Mann mit Fernglas auf dem Dach
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- Aus der Ferne sieht man besser

Vermutlich ist es menschlich, aber deswegen noch lange nicht rühmlich: Das Fehlverhalten anderer sieht man immer sofort - das eigene bleibt oft verborgen. Kolumnistin Renée Zucker hat festgestellt, dass die Ferne einem beim Sehen durchaus helfen kann – obgleich sie nicht versteht, warum das so ist.

In dem Film "Stars gegen Trump", den Phoenix am Dienstag und Mittwoch zeigte, sagt der Schriftsteller Paul Auster sinngemäß am Ende eines Gesprächs, er sei wirklich erschüttert über die zunehmende Grausamkeit seiner Landsleute.

Wir nicken und wissen: Na ja, Amerika war schon immer ein gewalttätiges Land, man denke nur an  Todesstrafe, Waffengesetze und die CIA-Morde - sie sind nicht schlimmer als sie schon waren. Und doch glaubt man zu verstehen, was er meint: Trotz aller Meinungsunterschiede die Übereinkunft, dass alle "Hinzugekommene" sind - alle sind von anderswo gekommen. Diese Übereinkunft scheint es außerhalb der großen Städte nicht mehr zu geben. Als seien die europäischen Pioniere auf ihren Planwagen die eigentlich angestammte Bevölkerung - die ersten und die letzten. Wir, die wir von weiter weg hinschauen, wissen, dass es nicht so ist.

Allerdings fragt man sich, warum es diese Entfernung braucht, um diese doch eigentlich sehr klare Tatsache anzuerkennen. Weil wir selbst auch nicht besonders gut im Hingucken sind auf das, was im eigenen Haus nicht stimmt. Hier ermordet ein Pfleger in Niedersachsen sechs Jahre lang vermutlich über 300 kranke und alte Menschen, ohne dass irgendetwas Nennenswertes seitens seines Arbeitgebers oder in der Bevölkerung passiert. Man stelle sich vor, der Mann hätte einen Migrantenhintergrund gehabt.

Da  schwafelt der Verfassungsschutzrentner von "linksradikalen" Regierungsparteimitgliedern, während in Chemnitz Rechtsradikale weiter - gerne Freitags nach ihren Demos -  Menschen jagen, die nicht richtig Deutsch aussehen, oder bedrohen ausländische Restaurants. Polizei und Pressestelle der Stadt sehen aber keinen Anlass, sich dazu zu äußern.

Und das sind nur zwei von weiteren Skandalen, die glauben lassen, hier nehme die Grausamkeit in unserem Land zu. Na ja, wird  dann von ferne genickt: Deutschland war schon immer Mörderland - rassistisch, unempathisch und feige. Und wider die allgemeine Annahme: Dazu gelernt haben wir offensichtlich auch nicht.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.