Frauen beim Fitnesstraining (Bild: imago/Science Photo Library)
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- Schaufenster-Turner

Inforadio-Kolumnist Thomas Hollmann beobachtet einen besorgniserregenden Trend: Immer mehr Berliner stellen sich öffentlich zur Schau.

Zuerst dachte ich: Zufall. Und dass da wohl einer kein Geld mehr für die Vorhänge hatte. Aber als ein paar Häuser weiter der nächste Laden aufmachte, dessen Schaufenster runter bis zum Boden gingen und sich dahinter knapp bekleidete Menschen ungeniert ereiferten, habe ich mal drauf geachtet: Diese Läden gibt es jetzt überall. Mikro-Muckibuden, in denen man sich wahlweise eine Elektroschockweste überzieht, ehe es auf den Stepper geht, um derart stimuliert schneller abzunehmen. Oder aber die Leute machen Tauziehen und springen über Holzkisten, wie früher in der Schule, nur dass sie für das Retro-Zirkeltraining keine Noten bekommen, sondern Geld zahlen. Dafür, dass sie sich in einem ehemaligen Blumenladen öffentlich zum Depp machen.

Darum geht es offensichtlich, ob mit Tau oder Elektroweste, dass man von aller Welt gesehen wird. Sonst wären die Scheiben zumindest zur Hälfte mit Spiegelfolie beklebt. Aber nichts da - selbst vom gegenüberliegenden Bürgersteig aus hat man noch beste Sicht auf die Schaufenster-Turner. Dabei finde ich es schon befremdlich genug, wenn sich Menschen beim Friseur coram publico den Nacken ausrasieren oder die Damen sich die Fingernägel feilen lassen. Und jetzt wird auch noch aus dem Transpirieren eine öffentliche Show-Veranstaltung!

Da kann man auch mal grundsätzlich werden und fragen: Was ist nur mit dieser Gesellschaft los, die die protestantische Idee des Gardinenlosen, nämlich nichts zu verbergen zu haben, derart missversteht, dass sich die Leute gleich selbst in die Auslage legen? Schwitzend wie das berühmte Schwein.

Wobei ich gar nicht weiß, ob Schweine tatsächlich so stark transpirieren. Und selbst wenn. Auf die Idee, sich im Schaufenster eines ehemaligen Blumenladens Stromschläge versetzen zu lassen, auf solch eine Idee kämen sie ganz sicher nicht.

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Mops vor dem Berliner Dom (Bild: imago)

Hundert Sekunden Leben

Renée Zucker und Thomas Hollmann filtern mit wachen Sinnen hundert Sekunden aus dem Leben und stellen sie uns vor: Prägnant, verspielt und auf den Punkt.