Fällungen der Bäume am westlichen Erfurter Anger
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- Wem gehört unser Leben?

Die meisten von uns haben sich damit abgefunden, dass sie nicht über alles in ihrem Leben selbst bestimmen können. Aber gar keinen Anspruch auf ein Mitentscheiden mehr zu haben - das geht Kolumnistin Renée Zucker gehörig gegen den Strich.

Wahrscheinlich war es schon immer so, es fällt einem nur gerade wieder auf oder man wird empfindlicher: diese gewisse Verachtung gegenüber dem Bürger. Vor über einem Jahr gab es eine  Rathausversammlung, weil sich viele Anwohner darüber beschwert hatten, dass ständig irgendwo Bäume gefällt werden. Und anstatt sich darüber zu freuen oder es anzuerkennen, dass sich Menschen um ihre Umgebung kümmern, kommt sofort die große Abwehr sämtlicher Ämter, die mit Baumfällungen zu tun haben. Denn die wissen es schließlich besser als irgendwelche Baumschützerinnen und Eichhörnchenfütterer.

Beliebtes Argument ist die Sicherheit. Bei zunehmenden Stürmen ja auch berechtigt. Damals versprach einer der Verantwortlichen, bei zukünftigen Baumabsägungsaktionen vorher Informationszettel in der Nachbarschaft aufzuhängen. Raten Sie mal: Nicht einmal hing irgendwo ein Zettel, obwohl heftigst weitergesägt wird. Und wenn man die Baumfäller fragt, warum sie das tun und was verkehrt an dem Baum ist, dann wissen sie es nicht - sie haben nur den Auftrag und tun es.

Ein anderes Beispiel ist unser Mietshaus. Wir wohnen gerne hier und mögen unser Haus. Wenn Putz von der Fassade fällt, mailen wir, weil wir das Haus erhalten wollen. Wenn die Tür nicht richtig schließt, mailen wir, weil wir nicht wollen, dass Eindringlinge den Flur versauen. Es antwortet nie jemand. Stattdessen hängen Zettel im Flur, man soll die Tür richtig zumachen. Die Bewohner machen das gern, die Müllabholer, Werbungsverteiler und Paketboten interessiert es naturgemäß nicht.

Wem gehört unser Haus, unser Kiez, unsere Stadt, unser Land? Denen die dort leben oder denen die gerade bestimmen? Die in Ämtern und Verwaltungen arbeiten und mit einem Anruf Dinge in Gang bringen könnten, die Bürger über das, was in ihrem Umfeld geplant ist, informieren, anstatt sie als lästig zu empfinden. Wem gehört unser Leben?

Eine  Frage, die offenbar immer schwerer zu beantworten ist.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

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Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.