ARCHIV - Die Fassade der Alice Salomon Hochschule am 13.11.2017 in Berlin.
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- Eine Welt ohne Witz und ohne Lyrik?

Das Europäische Gericht hält den Filmtitel "Fack Ju Göhte" für sittenwidrig und verbietet den Aufdruck auf T-Shirts und Kaffeetassen. Und eine Berliner Hochschule übermalt ein Gedicht, weil das angeblich sexistisch ist. Zwei Meldungen aus dieser Woche, die unseren Kolumnisten Thomas Hollmann befürchten lassen, dass am Ende die Tugendwächter gewinnen könnten.

"Fack Ju Göhte" ist also herabwürdigend, und die Gedichtzeile "Alleen und Frauen und Blumen und ein Bewunderer" sexistisch. Wenn das stimmt, leben wir tatsächlich in einer Welt des permanenten Übergriffs. Möglicherweise leben wir aber auch in einer Welt, die weder Witz noch Lyrik versteht.

"Alleen und Frauen und Blumen und ein Bewunderer". Ich habe mir den Satz laut vorgesagt. Aber auch beim 20. Mal mochte ich darin noch keinen Sexismus entdecken, selbst wenn ein Verehrer Alleen Blumen geschenkt haben sollte.

Frauen würden zum Objekt männlicher Bewunderung degradiert, hat der Asta der Alice Solomon Hochschule festgestellt. Grund genug für die Hochschulleitung, das Gedicht des renommierten Lyrikers Eugen Gomringer zu übertünchen. Ein wenig peinlich scheint dem Akademischen Senat sein Gehorsam aber doch zu sein. Man habe größten Respekt vor dem Schaffen des Künstlers. Das Gedicht kommt trotzdem weg. Und die bigotte Entschuldigung macht es nur noch schlimmer.

"Wahrscheinlich muss Gott weg"

Was kommt als nächstes weg? Werden aus den Berliner Hausportalen demnächst die gottesfürchtigen Inschriften herausgehämmert? Weil sich Nicht-Christen gedemütigt fühlen könnten, wenn überm Eingang steht: "Gott schütze dieses Haus". Wahrscheinlich. Wahrscheinlich muss Gott weg.

Womit wir bei Goethe wären. Das "Fack Ju" vor seinem Namen ist eine "innewohnende Vulgarität". Hat das Europäische Gericht entschieden und der Constantin Film verboten, den Titel auf Schultaschen und Sonstiges zu drucken. Dass die Richter möglicherweise nicht wussten, worüber sie da so sittenstreng urteilten, ist auszuschließen. Man habe die Komödie mehrmals angesehen, erklärte das Gericht. Und das stimmt mich nun gänzlich pessimistisch, - wenn nicht einmal Humor hilft.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.