Gartentag im Klostergarten (Bild: Stiftung Stift Neuzelle)
Stiftung Stift Neuzelle
Bild: Stiftung Stift Neuzelle

- Die Vermessung des Klosters Neuzelle

Das "Barockwunder Brandenburgs" feiert seine mittelalterliche Gründung vor 750 Jahren. Anlässlich des Klosterjubiläums finden vielen Veranstaltungen statt, ein Höhepunkt ist sicherlich die dreiwöchige Präsentation des Atlanten des Zisterzienserstiftes aus der Mitte des 18. Jahrhunderts - ein Meisterwerk der Kartografie und Quellenwerk, das sonst in der Kartenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin gehütet wird.  

Am 12. Oktober 1268 unterschrieb Heinrich der Erlauchte aus dem Hause der Wettiner die Gründungsurkunde von Kloster Neuzelle südlich von Eisenhüttenstadt. Zum ehrenden Gedenken an seine verstorbenen Frau Agnes hatte Heinrich das Kloster errichtet. Doch der Markgraf von Meißen, Markgraf der Lausitz, Landgraf von Thüringen und Pfalzgraf von Sachsen hatte weitergehende Pläne. Er wollte damit eine wirtschaftliche Entwicklung initiieren und absichern - letztlich war es ein slawisches Dorf gewesen, so Walter Ederer, kulturverantwortlicher Direktor der Stiftung Stift Neuzelle. 

Typisch Zisterzienser!

Zwei Details sind charakteristisch für ein Zisterzienserkloster: Zum einen liegt vor dem Gebäudekomplex ein Fischteich, zum anderen verlangte die Bescheidenheit der Mönche den Verzicht auf einen Turm. Aber zur Barockzeit, als die Klosterkirche zu einem hochtheatralischen visuellen Glaubensbekenntnis umgestaltet wurde, half man sich mit einem Turmaufsatz auf dem Dach. Es ist die Blütezeit des Klosters, was an einem aufwändigen Kartenwerk mit dem Stichjahr 1758 erkennbar wird.

Zu den Feierlichkeiten rund um das Klosterjubiläum hat das Original - ein Band Karten, ein Band Beschreibungen - den Tresor der Staatsbibliothek zu Berlin verlassen und wird vom 8. bis 28. Oktober im repräsentativen Kalefaktorium des Klosters zu sehen sein. Allerdings kann man nicht im historischen Stiftsatlas blättern, sehr wohl aber in einem Faksimilie des Verlags für Berlin-Brandenburg und in einem digitalen Buch, erläutert Walter Ederer. 

Mit Transversalmaßstab und Peilung

Die Qualität der farbigen Zeichnungen ist enorm. Dieser Schatz, der wie so viele andere fast unbemerkt von der Öffentlichkeit in den Tiefen der Staatsbibliothek wohlverwahrt wird, entstand Mitte des 18. Jahrhunderts. Wolfgang Crom, Leiter der Kartenabteilung der Staatsbibliothek, kennt die Entstehungsgeschichte. Als im 16. Jahrhundert das Kloster niederging, mussten die Mönche teilweise Flächen verkaufen. Im 17. Jahrhundert wiederum kam es zu einer wirtschaftlichen Verbesserung und die Flächen wurden zurückgekauft. Dies erforderte eine Inventur: Was gehört zum Kloster und in welcher Form? Die beiden Kartografen C. L. Grund und C. A. Bohrdt vermaßen das gesamte Klosterterritorium.

Stiftsatlas als Quelle für Restaurierung ...

Ging es in der Entstehungszeit um die Sicherung der feudalklerikalen Herrschaft, wird der Stiftsaltas heute bei den umfänglichen Restaurierungsmaßnahmen zu Rate gezogen. Etwa für den Klostergarten war der Atlas eine wertvolle Hilfe. Wasserspiele, Brunnen oder Randbeete sind dargestellt, so Walter Ederer. In den Gärten wurde archäologisch gearbeitet, um den Plan in der Natur zu verifizieren. Die Planungen für die Gärten basiert damit auf der Grundlage des Kartenplans.

... und Klostergeschichte

Der Atlas des Stiftes mit der Kartographierung der klostereigenen Ländereien hilft aber auch, die Geschichte der letzten zweieinhalb Jahrhunderte seit der Fertigstellung der Zeichnungen zu verstehen. Etwa was den Bewuchs angeht: Verzeichnet sind Weide- oder Ackerflächen, Wald gab es kaum. Das gibt auch Rückschluss auf das Freizeitverhalten der Mönche, die wenig zur Jagd gingen. Nach der Säkularisierung des Klosters änderte sich die Situation. Die Flächen wurden aufgeforstet und zwischen 1750 - 1850 verdoppelte sich die Waldfläche.

Und die Geschichte des Stiftsatlas selbst? Er wurde in der Napoleonischen Zeit als Klosterbesitz veräußert, Anfang des 19. Jahrhunderts verkauft; 1911 tauchte er in einer Auktion wieder auf, wurde von der Stadt Frankfurt an der Oder erworben und der damals noch Königlichen Bibliothek übergeben. Dort, in der heutigen Staatsbibliothek, ist er "ein besonderes Kleinod in der auch ansonsten reichhaltigen Atlassammlung" (Zitat Wolfram Crom/Steffi Steffi Mittenzwei: Zur Geschichte der Kartenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin).

Sendung

Historische Zeichnung, 19. Jahrhundert, Revolte in einer fränkischen Stadt im 12. Jahrhundert (Bild: imago)

Geschichte

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