08.11.2018, Berlin: Zwei Frauen stehen am Denkmal für die ermordeten Juden Europas als die Lesung aus dem Gedenkbuch des Landes Berlin mit den Namen der 55.696 ermordeten Berliner Jüdinnen und Juden über Lautsprecher zu hören ist.
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- Tomer Dreyfus: "Man muss irgendwann zusammenleben"

Rund 120.000 Jüdinnen und Juden leben heute in Deutschland. Aber was bedeutet das heute: Jüdisch sein in Deutschland?  Das wollte Inforadio-Reporterin Carolin Haentjes gerade von Jüngeren wissen – und hat Tomer Dreyfus getroffen. Er kam vor acht Jahren aus Israel nach Berlin und nähert sich seitdem dem Land und der Kultur vor allem durch die Sprache.

Tomer Dreyfus (Bild: privat)
Tomer Dreyfus | Bild: privat

Zuerst wollte Tomer Dreyfus aus Israel weg. Nach den fünf Jahren Militär, die dort Pflicht sind, reiste er acht Monate durch Europa. Dass es ihm gerade in Berlin am besten gefallen würde, hätte er nicht gedacht. Deutschland hat in Israel nicht unbedingt das "beste Image" wie er sagt.

Tomer Dreyfus: Drei von meinen vier Großeltern sind Holocaust-Überlebende und ich konnte schon Namen von Konzentrationslagern auswendig, bevor ich grundsätzliche Sätze auf Deutsch konnte. Das kann jeder in Israel. Aber genau deswegen war es so interessant im Endeffekt hier zu sein –

Hier ist er jetzt schon acht Jahre und wirkt immer noch erstaunt, dass er sich hier auf Anhieb wohlfühlte. Dass er sich so fasziniert für die deutsche Sprache, die ihn immer an die Schrecken des Holocaust erinnert hatte.

Dreyfus, 31 Jahre, studiert jetzt Literatur an der FU Berlin und  übersetzt nebenher literarische Texte vom Deutschen ins Hebräische. Er schreibt auch selbst. Auf Hebräisch - und auf Deutsch. Gerade weil er mit der deutschen Sprache immer wieder ringen muss.

Tomer Dreyfus: Das ist ja genau der Kampf sozusagen. Eine Sprache, die für mich eine bestimmte Rolle spielt, zu nehmen und das von innen zu ändern, von innen zu neutralisieren, diesen Stachel.

Nach acht Jahren schwinge die Geschichte nicht mehr bei jedem Wort mit. Gerade in der Genauigkeit und der Strenge des Deutschen habe er Poesie gefunden.

Er kann sich gut vorstellen zu bleiben. Allerdings weniger wegen Deutschland und mehr wegen der Welt drumherum, die "brennt", wie er sagt.  Nach Israel will er auf jeden Fall nicht zurück: Dort lasten die gesellschaftlichen Konflikte sehr viel stärker auf ihm als hier.

Tomer Dreyfus: Das ist manchmal für viele hier ein bisschen schwer zu hören. Dass es politische Gründe gibt aus Israel auszuziehen. Und manchmal kommt es wirklich zu Streits mit Deutschen oder Israel-Faszinierten.

Dass in Deutschland eine besondere Verantwortung gegenüber Israel und den Juden hochgehalten wird, findet er richtig. Und solange Polizisten jüdische Institutionen bewachten gebe es keine Normalität. Aber die Tendenz, Juden deswegen auf ihre Opferrolle zu reduzieren, sei problematisch.

Tomer Dreyfus: Wenn Juden Opfer bleiben, dass heißt, dass Deutsche Täter bleiben. Dieses Verhältnis muss einfachirgendwann zu einem Ende kommen. Man muss irgendwann zusammenleben ohne diese Hierarchie. Juden und Judentum haben mehr anzubieten als Opfer sein.

Nur wenn man das in Deutschland anerkenne, könne die jüdische Kultur wirklich wieder Teil der deutschen werden.