet neuerlichen Hasskampagnen von Rechtsextremen ausgesetzt sind.

Hintergrund: anschläge in Oslo und auf Utøya

Am 22. Juli zündete der rechtsextreme Terrorist Anders Behring Breivik im Osloer Regierungsviertel eine selbstgebaute Bombe und tötete damit acht Menschen. Anschließend fuhr er zur Insel Utøya, wo die Jugendorganisation der Sozialdemokraten (AUF) ihr jährliches Zeltlager veranstaltete. Er schoss wahllos auf die Teilnehmer. In den 92 Minuten bis zu seiner Festnahme nahm er 69 überwiegend jungen Menschen das Leben. Seine jüngsten Opfer waren 14 Jahre alt.

In den Jahren nach dem 22. Juli 2011 wurde in Norwegen vor allem der Polizeieinsatz diskutiert. Es gab zu viele Pannen, die Menschenleben kosteten. Die Polizei hatte keine Hubschrauber, keine Boote, die Einsatzkräfte konnten nicht miteinander kommunizieren - und bei all dem saß nur eine Person in der Operationszentrale, die zwei Anschläge und hunderte Notanrufe koordinieren musste. Daraus hat man gelernt. "Die norwegische Polizei wurde personell aufgestockt", versichert Thor Kleppen Séttem, Staatssekretär im Justizministerium. Die Bereitschaftstruppen seien verstärkt worden, es gebe nun Helikopter, und es werde viel mehr geübt. Außerdem seien die Regierungsgebäude in Oslo nun besser gesichert.

Anders Behring Breivik wurde zur norwegischen Höchststrafe verurteilt: 21 Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Er sitzt isoliert in drei Zellen im Gefängnis von Skien. Bis heute hat er seine Taten, die er mit einer Furcht vor der Islamisierung der westlichen Welt begründet, nicht bereut.

Quelle: dpa, 21.07.2021