Ein Tourist fotografiert mit seinem Smartphone zwischen den Stehlen des Holocaust-Mahnmal der Stiftung Denkmal fuer die ermordeten Juden Europas in Berlin Mitte.
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Bild: imago/photothek/Thomas Trutschel

- Dalia Grinfeld: "Versöhnung ist möglich"

Mit dem 9. November 1938 begann die organisierte Verfolgung der Juden in Deutschland. Auf Jüdinnen und Juden, die heute in Deutschland leben, wirkt die Geschichte immer noch. Dalia Grinfeld zum Beispiel ist hier geboren und aufgewachsen. Aber als "deutsch" konnte sie sich trotzdem lange nicht sehen, das Jüdischsein war wichtiger für ihre Identität. Wie sie dazu kam, heute doch beides zusammenbringen zu können hat sie unserer Reporterin Carolin Haentjes erzählt.

Obwohl sie in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, hat sich Dalia Grindfeld lange nicht als "deutsch" gesehen. Ihre Mutter stammmt aus der ehemaligen Sowjetunion, ihr Vater aus Argentinien. Das Entscheidende aber ist: Sie hat sich immer und zuallererst als jüdisch gesehen.

Dalia Grinfeld: „Ich kann mir gar keine andere Alternative vorstellen. Ich bin jüdisch geboren, jüdisch aufgewachsen, ich lebe jüdisch, was das für mich bedeutet, und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich ich wäre ohne meine jüdische Identität.“

Dass sich Deutsch-Sein mit ihrer Identität vereinbar lassen könnte, das musste sie erst erleben, bevor sie es vorstellen konnte. Als Präsidentin der jüdischen Studierenden-Organisation JSUD war sie vor einiger Zeit auf einem internationalen jüdischen Kongress. Dort standen sie mit ihrer Delegation plötzlich vor dem "Fahnen-Dilemma":

Dalia Grinfeld: „Die jungen Brasilianer haben ihre Fahnen mitgebracht, die Franzosen und alle haben ihre Fahnen mitgebracht, und da war dann die Frage für uns: Wie stellen wir uns selbst dar?“

Sie entschieden sich es zu machen, wie alle anderen: Aufzutreten mit der Fahne des Landes, indem sie leben. Mit Schwarz-Rot-Gold. Erst ernteten sie irritierte Blicke - und erreichten dann einen anderen Umgang mit dem Symbol Deutschlands.

Dalia Grinfeld: „Ein Jahr später hat der gesamte Kongress der „World Union of Jewish Students“, ein riesiger Kongress, eine Deutschlandparty mit uns gefeiert, was die größte Party auf dem gesamten Kongress war, wo jeder, der reingekommen ist, eine Blumenhalskette mit der Deutschlandfahne bekommen hat und die deutschen Nationalfarben ins Gesicht. Und alle haben es gefeiert und haben mit uns Bier getrunken.“

Für Grinfeld zeigt sich daran: Versöhnung ist möglich. Jetzt versteht sie sich als jüdisch und als deutsch. Sei sogar deutscher geworden, vor allem pünktlicher. Trotzdem bleibe die deutsch-jüdische Beziehung ambivalent. Deswegen dürfe es keinen Zwang zum Deutsch-Sein geben.

Dalia Grinfeld: „Das ist so die Freiheit, die mir wichtig ist. Dass man sich als jüdischer Mensch nicht gezwungen fühlt, dass man deutsch sein muss. Aber man kann wieder deutsch sein und man kann diese Art der Identität auch ausleben.“

Das ist eine der Botschaften, für die sie sich als Präsidentin der JSUD stark macht. Eine andere zielt auf die Wahrnehmung der jüdischen Kultur in der deutschen Öffentlichkeit: Judentum, das sehe man fast nur in Zusammenhang mit dem Holocaust oder Antisemitismus. Dabei habe die jüdische Kultur so viel inspirierende Seiten: Das Prinzip des Sabbat zum Beispiel, des Ruhe-Tags, dem man seinen Nächsten und dem In-Sich-Gehen widmen sollte - und den wir alle heute gut gebrauchen könnten. Oder die Haltung zum Leben überhaupt:

Dalia Grinfeld: „Die gesamte jüdische Lehre zeigt eigentlich Freude am Leben. Das es immer darum geht das Leben auszukosten bis zum Vollsten und gute Taten zu machen. Mizwot – also gut zueinander zu sein, mit Menschen so umzugehen, wie man es sich vorstellen würde, lebendig sein, vielfältig, pluralistisch. Das ist, was jüdisches Leben ausmacht.“