ARCHIV, Den Haag, 17.10.2013: Königin Maxima und König Willem-Alexander in der goldenen Kutsche (Bild: imago images/PPE)
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Kolonalismus in den Niederlanden - Die Schattenseite des "Goldenen Zeitalters"

Die Niederlande waren im 17. Jahrhundert eine Großmacht in Europa. Doch der Wohlstand beruhte auf Sklaverei, die erst 1863 abgeschafft wurde. Über die koloniale Vergangenheit des Kolonialismus und die heutige Debatte um das "Goldene Zeitalter" berichten die Korrespondenten Jakob Meyer und Michael Schneider.

Detail der Goldenen Kutsche: Die Tribute der Kolonien (Bild: imago images/PPE)
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Über 250 Jahre entwickeln sich die Niederlande zu einem wichtigen Akteur in der Sklaverei. Für dieses Geschäft wurden Menschen zur Handelsware gemacht: aus ihren Familien gerissen, ihren Namen beraubt, mit den Wappen ihrer Besitzer gebrandmarkt, zur Arbeit gezwungen. Schilderungen aus der Sicht der Verschleppten gibt es kaum, lediglich Erzählungen von Augenzeugen und von Leuten, die auf den Schiffen waren - die meisten beschreiben große Angst.

Lukrativer Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika


Menschenhändler in Afrika verschleppen Männer, Frauen und Kinder aus ihren Dörfern an die Küste. Dort verkaufen sie ihre Beute an Kapitäne der Westindien-Kompanie, eine niederländische Handelsgesellschaft, gegründet mit privatem und staatlichem Kapital. Die Gefangene, die als Sklaven nach Amerika verschifft wurden, mussten auf Plantagen in der Landwirtschaft oder in Minen arbeiten. Die Erzeugnisse kamen wieder nach Europa.

Zeichnung eines Sklavenschiffes, Mitte 19. Jahrhundert (Bild: imagp images)
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Nur ein Platz in den Geschichtsbüchern?

Das Thema Kolonialismus spielte bisher kaum eine Rolle in der öffentlichen Debatte. Der Blick auf die Kolonialzeit wurde verklärt, das menschliche Leid ausgeblendet. Erst in letzter Zeit wird zunehmend darüber diskutiert, welchen Platz die Geschichte in der Gesellschaft der Gegenwart einnehmen soll.

Die Black Lives Matter-Bewegung ist auch in den Niederlanden auf die Straße gegangen. Schwarze Niederländerinnen und Niederländer forderten Anerkennung und eine offizielle Entschuldigung durch die Regierung und des Königs.

2021 kam eine unabhänige Historikerkommission zu dem Schluss, die Niederlande müssten in einem offiziellen Akt bei den Nachkommen von Sklaven um Verzeihung bitten. Doch die Regierung in Den Haag ist nichts willens, Premierminister Mark Rutte betont, dass es keine öffentliche Entschuldigung geben werde.

Anders die Bürgermeisterin von Rotterdam Femke Halsema. Sie trug eine Entschuldigung für die Beteiligung der niederländischen Hauptstadt am Sklavenhandel während der Feier zu "Keti Koti" ("die Ketten sind gebrochen") vor.

Vergangenheitsbewältigung im Kleinen: von Straßennamen und Familienforschung

In Utrecht und anderswo sind Straßen nach Massenmördern, Menschenschindern und Sklaventreibern benannt. Der Historiker Renz Bleyenberg plädiert dafür, diese zu behalten. Denn wenn sie weg wären, gäbe es keinen Platz mehr fürs Nachdenken darüber.

Seine Meinung teilt Maria Karg. Sie hat als Vorfahren einen Regensburger, der als Offizier in niederländischen Diensten nach Syrien ging, eine Baumwollplantage leitete und Kinder mit einer Sklavin hatte. Frau Kard betreibt aber nicht nur Ahnenforschung, sie leitet eine Stiftung, die das Bewusstsein für die Geschichte der Sklaverei schärfen will.

 

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