ARCHIV, 30.10.2016: Italienische Faschisten demonstrieren am Jahrestag des Marsches auf Rom von Mussolini (Bild: imago/Italy Photo Press)
Bild: imago/Italy Photo Press

- Unheilvoller Geschichtsrevisionismus

In Italien wird seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts der Faschismus salonfähig, in Polen fokussiert die offizielle Geschichtserinnerung den Blick auf polnische Helden, das Land erklärt sie zum moralischen Sieger des 20. Jahrhunderts. Harald Asel über Erzählungen der Vergangenheit, deren Deutungshoheit umkämpft ist.  

Aschenbecher oder Pantoffeln mit dem Konterfei von Benito Mussolini? Kein Problem in Italien, denn dort ist es nicht verboten, faschistische Symbole zu zeigen. Ein Gesetz, die Verherrlichung des Faschismus in der Öffentlichkeit zu verbieten, hatte es in der letzten Legislaturperiode nicht mehr durch das Parlament geschafft. Im öffentlichen Raum wird an die faschistische Vergangenheit erinnert. Vor dem Olympiastadion in Rom steht ein Obelisk mit dem Schriftzug "Mussolini Dux", der Geburts- und Begräbnisort von Mussolini, Predappio, ist eine Pilgerstätte für alte und neue Faschisten.

Mussolini-Kult: Es war nicht alles schlecht?

In Italien spielt die positive Anknüpfung an den Faschismus auf der rechten Seite des Parteienspektrums eine immer stärkere Rolle. Und es sind nicht nur Randerscheinungen, die an der Neubewertung des Faschismus arbeiten. Ein revisionistisches Geschichtsbild wird seit den 90er Jahren immer wieder von italienischen Regierungen propagiert.

Dass der Faschismus auch gute Seiten gehabt habe, ist auch die Meinung von höchsten Regierungsvertretern. Innenminister Matteo Salvini führt beispielsweise die Trockenlegung der Sümpfe oder die Einführung eines Rentensystems als positive Beispiele auf. 
Präsident Sergio Mattarella wirkt wie ein einsamer Mahner in der Wüste, wenn er sich überrascht über die Äußerungen zeigt, der Faschismus habe bei einigen Verdiensten nur zwei Fehler gemacht: die Rassengesetze und den Kriegseintritt. Und weist diese als falsch und inakzeptabel zurück: Rassismus und Krieg seien nicht Episoden des faschistischen Denkens, sondern direkte unvermeidliche Folgen davon.

Geschichte geprägt von Kampf und Widerstand

In der polnischen Gesellschaft ist die kulturelle Identität umkämpft, wenn es um die Geschichte des 20. Jahrhunderts geht. Im Weltkriegsmuseum in Danzig erzählt in vier Minuten der Film "Die Unbesiegbaren" die Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Darin werden die Polen als moralische Sieger dargestellt: Sie retten die Juden und organisieren den Widerstand in den Konzentrationslagern der Deutschen. Ausgeblendet werden polnische NS-Kollaborateure oder Polen, die den Kommunismus unterstützten. War die Ausstellungskonzeption des Museums ursprünglich darauf ausgerichtet, eine europäische Sicht und die Vielfalt des Geschehens darzustellen, geht es in der Neukonzeption ausschließlich um die polnische Sicht. Es ist der Blick der national-konservativen Regierung auf die Geschichte des Landes.

Infos im www

Deutsche Welle - Danziger Weltkriegsmuseum: Urheberrechtsstreit vor Gericht

Deutschlandfunk - Danziger Weltkriegsmuseum: Streit um das polnische Geschichtsbild

Deutschlandfunk - Mussolini-Kult in Italien: Viva il Duce!

Sendung

Historische Zeichnung, 19. Jahrhundert, Revolte in einer fränkischen Stadt im 12. Jahrhundert (Bild: imago)

Geschichte

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