Wohnhäuser spiegeln sich in einer Fassade
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- Sag mir, was du wählst

Kolumnistin Renée Zucker befürchtet, dass sich die Kriterien für die Wahl des Wohnortes künftig stark modifizieren werden: Nicht mehr alleine die Wohnung selbst, ihre Umgebung und der Mietpreis werden das Hauptgewicht für eine Entscheidung darstellen, sondern auch die politische Einstellung der Nachbarn - in den USA schon länger gang und gäbe.

Heutzutage will eigentlich keiner mehr umziehen, weil es kaum was gibt, wo man hinziehen könnte. Aber nehmen wir mal an, Sie würden umziehen wollen, weil sie gerade ein ganz tolles Angebot bekommen haben: Häuschen mit Garten und die Hälfte der Miete ihrer Butze im Wedding - da würde man doch sofort zuschlagen.

Oder würden Sie erst mal googlen, wo die potentiell neue Nachbarschaft bei den letzten Wahlen ihr Kreuzchen gemacht hat? Josef sagt, er hat das so gemacht. "In diesen emotionalen Zeiten, wo jeder vor irgendwas Angst hat, möchte ich schon wissen, mit welchen Aversionen ich bei meinen Nachbarn rechnen muss," erklärt er sein vorausschauendes Verhalten. Ein  verständliches Anliegen - was nützt das schönste Häuschen inmitten von Menschen, die keinen meiner Werte teilen, sondern vielmehr das erstreben, was mir zuwider ist?

In den USA ist das schon etwas länger Gang und Gäbe: Demokraten ziehen nur dahin, wo Demokraten leben und Republikaner nur in Republikaner-Orte. Gab es früher hier 25 Prozent von diesen oder jenen, sind es heute 75 Prozent. Das garantiert dafür, dass man im Supermarkt, in der Kneipe oder auf dem Sportplatz nur mit Menschen ins Gespräch kommt, die alle das Gleiche denken. Sibylle sagt, ihr würde das in gewisser Weise gefallen, weil sie sich dann kein unqualifiziertes Gequatsche mehr anhören müsse. In Großstädten ließe sich das trotzdem kaum leben, es sei denn, man will seinen Kiez gar nicht mehr verlassen.

Wie sehr jedoch inzwischen die Politik Raum in unserem Alltag eingenommen hat, ist wirklich beeindruckend. In den USA hat die letzte Präsidentenwahl die gesamte Thanksgivingkultur zerstört. Danach blieben Familien, die politisch homogen sind, 4 3/4 Stunden zusammen - Demokraten jedoch verließen ihre republikanischen Gastgeber 30 Minuten früher und Republikaner gingen sogar eine Stunde früher von Demokraten weg. Wir werden vermutlich demnächst völlig neue US-Familiendramen sehen.

Ohne Sex und mit ganz viel Politik.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.