Ein grüßender Schatten
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- "Machet jut, Schwester"

Ein zutiefst menschliches Bedürfnis ist es, andere zu erkennen - und immer wieder zu erkennen. Das kommt in unterschiedlichen Formen und Formeln des Grußes zum Ausdruck. Kolumnistin Renée Zucker gibt ein paar Beispiele aus ihrem Umfeld.

Ob man mit den Öffentlichen fährt, joggt oder schwimmt, den Hund ausführt oder Brötchen holt: Man ist Teil einer wie auch immer losen Gemeinschaft, die sich zum gleichen Zeitpunkt im Bus, auf der Laufstrecke, im Schwimmbad oder im Laden befindet.

Und wenn wir länger als ein oder auch drei Jahre diesen gleichen Busweg oder Laden benutzen, dann erkennt man sich gegenseitig - ob man will oder nicht und egal, wie matt man im Kopf oder tumb im Herzen ist. Der Mensch ist einfach auf Erkennen aus - egal ob er ein Gebäude oder ein Gesicht sieht. Man checkt kurz, ob mögliche Gefahr oder komfortable Situation, und entspannt sich wieder - meistens. Und zwischendurch grüßt man. Das kann vom freundlichen Sekunden-Augenblick bis zum begeisterten "Morgen" reichen. Im Bus nickt man eher stumm, schließlich liegt der Ernst des Lebens vor einem.

Läufer winken wissend. Sie müssten sich auch eigentlich gar nicht grüßen: Sie sind ja Geschwister in Muskeln und Sehnen. Im Schwimmbad - vor allem in der Freibad-Saison - rufen alle ein derart frisch gewässertes "Guten Morgen", dass Sonne und glitzernde Tropfen aus dem Maul fließen. Wir kennen uns so lange, und wissen nichts voneinander, und wenn einer länger fehlt, dann fragt man mal kurz nach.

Beim Bäcker sitzen frühmorgens immer die Gleichen - meistens Männer - beim Frühstück und freuen sich über ein ""Guten Appetit". Einige sind Handwerker und parken ihre Autos in zweiter Reihe, andere schlafen unter dem Fliederbusch an der Straße oder auf der Bank im Park. Mit Kaffeebecher und Brötchen vor sich sind sie gleich.

Mein allerliebster Grüßer war ein Mann auf einem Rennrad. Jahrelang fuhr er immer so schnell vorbei, dass ich sein Gesicht nicht wieder erkennen könnte. Vornübergebeugt sauste er auf mich zu und wackelte dann mit einem langen Zeigefinger am Lenker hin und her und rief mit rauer Stimme: "Machet jut, Schwester!" Seit einem Jahr ist er nicht mehr an mir vorbei geradelt.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

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