Ein Kreuz liegt auf dem Begriff "Missbrauch". (Bild: Christian Ohde)
imago/Christian Ohde
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- "Die Kirche hat verschleppt, so lange es ging"

Vor zehn Jahren kam der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche ans Licht. Die Aufarbeitung erfolgt schleppend, beklagen Opferverbände. Über den Skandal und den Umgang der Kirche damit haben wir mit Matthias Katsch gesprochen. Er ist Sprecher des Betroffenenvereins "Eckiger Tisch".

Es gibt nicht vieles, was eine alte und mächtige Organisation wie die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern kann. Heute vor genau 10 Jahren ist genau das geschehen - und bis heute hat sie sich nicht davon erholen können. Am 14. Januar 2010 vertrauten sich drei ehemalige Schüler am Berliner Canisius-Kolleg dem damaligen Schulleiter Pater Klaus Mertes an und erzählten ihm, dass sie in den 70er und 80er Jahren an der Schule sexuell missbraucht wurden.

Matthias Katsch ist einer der drei Schüler. Er ist Gründer und Sprecher der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch". Mit welchem Bewusstsein habe er damals an die Tür des Schulleiters geklopft? "Uns war klar, dass wir an der Schule eine dreistellige Anzahl von Opfern vermuten konnten. Das hat sich nachher auch bestätigt." Dass es dann diese Erschütterung in der Republik und in der katholischen Kirche auslösen würde, das sei ihm zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen.

Studie: 100.000 Fälle im Bereich der katholischen Kirche

Zwischen 1946 und 2014 wurden rund 1670 Kleriker wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt. Es gab 3677 Opfer. "Diese sind das Ergebnis einer Studie, die Personalakten von Priestern ausgewertet hat. Das ist das, was die Institution selber gefunden hat.“ Es sei ein Ausschnitt, denn vieles ist auch vernichtet worden. Der Fall von Matthias Katsch sei in dieser Auswertung gar nicht dabei. "Es ist die berühmte Spitze des Eisberges.“ Das "Dunkelfeld" dürfte laut Katsch um einiges größer sein. "Kürzlich wurde eine Studie veröffentlicht an der Uni Ulm, die sprach von über 100.000 Fällen für den Bereich der katholischen Kirche.“

10 Jahre ist sein Gespräch mit dem Pater her - viel Zeit für die Kirche um sich zu entschuldigen, um Entschädigungen zu zahlen, um gründliche Aufarbeitung zu leisten. Hat die Kirche die Zeit genutzt? "Sie hat, so muss man es leider sagen, verschleppt so lange es ging." Jetzt sei man an einem Punkt, wo tatsächlich Aufarbeitung konkret geschehen solle. Und erst jetzt werde über Entschädigung gesprochen. Dennoch fangen Teile der Kirche jetzt wieder an, Widerstände zu organisieren. Laut Katsch brauche es auch eine gesellschaftliche Unterstützung, damit man zu einer Einigung mit der Kirche kommen kann.

Allerdings gehe in vielen Bistümern die Aufarbeitung erst jetzt los. "Da hat man bis zuletzt versucht, den hochgeschätzten ehemaligen Bischof oder Prälaten zu schützen vor Enthüllungen.“  

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