Lichterkette
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Bild: imago/Agentur 54 Grad

- Weihnachts-Nachglühen

Bei unserem Kolumnisten Thomas Hollmann ist immer noch Weihnachten. Und das findet er dann doch etwas übertrieben.

Wenn ich beim Kochen aus dem Fenster gucke, schaue ich auf einen Weihnachtsbalkon. Abends, mit Einsetzen der Dämmerung, geht die Lichterkette an. Ich nehme an, das ist über eine Zeitschaltuhr geregelt. Die Kette schlängelt sich am Geländer auf und ab und vor und zurück.

Manchmal sind auch Leute in der Wohnung. Die scheinen aber nicht sonderlich auf ihre Installation zu achten. Sollten sie vergessen haben, dass draußen noch ihre Weihnachtskette glüht? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Ich glaube eher, den Leuten ist egal, dass sie den Eindruck erwecken, das christliche Fest noch ein wenig nachfeiern zu wollen. Bis wann? Bis März? Oder gleich bis Ostern? Vielleicht lassen sie die Kette auch hängen, wie das die Nachbarn zur anderen Seite raus mit ihrem Weihnachtsstern gemacht haben. Seit zwei Jahren strahlt der mir jetzt schon purpurn ins Wohnzimmer.

Das scheint ein neuer Trend zu sein: Weihnachten etwas aufzuhängen und das wird dann umgewidmet. Vielleicht übernimmt der Weihnachtsstern im Sommer die Rolle des Polarsterns. Und die Lichterkette könnte an den Urlaub in Portugal erinnern, wo es so viele Glühwürmchen gab.

Weihnachten wird den Leuten offensichtlich zu eng. Immer nur Dezember und Christentum. Da hat man ja gar keinen Spielraum. Deshalb heißen Weihnachtsmärkte mittlerweile Wintermärkte. Oder sie kommen als „Lichtermarkt“ als bloße physikalische Erscheinungsform daher. Am besten natürlich mit der Energieeffizienzklasse A++.

Was tun? Wahrscheinlich muss ich meinen Blick aus der Küche entideologisieren – und die Sache so sehen, wie sie ist: eine LED-Kette am Balkongeländer. Ansonsten bleibt die Hoffnung auf die Konfession: die Katholiken müssen ihren Weihnachtschmuck erst an Maria Lichtmess abhängen. Das ist am 2. Februar. Da gibt es bei mir dann zur Feier des Tages gegrillte Glühwürmchen.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.