Berlin, historisch, ca. 1910: Leiziger Straße (Bild: imago images)
imago images
Bild: imago images

- Berlin - Sehnsuchtsort und Schreckensbild

"Wer die Geschichte der Stadt Revue passieren lässt, muss die jetzt an der Spree lebenden für Glückskinder halten" schreibt Jens Bisky in seinem Buch "Berlin - Biographie einer großen Stadt". Beim Gang durch die Jahrhunderte sind ihm viele Parallelen zur Gegenwart aufgefallen, die er Moderator Harald Asel erzählt.

Jens Bisky beschreibt in seinem Buch, wie die Stadt seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges zur Großstadt gewachsen ist. Das Neue an diesem Buch sei im Gegensatz zu anderen Werken über Berlin, dass die Geschichte von 1648 bis heute beschrieben wird, erklärt der Autor. Neuere Berlin-Bücher hingegen suchten sich Spezialthemen heraus.

Was sich in der Berliner Geschichte immer wieder zeige: Traditionen spielen für die aktuelle Zeit nicht so eine große Rolle, sagt Bisky. Die meisten Bürger hatten mit den großen Umbrüchen der Stadt nicht viel zu tun. "Auf der anderen Seite haben die Berliner als Gegenreaktion dazu immer wieder eigene Traditionen gesucht und erfunden."

 

In Berlin mischt sich alles schnell

"In Berlin ist es nicht so wichtig, aus welchem Stamm man kommt - egal ob aus Brandenburg, Sachsen oder Schlesien - relativ schnell mischt sich das in Berlin", sagt der Autor. Das habe viel mit der Politik der Hohenzollern zu tun und mit der Anziehungskraft der großen Stadt.

"Berliner konnte man immer mehr werden." Oft seien Menschen in die Stadt gekommen, um Projekte zu realisieren. Denn in Berlin könne man etwas erleben. Projektemacher kamen schon zu Zeiten von Freidrich des Großen, auch heute sei das noch so.

 

Sehnsuchtsort und Schreckbild

"Die Stadt erzieht die Leute", sagt Bisky. Leute müssten sich ordentlich verhalten. Allerdings sei der Lernprozess nicht erledigt. Berlin sei Sehnsuchtsort für Menschen aus anderen Ländern. Auf der anderen Seite sei die Stadt auch ein Schreckbild, sodass Menschen sagen: Solche Zustände wie in Berlin wollen wir nicht. So sei das schon 1860 gewesen.

Viele Parvenüs habe die Stadt in der Geschichte angezogen. Ein Parvenü sei etwas wie ein Selfmademan - also Menschen, die mehr nach vorne denken, Neues probieren.

 

Gelassen mit Wachstumsstress umgehen

In der neueren Geschichte zeige sich: Im dritten Reich etwa war Berlin eine Stadt des Widerstandes, aber auch eine Stadt der Mitläufer. Und nach dem Krieg hatte es lange Zeit gedauert, die Stadt zu teilen. Auch nach dem Mauerbau 1961 gab es Kontakte zwischen Ost und West.

Aus den vergangenen 30 Jahren sollten sich die Menschen laut Bisky an die Zeit des Umbruchs erinnern. Denn nach dem Mauerfall musste sich die Stadt neu erfinden.

Aktuell stehe die Stadt vor einem Wachstumsstress. Die Mieten steigen, es wird enger, der Nahverkehr ist überfordert. Dies wiederhole sich in der Geschichte ständig. Deswegen solle man aus der Vergangenheit lernen, "dass man gelassen und vernünftig mit solchem Stress umgeht".

Buchinfos

Jens Bisky (Quelle: imago images/Gerhard Leber)
imago images/Gerhard Leber

Jens Bisky: Berlin. Biographie einer großen Stadt
976 Seiten
Verlag: Rowohlt Berlin
38,00 Euro Hardcover
34,99 Euro E-Book