Ehemalige Abhörstation auf dem Teufelsberg in Berlin
imago/Mehrdad Samak-Abedi
Bild: imago/Mehrdad Samak-Abedi

- Das Erhebende findet, wer es sucht

Das Großartige hat keinen lokalisierbaren Ort. Es ist - fast - überall und jederzeit zu finden, ob in Berlin oder in märchenhafter Alpen-Idylle - das jedenfalls meint Kolumnistin Renée Zucker nach einer Begegnung auf dem Berliner Teufelsberg.

Gespräche zwischen Spaziergängern und Joggern finden selten statt - die Tempi sind einfach zu unterschiedlich - aber wenn überhaupt, dann oben auf dem Teufelsberg, wo sich keiner der kleinen Erschöpfung vom ungewohnten Bergauf und andererseits der gerade an sonnigen Wintermorgen besonderen Schönheit des 360 Grad-Panoramas entziehen kann.

Diese Schönheit, muss man einräumen, erschließt sich oft nur Hiesigen - Menschen aus anderen Bundesländern, z.B. aus Bayern, verstehen oft nicht, was man meint, wenn man ihnen stolz den Blick auf die verrottende Abhöranlage,  olle Türme vom Olympiastadion, Sitzreihen an der Avus oder die Corbusier-Wohnmaschine präsentiert. Sie denken dann wohl an ihre Berge und Seen, lächeln höflich und empfinden im besten Falle Mitgefühl. Aber, liebe Leute: Postkarten-Idyllen  genießen kann der tumbeste Tor - jedoch die versteckte Schönheit im Durchschnittlichen, ja Armen und Konfusen entdecken, das kann nur, wer versteht, dass Glück ein flüchtiges Geschenk ist.

So wie der Jogger mit den nackten Beinen, der hoch oben auf unserem kümmerlichen Trümmerberg stand und sich über den Ausblick freute und auf Nachfrage sagte, dass er an den Beinen nicht friert, solange der Oberkörper warm ist - was einen natürlich sofort an Hannibal und die Seinen mit dickem Brustharnisch, kurzen Höschen und Sandalen beim Gang über die Alpen denken ließ.

Aber deren Gefühle waren vermutlich nichts im Vergleich zu dem, was der Jogger empfindet, wenn er einsam am Stück 160 km in den Alpen läuft, wie er erzählte. 25 Stunden braucht er dafür, sagt er, und wie grandios es ist, in der Nacht, wenn man in der Dunkelheit dem Licht seiner Stirnlampe folgt und nur seine Schritte rhytmisch trappeln und das Blut durch die Adern rauschen hört. Man möchte gleich mit ihm traben.

Ist er nicht in den Alpen, nimmt er einfach den alten Mauerweg - der ist auch 160 km und echt schön - so sind sie, die Berliner.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.