IT-StudentInnen
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Folge #14 vom 17.06.2020 - Selig, wer IT studiert!

Wer seinen Abschluss in einer Wirtschaftskrise erhält, hat damit oft noch lange zu kämpfen; schlechtere Einstiegschancen, langfristig niedrigere Gehälter. Deutschland versucht diese Effekte in der Krise durch die Förderung von Ausbildungsbetrieben und Studierenden abzumildern. Aber wird das klappen?

Eric Graydon:
Wir wollen uns heute mit dem großen Komplex "Ausbildung in Zeiten von Corona" befassen. Auszubildenden, Studierenden hat die Corona-Krise in vielen Fällen ihre Zukunftsplanung zerlegt oder sie doch wenigstens deutlich schwieriger gemacht. Das wollen wir uns einmal genauer anschauen und dann uns auch dezidiert einmal mit den Hilfen der Bundesregierung für Azubis und Studenten befassen. Darüber hinaus soll es dann auch noch mal um die Frage gehen, wo wir mittlerweile in Sachen Forschung rund um diese Krise stehen.

Heute wird das Kabinett aller Voraussicht nach einen Ausbildungsschutzschirm beschließen. Der soll Ausbildungsbetriebe dafür belohnen, dass sie trotz der Krise weiter ausbilden. Für jeden erhaltenen Ausbildungsplatz gibt es 2000 Euro, für jeden neu geschaffenen 3000 Euro. Warum, glauben Sie, geht der Staat diesen Weg?

Marcel Fratzscher:
Das Problem ist, dass in dieser Krise viele Jobs wegfallen. Wir sehen schon jetzt über 7 Millionen - nach manchen Berechnungen sogar deutlich mehr - die in Kurzarbeit sind. Über eine halbe Million mehr Arbeitslose - diese Zahl wird zunehmen, also das wird nicht besser werden, sondern wahrscheinlich eher deutlich schlechter. Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber ich befürchte, dass wir mehr und mehr Arbeitslose haben werden, denn Unternehmensinsolvenzen werden kommen, das wird zunehmen. Das heißt: Wenn Unternehmen weniger Menschen einstellen, dann wollen sie auch weniger ausbilden. Dann brauchen Sie auch nicht so viele Auszubildende. Und das führt dazu, dass viele junge Menschen Probleme haben, eine Zukunftsperspektive zu haben. Es geht also um Zukunftsperspektive.

Das kennen wir in Deutschland gar nicht. Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland eine große Erfolgsgeschichte, nämlich dass sie so niedrig ist. Dass wir vor allem über die duale Ausbildung, über die Lehre, aber auch über ein Studium es schaffen für sehr, sehr, sehr viele Menschen einen sehr schnellen Arbeitsmarkt zu schaffen. Und wenn Sie das Vergleichen mit Italien oder anderen Ländern, wo sie eine Jugendarbeitslosigkeit von 20, 30 Prozent haben, also jeder vierte, jeder fünfte junge Mensch Anfang 20 ohne Job ist und zwar nicht nur ein paar Monate, sondern über Jahre hinaus, dann reden wir über eine verlorene Generation.

Und das ist eine der großen Tragödien in Ländern wie Italien, Spanien, Griechenland - angefangen mit der globalen Finanzkrise. Sie haben Leute, die 30, 35 Jahre alt sind und in ihrem Leben noch keinen festen Job gehabt haben. Und nochmals: Ich will den Teufel nicht an die Wand malen. Das wird in Deutschland nicht passieren, davon bin ich überzeugt. Aber man will halt auch nicht in die Nähe davon kommen. Man will also jungen Menschen letztlich eine Perspektive bieten.

Eric Graydon:
Aber es ist ja nun so: Es ist noch lange nicht garantiert, dass die Leute dann, wenn sie ihre Ausbildung haben, auch einen Job bekommen. Ich meine, das ist nun ein klassisches Problem. Sie haben die Finanzkrise angesprochen. Aus der kennt man das natürlich sehr gut, aber auch aus Krisen davor. Einen Abschluss zu machen, an sich ist erstmal wichtig, auch dass man einen guten Abschluss macht, aber was auch extrem wichtig ist, ist wann man diesen Abschluss macht, beziehungsweise was gerade los ist, wenn man diesen Abschluss macht.

Und wir wissen ja nun historisch: Wer einen Abschluss zu Krisenzeiten macht, der wird das in vielen Fällen ökonomisch jedenfalls ein Leben lang mit sich herumtragen, schlicht weil es viele Leute gibt, die dann eben, wenn sie ihren Abschluss machen, keinen Job bekommen, eventuell sogar in den Jahren danach. Das ist dann eben besonders diese Situation in Südeuropa. Aber die dann eben auch, wenn es dann irgendwann wieder eine wirtschaftliche Erholung gibt, dann einer Kohorte gegenüberstehen, die in dem Moment gerade den Abschluss macht und die dann natürlich jünger sind, gerade frisch von der Uni kommen und dann wiederum diese Leute verdrängen.

Sie sagen jetzt: Sie sind relativ zuversichtlich, dass es so eine verlorene Generation in Deutschland nicht geben wird. Warum? Diese Art von Gesetzmäßigkeit ist auch etwas, wogegen das schönste staatliche Hilfspaket nicht ankommt. Oder?

Marcel Fratzscher:
Das ist richtig. Natürlich kann man mit Geld letztlich solche Probleme nicht lösen. Auch jetzt, wenn der Rettungsschirm aufgespannt wird, ist das zwar eine neue Hilfe, aber es löst das Problem nicht, einem Unternehmen zu sagen: Ihr habt hier 3000 Euro, bitte schafft weiterhin hier einen Ausbildungsplatz, damit da ein junger Mensch ausgebildet wird, eine Chance hat. Das allein reicht nicht, also, wie Sie zu Recht sagen: Wenn dann nach zwei oder drei Jahren, nach Ende der Ausbildung das Unternehmen sagt: Ich muss hier Leute entlassen, ich werde doch jetzt nicht jemand Jungen noch neu einstellen. Das geht gar nicht. Dann ist das Problem nicht gelöst, sondern dann ist es nur verschoben.

Aber: Wir haben in Deutschland schon ein sehr gutes System des „Matching“, also dass man sagt: Unternehmen, hier habt Ihr junge Menschen, Ihr könnt sie auch selber mit ausbilden und prägen. Und Ihr könnt schauen, dass sie zu Euch passen. Also so ein Matching. Und dann ist es ja doch häufig so, dass nach zwei oder drei Jahren das Unternehmen sagt: Ja, eigentlich haben wir nur zwei Leute nehmen wollen, aber guck mal hier der junge Mensch, der junge Mann, die junge Frau, sie sind so super, die haben sich so angestrengt und das klappt richtig gut. Ach komm, wir nehmen drei. Wir nehmen die Person auch, weil da haben wir jetzt schon zwei/ drei Jahre investiert und das klappt gut. Und das ist so eine der Erfahrungen, dass man halt hier besseres und genaueres „Matching“ - also eine bessere Passfähigkeit - hinbekommt. Und das ist eine große Erfolgsgeschichte. Aber ich hoffe, dass jeder in so einer Krise, jeder junge Mensch realisiert: Du, ich brauche eine Ausbildung, ich muss was machen, denn es ist schon schwierig genug für die Leute, die jetzt fertig werden, den Job zu finden. Und wenn ich jetzt nichts habe, keine Ausbildung habe oder keine gute Ausbildung habe, dann habe ich noch weniger Chancen. Und das führt dazu, das sieht man auch gerade in den besonders hart getroffenen Ländern von der globalen Finanzkrise, dass sich mehr Leute in eine Ausbildung begeben, vielleicht auch länger in der Ausbildung bleiben. Das ist jetzt auch nicht unbedingt etwas Schlechtes. Es sei denn, sie sagen: Ich studiere nicht drei Jahre, sondern zehn Jahre und nach drei Bachelor-Studiengängen oder was auch immer, dann ist das vielleicht auch ein bisschen zu viel des Guten. Aber ein positiver Aspekt ist: Der Druck wird erhöht, dass man eine Ausbildung bekommt, dass man sich da anstrengt, um was zu finden. Das Problem ist halt: Werden alle was finden? Das ist die große Sorge.

Eric Graydon:
Auch für Studierende gibt es Hilfen. Die sehen allerdings ein bisschen anders aus als die für die Ausbildungsbetriebe. Dort geht es vor allem darum, die Folgen für Studierende abzumildern, die wegen der Corona-Krise ihre Nebenjobs verloren haben oder deren Eltern wegen der Corona-Krise nicht mehr finanziell helfen können. Die Studenten können einmal Kredite über die KfW beantragen und sollen dann außerdem Hilfe für die Monate Juni, Juli und August bekommen, die sie nicht zurückzahlen müssen. Wer weniger als 500 Euro auf dem Konto hat und zeigen kann, dass er wegen der Corona-Krise weniger Geld hat als vorher, der bekommt sein Konto bis zu einem Wert von 500 Euro aufgestockt. So diese Maßnahmen sind aber extrem umstritten. Einmal war der KfW-Kredit nur dieses Jahr zinsfrei ist und danach dann mehr als vier Prozent Zinsen anfallen. Und weil für diese Zahlungen bis 500 Euro nur insgesamt 100 Millionen Euro vorgesehen sind, wo nun stehende Vertreter berechtigterweise sagen: Das wird nicht sonderlich lange reichen. Wie beurteilen Sie dieses Maßnahmenpaket? Reicht das?

Marcel Fratzscher:
Ist schwierig zu sagen, ob es reicht. Aber es ist schon mal ein guter erster Schritt, dass man bis 500 Euro bekommen kann. Klar, es sind viele Fragezeichen. Das soll von den Studierendenwerken verwaltet werden und entschieden werden, wer jetzt das Geld bekommt, wer in einer wirklich akuten Notlage ist. Ich würde mir da weniger Sorgen machen über die Größenordnung. Also wenn jetzt wirklich die Nachfrage so riesig ist - dann bin ich mir sicher - wird die Bundesregierung da auch noch mal nachlegen. Wenn man 9 Milliarden an die Lufthansa geben kann, dann kann man anstelle von hundert Millionen für die Studierenden vielleicht auch das Doppelte oder vielleicht auch 500 Millionen geben. Wenn man halt so viel Geld für die Lufthansa übrighat.

Eric Graydon:
Sie sagen, man sollte jetzt nicht so sein Augenmerk auf die Größenordnung richten. Aber wir sehen zum Beispiel natürlich gerade in den Großstädten die Klage: 500 Euro sind schön und gut, aber 500 Euro sind meine Miete - in manchen Fällen nicht mal das. Wird dadurch nicht eigentlich dieses Risiko noch mal befeuert, dass man wieder eine Generation von Leuten hat, die also keinen Abschluss machen werden beziehungsweise die jetzt eben ihr Studium frühzeitig abbrechen?

Marcel Fratzscher:
Ja, das ist die Frage. Was werden die Menschen machen, wenn sie als Studenten und Studentinnen keinen Job bekommen können oder die Chancen schlecht sind und ihr Studium nicht finanzieren können? Und werden einige Leute abbrechen? Ja, es kann passieren. Andere Leute werden sagen, ich bleibe länger im Studium, studiere also deutlich länger, dass ist das, was man in Südeuropa, Italien, Spanien gesehen hat während der globalen Finanzkrise und der europäischen Krise, in der sich die Studienzeit sich verlängert hat, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass dort die Sozialleistungen deutlich geringer sind. Die große Sorge ist natürlich noch eine weitere: Und zwar, dass die soziale Polarisierung mit diesem Problem deutlich zunimmt. Denn welche Studenten machen denn das, welche Studentinnen und Studenten, dass sie nicht weiter studieren, dass sie vielleicht dann doch lieber Sozialhilfe oder Hartz IV in Anspruch nehmen? Das sind eher die, die aus Elternhäusern kommen, die eben nicht unterstützen können. Wir wissen schon jetzt: Die, die zum Studium gehen, sind eher junge Menschen aus privilegierten Elternhäusern, mit hohen Einkommen, gutem Ausbildungsgrad, 70 Prozent der Akademiker- und Akademikerinnenkinder gehen zur Universität, nur 20 Prozent derer, die keine Eltern haben, die Akademiker der Akademikerinnen sind, gehen zur Uni und diese Ungleichheit wird sich nochmal verschärfen. Viele Eltern helfen schon jetzt, ihren Kindern das Studium zu finanzieren. Und meine Sorge ist es, dass sich die Ungleichheit von denen, die studieren können, in Deutschland noch mal verschärft.

Eric Graydon:
Wir sehen: Es gibt bestimmte Berufe in dieser Krise, die gerade sehr gefragt sind. Das ist zum Beispiel so etwas wie ein IT Techniker. Das hat natürlich viel mit der neuen Liebesaffäre mit dem Homeoffice zu tun und wie sich die Unternehmen darauf umstellen können. Aber natürlich, wenn wir uns andere Bereiche angucken: Auch bei ihnen im DIW laufen ja vor allem Sozial- und Geisteswissenschaftler herum. Diese Leute, wenn die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommen, die werden es auch deutlich schwerer haben als die in den vergangenen Jahren. Was sagen Sie diesen Leuten? Promoviert auch am besten noch mal? Bleibt einfach ein bisschen eine länger in der Uni? Vielleicht wird es danach besser? Was sagt man denen?

Marcel Fratzscher:
Naja, es ist schwierig. Denen sagt man: das Ehrliche. Es wird schwierig werden für euch einen Job zu finden. Orientiert euch vielleicht auch um. Seid vielleicht nicht ganz so eng, habt einen breiteren Horizont. Die Schwierigkeit, die wir generell in Deutschland haben mit dem Studium ist, dass wir große Freiheiten haben. Also man kann Sozialwissenschaften, Literaturwissenschaften studieren. Klar, gibt es nicht unbegrenzt Studienplätze, aber relativ viele. Sehr viele von denen werden nicht in dem Beruf arbeiten, für den sie eine Ausbildung bekommen. Und das ist schon ein Problem: Dass wir auch vor der Krise einen Fachkräftemangel hatten in vielen sogenannten MINT-Bereichen (zB. Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Technik). Aber – Entschuldigung an die Germanisten, die hier zu hören – Germanistinnen und Germanisten haben dann eher eine große Schwierigkeit, Jobs zu finden. Das gilt auch für einige Sozialwissenschaften. Also wir brauchen ein besseres Matching. Wir brauchen also eine bessere Zuordnung. Was sind wirklich Jobs, die gebraucht werden? Und wo wird es schwierig werden? Wo werden mit Sicherheit nicht alle eine Arbeit finden können? Und da würde ich mir ein bisschen mehr Steuerung wünschen, ohne dass man jetzt die Freiheit der Lehre und der Wissenschaft aufhebt. Aber es hilft vielen nicht, wenn man mit großem Enthusiasmus studiert und dann irgendwann realisiert: Ich habe es doch nicht geschafft, in die oberen 20 Prozent zu kommen, die hier einen tollen Job finden, sondern ich gehöre zu den unteren 80 Prozent, die eben was ganz anderes machen müssen.

Eric Graydon:
Dann lassen Sie uns vielleicht noch mal eine Rolle rückwärts machen. Wir haben über die Hilfsangebote für Ausbildungsbetriebe gesprochen, wir haben auch über die Hilfen für Studierende gesprochen. Worüber wir noch nicht gesprochen haben und was bisher auch irgendwie keine wirkliche Rolle gespielt zu haben scheint: Finanzielle Unterstützung für die Auszubildenden selbst. Muss der Staat da noch nachlegen?

Marcel Fratzscher:
Ja, ich denke auch Azubis benötigen finanzielle Unterstützung, denn viele von denen leben zuhause, bekommen ganz wenig Geld während der Zeit ihrer Ausbildung und haben jetzt auch Probleme, wenn sie Eltern haben, die in Kurzarbeit sind und selber große Probleme haben, über die Runden zu kommen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass Student*innen relativ privilegiert sind, weil sie beispielsweise keine Studiengebühren in Deutschland zahlen müssen. Das heißt nicht, dass man ihnen nicht helfen soll – Doch, ich halte diesen Rettungsschirm für wichtig. Man darf nur die anderen nicht vergessen: Die Auszubildenden. Man muss auch hier überlegen: Wie kann man denen auch finanziell unter die Arme greifen, um die Familien dort zu entlasten? Wenn man über Fairness spricht, dann spricht man darüber, dass man Studierenden hilft, aber eben auch Azubis.

Eric Graydon:
Wissen Sie, warum das bisher nicht der Fall ist? Also wissen Sie, wieso das in den bisherigen Stützprogrammen der Bundesregierung noch nicht berücksichtigt wurde?

Marcel Fratzscher:
Einer der Gründe, weshalb das bisher nur für Studierende gemacht wurde, ist, dass viele der Studierenden einen Nebenjob haben. Zwei von drei Student*innen arbeiten irgendwo und sind darauf angewiesen. Viele, die jetzt nicht arbeiten können, weil ihr Job als Kellnerin oder Kellner weggefallen ist, schaffen es dann zumindest von zuhause mehr Unterstützung zu bekommen. Bei Azubis ist das anders. Bei denen arbeiten eben nicht so viele nebenbei, sondern fokussieren sich dann auf die Ausbildung und arbeiten dann immer noch im Unternehmen mit. Das ist einer der Gründe, aber für mich kein Grund genug, zu sagen: Studierende kriegen Geld, aber Azubis nicht.

Eric Graydon:
Dann würde ich zum Ende gerne noch mal auf dieses Thema „Krise und Forschung“ zurückkommen. Ich kann mich noch gut daran erinnern: In der ersten Folge haben Sie gesagt, für Sie als Ökonom sei diese Krise auch deswegen so schwierig, weil die ganzen traditionellen Mittel, die man so hätte, um sich jetzt ein Bild davon zu verschaffen, was eine Krise ist, wie die Auswirkungen sein werden, diese ganzen Modelle würden nicht mehr funktionieren. Sind Sie da mittlerweile weiter?

Marcel Fratzscher:
In der Wirtschaftsforschung sind wir traditionell katastrophal darin, Prognosen zu machen, nämlich in die Zukunft zu schauen. Und das ist jetzt in dieser Krise noch mal viel schlimmer. Viele verstehen auch nicht, wieso Ökonomen keine gute Prognose machen können. Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Also wir versuchen zu überlegen, wie agieren und reagieren Menschen auf diese Krise? Und was heißt das dann fürs große Ganze? Und wenn halt ein Donald Trump morgens mit dem falschen Bein aufstehen und irgendeine bescheidene Entscheidung trifft, dann kann das die ganze Weltwirtschaft beeinflussen. Also er zettelt einen weiteren Handelskrieg mit China an, dann wirkt sich das aus. Und dann sagt man: Guckt mal, Ihr Ökonomen habt die Wirtschaft falsch vorausgesagt! Ja, wie soll man denn voraussagen, dass Donald Trump diese Entscheidung getroffen hat, die eigentlich nicht wirklich logisch ist? Und so kann man das fortsetzen. Also wir sind in dieser Krise sehr am Kämpfen, eine Prognose aufzustellen. Prognosen bei uns sind eigentlich immer Szenarien. Das sind „Wenn-Dann-Analysen“. Also: Wenn das und das und das passiert, wenn die Politik dies entscheidet oder auch nicht entscheidet, dann könnte dies passieren. Und das ist ein Bereich, in dem wir jetzt am Kämpfen sind, besser zu verstehen. Was könnte passieren, was könnte denn passieren, wenn eine zweite Welle kommt? Was könnte denn passieren, wenn in Deutschland so und so viel Unternehmen Pleite gehen und Menschen arbeitslos werden? Was kann jetzt mit dem Konjunkturpaket der Bundesregierung passieren? Wie viel wird das denn wirklich bewirken? Die Mehrwertsteuersenkung, über die jetzt viel gestritten wird - Wird die wirksam sein? Wird das funktionieren? Werden die Unternehmen überhaupt das Geld weitergeben an die Kunden? Das hängt davon ab, ob wir Bürgerinnen und Bürger, wir Konsumentinnen und Konsumenten überhaupt unser Verhalten beibehalten. Das tun wir natürlich nicht. Die meisten gehen jetzt nicht mehr so viel weg oder können das ja auch gar nicht und haben auch Angst um ihren Job, ihre Zukunft. Und damit verändern wir unser Verhalten und das zu verstehen, ist für uns Ökonomen wichtig, aber da tapsen wir komplett im Dunkeln. Also wir haben schon Anhaltspunkte und ich habe es in dem Podcast immer wieder erwähnt: Wir gucken uns andere Länder an, fragen, wie war das in der globalen Finanzkrise? Wie haben die das gemacht, was war deren Erfahrung? Was können wir daraus lernen? Also wir lernen immer aus der Geschichte und sagen: Wie war es denn vorher? Was heißt denn das für heute? Das Problem ist, dass es noch nie eine solche Krise gegeben hat. Wir haben überhaupt keinen Anhaltspunkt zu sagen: Daran können wir uns festhalten, da können wir uns anschauen, was ist da passiert, wie hat das funktioniert? Und das macht das extrem ungewiss. Das macht es aber auch wahnsinnig spannend für uns Forscher und Forscherinnen. Denn es ist so ein komplett neues Experiment. Man darf nur nicht zu viel erhoffen oder erwarten, dass wir mit unseren Prognosen richtig liegen, weil, wie gesagt: Wir haben einfach kein Vorbild, womit wir gute Prognosen machen können.

Eric Graydon:
Aber welche Folgen hat das denn für Sie als Zunft? Also, wenn Sie sagen: Eine unserer Hauptaufgaben ist es eben, Prognosen zu erstellen. Das funktioniert aktuell nicht. Fühlt man sich dann als Ökonom noch gebraucht?

Marcel Fratzscher:
Es wird gebraucht. Ich realisiere in dieser Krise, dass auch Wirtschaftswissenschaftler, Sozialwissenschaftler wichtiger sind denn je und eines der wirklich beeindruckenden Dinge dieser Krise ist: Die Bedeutung der Wissenschaft hat unglaublich zugenommen. Und wir reden hier nicht nur über die Epidemiologen und die Mediziner, die jetzt jeden Tag wie viele Male befragt werden: Was ist denn jetzt? Und wie wirkt das Virus und was wird kommen? Sondern auch für die Sozialwissenschaftler*innen, Wissenschaftler*innen und für die Wirtschaftswissenschaften hat die Bedeutung zugenommen. Ich habe noch nie gesehen, dass so viele von uns Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den politischen Entscheidungsprozessen konsultiert werden - Um unseren Rat gefragt werden. Das Konjunkturpaket, dass wir jetzt sehen, halte ich für ein sehr gutes Konjunkturpaket. Ich muss gestehen, da hat man sehr, sehr viel auf die Wirtschaftswissenschaften gehört. Dass wir unisono in Deutschland gesagt haben: Bitte keine Abwrackprämie für Dieselautos. Das ist völlig ineffektiv, kontraproduktiv, bitte jetzt keine Steuersenkungen für die Top zehn Prozent, weil das bringt jetzt in der Krise auch nichts. Und das ist eigentlich eine ganz schöne Bestätigung, dass man sagt: Ja, wir haben einen relevanten Beitrag zu leisten. Wichtig ist nur, dass wir bescheiden sind, dass wir eben nicht anfangen und sagen: Wir wissen es jetzt besser. Und wir können jetzt Ihnen genau sagen, was im nächsten Jahr passieren wird und was wir heute tun müssen. Sondern dazu gehört auch die Ehrlichkeit der eigenen Beschränkungen mit unserer Wissenschaft, mit unseren Instrumenten, dass wir einfach wenig sagen können. Nur die Politik tapt auch im Dunkeln. Und die brauchen solche Prognosen. Die müssen halt verstehen, wie Dinge funktionieren und da spielen wir eine hilfreiche Rolle. Und das ist ein sehr, sehr gutes Gefühl.

Eric Graydon:
Das heißt aber auch: Wenn es schiefgeht, dürfen wir Ihnen dann die Schuld geben?

Marcel Fratzscher:
Das tut mir so und so. Ja, das ist das Schöne an Krisen. Wenn eine Krise kommt, heißt es: Guckt mal, die Ökonomen haben das nicht kommen sehen. Man oh Man. Da haben die aber versagt. Und wenn wir es vorher sagen: Guck mal, da kommt eine Krise, ihr müsst jetzt dies und jenes tun. Und die Politik macht das. Und nimmt diese Maßnahmen, aber die Krise kommt nicht, dann heißt es: Guck mal, die haben die ganze Zeit gesagt, dass da eine Krise kommt. Jetzt kommt doch keine. Ja, eben weil wir gewarnt haben. Und ich glaube, man darf die Kritik jetzt auch nicht zu ernst nehmen. Im englischen gibt es einen Spruch: „Volkswirtschaft/Wirtschaftswissenschaften die schlechte Wissenschaft“, weil wir halt anders als die Naturwissenschaften, keine Naturgesetzmäßigkeiten entdecken und beschreiben, sondern bei uns geht es um den Menschen. Der Menschen steht immer im Mittelpunkt und der Mensch ist unberechenbar. Und das macht es so spannend. Aber auch natürlich so schwierig.