FOTOMONTAGE, Stempel mit der Aufschrift Grundeinkommen
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Folge #22 vom 19.08.2020 - Könnte ein Bedingungsloses Grundeinkommen gegen die Corona-Krise helfen?

Seit dieser Woche läuft ein ambitioniertes Forschungsprojekt. Ziel ist es herauszufinden was wirklich passieren würde wenn man Menschen in Deutschland jeden Monat 1200 überweist – einfach so. Marcel Fratzscher spricht in dieser Folge über die politischen Überlebenschancen eines solchen Plans, warum wir eine Reform unserer sozial Systeme dringend brauchen und warum er persönlich seine Meinung in Sachen bedingungsloses Grundeinkommen geändert hat.

Eric Graydon:
Wir wollen uns heute mal einem einzigen Thema widmen - aber einem, das es in sich hat: Es geht um das "Bedingungslose Grundeinkommen" – ein Begriff, der lange Zeit den Leuten entweder ein Lächeln oder Zornesröte auf die Gesichter zauberte – und das verdammt schnell. In Zeiten von Corona ist das Instrument wieder im Gespräch und nicht nur das: Seit gestern läuft eine auf drei Jahre angelegte Studie, die Ihr DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) zusammen mit dem Verein „mein-grundeinkommen.de“ organisiert. Ziel ist es, belastbare Erkenntnisse über die Wirkung eines solchen bedingungslosen Grundeinkommens in Höhe von 1.200 Euro monatlich zu erhalten. Wie genau sieht diese Studie aus?

Marcel Fratzscher:
Das, was wir in dieser Studie herausfinden wollen, ist: Was würden Sie – Sie persönlich – machen, wenn Sie 1.200 Euro im Monat hätten – bedingungslos. Jemand gibt Ihnen die 1.200 Euro und sagt: Damit können Sie tun und lassen, was Sie wollen. Jeder würde das natürlich anders nutzen und einige würden sagen: Ich möchte weniger Arbeiten. Ich möchte mehr Zeit für meine Familie, meine Kinder und meine PartnerIn haben. Andere würden sagen: Nein, ganz im Gegenteil. Ich würde mich vielleicht umorientieren, weil ich mich schon immer mal beruflich verändern oder mich fortbilden wollte, um etwas Neues machen zu können. Wenn Sie 35 Jahre alt sind und zwei kleine Kinder haben und das Einkommen von Ihnen und Ihrem Partner oder ihrer Partnerin ist eh schon knapp, dann würden Sie kein Risiko eingehen und sagen: So, jetzt verzichte ich mal auf das Einkommen für ein Jahr und gehe mal hier ein Risiko ein, mache eine neue Ausbildung oder versuche was Neues oder mache mich mal selbständig - gehe wirklich ein Risiko ein und sage: Das ist mein Traum, das wollte ich schon immer mal machen. Weil dann brauchen Sie das Geld. Dann sind Sie wirklich jeden Monat darauf angewiesen, dass der Gehaltsscheck kommt und dass Sie die Familie ernähren können. Und das zeigt: Jeder würde wahrscheinlich etwas anderes machen und es könnte sehr vielen Menschen neue Chancen eröffnen, mit ihrem Leben etwas anderes zu machen, Träume zu erfüllen, etwas zu realisieren, was man immer schon mal machen wollte, vielleicht auch eine Auszeit nehmen.

Und das wollen wir letztlich herausfinden: Wie würden wir uns als Gesellschaft verändern, wenn wir diese Garantie hätten? Und das ist die Idee dahinter. Bei dem Verein "mein-grundeinkommen.de" kann sich übrigens jeder bewerben für ein solches Grundeinkommen, jeder kann daran teilnehmen und dann beobachten wir diese 120 Personen, wie auch 1.400 andere Personen, die das nicht bekommen haben und die es gerne gehabt hätten, über drei Jahre hinweg und darüber hinaus. Dieses Grundeinkommen wird für drei Jahre gezahlt und wir befragen die Menschen innerhalb dieser drei Jahre: Was macht Ihr mit dem Geld? Was macht das mit Eurem Leben? Wie verändert sich das? Wir haben hier die Probanden, die das Geld bekommen und dann eine Kontrollgruppe, also die Menschen, die es nicht bekommen, und dann können wir vergleichen: Was machen die anders, die das bekommen? Wie verändert sich ihr Leben? Und das machen wir mit 120 Personen. Das Geld dafür kommt von privaten Spendern. Dieser Verein, "mein-grundeinkommen.de", ist rein privat bestritten. Das ist kein staatliches Geld. Das ist eine völlig unabhängige Studie, die wir mit "mein-grundeinkommen.de" machen. Und wir sammeln das Geld von über 100.000 Spendern, die sagen: Ich finde diese Initiative so wichtig, dass ich Geld spende. Es kommen da knapp 600.000 Euro jeden Monat an Spenden zusammen. Ich glaube, über eine Million Deutsche haben sich mittlerweile dort registriert, wollen ein solches Grundeinkommen haben. Das ist zumindest für mich eine unvorstellbare Zahl und zeigt, wie viele Menschen in Deutschland dieses Thema umtreibt. Was würde ich machen mit 1.200 Euro im Monat? Wie könnte sich mein Leben verändern? Und wir wollen es einfach wissen: Wir wollen es mal wirklich ausprobieren. Und vielleicht kommt raus, dass es nicht so viel bringt, aber vielleicht kommt aber auch raus, dass es doch was bringt und dass es einer ganze Menge Menschen hilft. Und deshalb, davon bin ich überzeugt, müssen wir uns das endlich mal seriös wissenschaftlich anschauen. Und dann auch der Politik sagen: Guckt mal her, das haben wir herausgefunden. Nehmt das mal ernst.

"Geld ist sicherlich für viele Menschen alleine nicht die Lösung"

Eric Graydon:
Sie sind in der Vergangenheit eher als Kritiker dieses Gedankens in Erscheinung getreten und haben den Plan, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen, als einen Irrweg bezeichnet. Haben Sie Ihre Meinung da grundsätzlich geändert?

Marcel Fratzscher:
Ja, ich habe meine Einstellung schon sehr grundlegend geändert. Ich war in der Vergangenheit immer sehr kritisch, weil ich mir gedacht habe: Erst einmal haben wir in Deutschland in gewisser Weise ein Grundeinkommen - das heißt Hartz IV. Viele haben ein solches Grundeinkommen nicht. In Deutschland ist es aber natürlich so, dass es ein Grundeinkommen mit Bedingungen ist. Wenn Sie Hartz IV beziehen, dann müssen Sie regelmäßig zum Amt, müssen zeigen, dass Sie sich bemüht haben, Arbeit zu finden und für eigenes Einkommen zu sorgen. Auch Ersparnisse aus der Vergangenheit werden dabei angerechnet. Sie müssen also eine Bedürftigkeitsprüfung zeigen oder durchlaufen, dass Sie das Geld auch wirklich benötigen. Und nicht selten ist es der Fall, dass dieses Hartz-IV-Einkommen auch noch mal gekürzt wird um 20 Prozent. Es gibt sogar Fälle, in denen Menschen das Hartz IV komplett gestrichen wird für einige Zeit, bis sie die Bedingungen erfüllt haben. Das ist natürlich erniedrigend.

Und für mich war das Argument gegen das bedingungslose Grundeinkommen, dass Geld alleine sicherlich nicht die Lösung ist. Wenn Sie jemandem 1.200 Euro in die Hand drücken und sagen: Sie sind arbeitslos, sie haben keine Ausbildung gemacht, sie haben noch nicht mal einen Schulabschluss und haben häufig noch gesundheitliche Probleme - und das beschreibt sehr viele Langzeitarbeitslose in Deutschland -, dann hilft den Menschen das herzlich wenig, wenn Sie sagen: Hier habt Ihr das Geld, viel Glück!

Die Menschen brauchen Unterstützung. Die brauchen jemanden, der sie an die Hand nimmt, der sie vielleicht auch ausbildet, ihnen eine Qualifikation oder eine Möglichkeit gibt, wieder einen Fuß in die Tür des Arbeitsmarkts bekommen.

Geld ist sicherlich für viele Menschen alleine nicht die Lösung. Aber es gibt sehr viele Menschen in Deutschland, gerade Menschen mit geringem Einkommen, die sagen: Das Geld ist wirklich jeden Monat so verdammt knapp, um die Familie zu ernähren. Ich habe nicht wirklich Optionen, mal was Neues auszuprobieren, meine Träume zu realisieren, mich selbständig zu machen oder eine andere Ausbildung zu machen. Das Menschenbild hinter dieser Idee ist eigentlich das, was mich zu meinem Sinneswandel geführt hat: Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir wollen Teil der Gesellschaft sein. Wir wollen mit anderen Menschen gemeinsam Dinge tun oder auch uns einbringen, einen Beitrag leisten und dieses positive Menschenbild, das hinter dem Grundeinkommen steht, also diese Idee: Wir müssen die Menschen dazu in die Lage versetzen, ein soziales Wesen sein zu können, Teilhabe und Chancen zu haben in ihrem Leben. Das ist eigentlich der Schlüssel für eine erfolgreiche Gesellschaft, nicht nur für Glück und Lebenszufriedenheit, sondern übrigens auch wirtschaftlich. Wir müssen es mal ausprobieren und es ist nicht nur schwarz-weiß. Es ist nicht nur "Das Grundeinkommen funktioniert" oder "Das Bedingungslose Grundeinkommen funktioniert nicht". Sondern an einer solchen Studie würden wir ganz viel lernen. Wir würden lernen: Für welche Gruppen funktioniert es denn? Ich habe es eben gesagt, ich glaube, für jemanden, der langzeitarbeitslos ist, wird ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht viel bringen. Es wird vielleicht die Scham oder die Erniedrigung, zum Amt zu gehen, reduzieren, was auch ein Beitrag ist. Aber es wird sehr vielen Menschen, vor allem mit geringerem Einkommen, helfen, ihre Träume und Wünsche zu realisieren.

Vielleicht ist das Resultat, dass es für manche funktioniert und wir es so und so gestalten müssen, damit es eine positive Auswirkung hat. Bisher gibt es keine systematischen Studien über das bedingungslose Grundeinkommen. Es gibt Versuche in Finnland und Kanada, die aber auf Deutschland nicht anwendbar sind. Und als Wissenschaftler möchte ich, dass wir endlich mal wissen: Wie funktioniert es denn? Und das würde uns als Gesellschaft sehr helfen.

"Das Echo aus der Wissenschaft ist sehr positiv"

Eric Graydon:
Sie haben Ihre Meinung geändert und den Prozess auch sehr schön beschrieben. Es gibt gleichzeitig natürlich viele Menschen, die einem bedingungslosen Grundeinkommen immer noch sehr kritisch gegenüberstehen. Wie ist das Echo unter Ihren Ökonomenkolleginnen und -kollegen auf diesen Gedanken? Ist es etwas, wo Sie "in der Szene" einen gewissen Rückhalt verspüren oder haben Sie das Gefühl, dass Sie sich da gerade ziemlich weit nach vorne gewagt haben?

Marcel Fratzscher:
Ich habe mich sicherlich ziemlich weit nach vorne gewagt. Es gibt auch genug KollegInnen und auch wir als DIW Berlin, die sich dort beteiligen wollen und die sagen: Wir wollen das machen. Das ist uns wichtig. Aber ich finde es interessant, dass es bei immer mehr Ökonomen auf offene Ohren, auf Interesse stößt und das aus ganz unterschiedlichen Gründen - das finde ich interessant. Viele Kritiker sagen erstmal: Das ist doch viel zu teuer. Das können wir uns doch gar nicht leisten. Stellen Sie sich das mal vor: 82 Millionen Deutsche, von denen jeder im Monat 1200 Euro bedingungslos bekommt. Das sind auf ein Jahr gerechnet über tausend Milliarden Euro. Das sind knapp 30 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung heute, die wir dann für dieses bedingungslose Grundeinkommen aufbringen müssten. Das sind schier unvorstellbare Zahlen. Dann muss man den Menschen erklären: Auch heute gibt der Staat sehr viel Geld für Sozialausgaben aus. Auch heute muss er sehr viel machen. Und es ist auch nicht so, dass jeder das effektiv auch nachher bekommen würde.

Es ist natürlich so, dass dem natürlich dann auch Steuereinnahmen gegenüberstehen müssen. Das heißt, Besserverdiener zahlen dementsprechend dann mehr Steuern. Es wäre schon so, dass wir ein anderes Steuersystem bräuchten. Das würde die Steuerlast für viele Menschen erhöhen. Klar, könnte das wirtschaftlich riskant sein, aber ich finde bei immer mehr Ökonomen ein positives Echo, auch weil einige interessanterweise sagen: Oh, dann können wir viel des ineffizienten Sozialstaats einsparen. Überlegen Sie sich mal, wie viele Menschen irgendwo in Behörden arbeiten, die irgendwo einen Stempel drauf machen müssen und sagen: "Ja okay, der bekommt jetzt das Wohngeld" oder "Okay, der bekommt jetzt diesen Hartz-IV-Satz" oder "Okay, der bekommt jetzt diesen Kinderzuschuss" oder was auch immer. Also wir haben eine unglaublich große Sozialbürokratie mit Hunderttausenden von Beschäftigten, die nichts anderes tun, als zu prüfen, ob Sie jetzt diesen einen Euro überhaupt bekommen sollen oder nicht. Diese Bürokratie könnte man damit zu einem erheblichen Maße abschaffen und das wäre zum Beispiel auch ein Grund, den ich von vielen Ökonomen immer höre, wo ich dann sage: Das würde viele Dinge sehr viel effizienter machen und vereinfachen. Das würde uns viel Bürokratie sparen. Der Staat könnte sich mehr auf das fokussieren, was er tun sollte: Menschen befähigen, ein gutes Bildungssystem schaffen, eine gute Infrastruktur bereitstellen und eben auch einen starken Sozialstaat schaffen, der befähigend ist.

Ich merke, dass auch bei immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Offenheit da ist. Ich sage nicht, dass das Grundeinkommen ein riesiger Erfolg und die Patentlösung für all unsere Probleme sein wird - das glaube ich nach wie vor nicht. Aber es könnte einige Probleme lösen. Als Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sind wir offen, neugierig und wollen Antworten haben. Und deshalb ist das Echo, das ich jetzt auf diese Initiative bekommen habe, auch aus der Wissenschaft sehr positiv, weil es erst einmal Fragen stellt und Antworten will.

"Unsere Arbeitswelt verändert sich komplett"

Eric Graydon:
Diese aktuelle Diskussion jetzt findet natürlich vor dem Hintergrund der Corona-Krise statt. Das Thema Bedingungsloses Grundeinkommen begleitet uns aber natürlich schon länger. Es begleitet uns vor allem deswegen, weil es auch als ein Mittel gilt, um allgemein gegen diese Umbrüche, die wir im Arbeitsleben sehen, vorzugehen – Stichwort: Digitalisierung. Inwieweit glauben Sie, ist ein bedingungsloses Grundeinkommen da ein probates Mittel, um gegen solche Veränderungen vorzugehen beziehungsweise sie gesamtgesellschaftlich verträglicher zu machen?

Marcel Fratzscher:
Es wird in der Zukunft deutlich wichtiger werden, dass Menschen Eigeninitiativen übernehmen. Viel mehr Menschen werden auf sich selbst im Arbeitsmarkt gestellt sein. Wir leben in einer Zeit, in der die Digitalisierung unglaublich schnell voranschreitet. Sie finden immer weniger typische Jobs, wo Sie ins Büro gehen, Ihr Chef oder ihre Chefin sagt Ihnen morgens, was Sie zu tun haben und dann machen Sie das, arbeiten das ab und abends sind Sie fertig und gehen wieder nach Hause. Viele von der Generation unserer Eltern und vielleicht auch von denen, die jetzt noch in Rente gehen/ in Rente sind, haben mit 18, 19, 20 eine Ausbildung gemacht, sei es als MechanikerIn oder Bürokauffrau oder -mann. Die konnten mehr oder weniger 40 Jahre lang mit den gleichen Qualifikationen arbeiten. Das war die Arbeitswelt der Vergangenheit. Heute sind wir in einer Arbeitswelt durch die Digitalisierung, aber auch durch die Globalisierung, in der sich der Job von jedem von uns so schnell verändert, dass wir nicht mehr sagen können: Ich habe hier meine Ausbildung. Ich bin fertig. Das mache ich jetzt die nächsten 40 Jahre lang. Sie werden sich ständig verändern, fortbilden und neue Technologien lernen müssen. Viele Berufsfelder verschwinden komplett, weil sie einfach durch den Computer ersetzt werden, der das viel effizienter kann. Vieles davon ist sehr positiv. Viele körperliche Arbeit wird ersetzt werden oder ist schon ersetzt worden - Das wird noch schneller vorangehen.

Unsere Arbeitswelt verändert sich komplett. Und die Definition von "Was heißt Arbeit?" verändert sich komplett. Und wie reagieren wir als Gesellschaft darauf? Es gibt Leute wie Mark Zuckerberg, der sagt: Damit werden so viele Millionen Jobs verloren gehen. Ich will ein bedingungsloses Grundeinkommen, damit die Menschen zumindest eine soziale Absicherung haben. Der sieht das als Notwendigkeit, um die Menschen, die - ich sage das jetzt provokativ - überflüssig im Arbeitsmarkt geworden sind, aufzufangen und zumindest finanziell ruhig zu stellen. Das ist für mich der absolut komplett falsche Grund für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ich glaube, ganz im Gegenteil: Wir müssen einen Weg finden, wie möglichst viele Menschen an diesem Wandel im Arbeitsmarkt, in der Arbeitswelt, an der globalen Wirtschaft eine Teilhabe haben können. Wie man auch ihnen Chancen öffnen kann, davon zu profitieren – das muss der Anspruch unserer Gesellschaft sein. Sonst erleben wir eine weiter zunehmende Polarisierung, die wir auch in den letzten 20 Jahren schon erlebt haben. Trotz des Wirtschaftsbooms in den 2010er-Jahren in Deutschland muss man sich vor Augen führen, dass Deutschland nach wie vor einen der größten Niedriglohnsektoren in ganz Europa hat: Mehr als jede/r fünfte ArbeitnehmerIn arbeitet für weniger als 11,50 Euro die Stunde. Das sind weniger als 60 Prozent des Stundenlohns einer/eines durchschnittlichen ArbeitnehmerIn. Trotz des Wirtschaftsbooms haben wir heute ein sehr hohes Armutsrisiko: Mehr als jeder sechste Mensch ist in Deutschland vom Armutsrisiko betroffen, jedes fünfte Kind, jeder fünfte Jugendliche. Wir sehen diese Polarisierung schon und deshalb brauchen wir neue Wege, wie wir Menschen eine Teilhabe daran ermöglichen. Und das Bedingungslose Grundeinkommen kann ein Teil davon sein.

Eine Konsequenz des Grundeinkommens: Der Mindestlohn muss massiv steigen

Eric Graydon:
Wir haben in diesem Podcast schon häufiger über die systemrelevanten Jobs gesprochen: Über die Leute, die unsere Gesellschaft zwingend zum Überleben braucht, die aber gleichzeitig häufig sehr schlecht bezahlt werden, z.B. KrankenpflegerIn, Supermarkt-KassiererIn oder Lieferpersonal, LogistikerIn. Nun kann man sich natürlich die Frage stellen: Sollte es zu so einem bedingungslosen Grundeinkommen kommen: Wer würde dann noch diese Jobs, wenn sie denn weiterhin so schlecht bezahlt sind, machen?

Marcel Fratzscher:
Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Viele Menschen werden nur dann arbeiten, wenn es sich auch wirklich lohnt. Und bereits heute ist es so, dass wenn Sie zum Mindestlohn von 9,35 Euro irgendwo im Supermarkt an der Kasse sitzen oder andere Tätigkeiten machen, verdienen Sie effektiv 2 Euro, 2,50 Euro pro Stunde mehr, als wenn Sie sagen würden: Ich melde mich arbeitslos, sitze zu Hause auf dem Sofa und möchte nicht arbeiten, möchte nicht diese Arbeit machen, die häufig auch harte Arbeit ist und viel abverlangt. Und man muss, wenn man über ein bedingungsloses Grundeinkommen spricht, auch über die Frage sprechen: Wie kann man einen Arbeitsmarkt schaffen, wo Arbeit sich wirklich lohnt und Arbeit ehrlich und ordentlich honoriert und entlohnt wird?

Sie haben völlig Recht: Ein Grundeinkommen von 1.200 Euro wird dazu führen, dass der Mindestlohn massiv angehoben werden muss. Denn wenn Sie heute 39, 40 Stunden pro Woche zum Mindestlohn arbeiten, kommen Sie netto nach Sozialabgaben vielleicht auf 1.250, 1.300 Euro. Im Prinzip bekommen Sie nicht viel mehr als das, was Sie mit einem Grundeinkommen von 1.200 Euro bekämen. Das heißt natürlich, dass auch viele ArbeitnehmerInnen sagen würden: So, ihr müsst mir einen besseren Lohn zahlen, bessere Arbeitsbedingungen schaffen und die Arbeit würdiger machen, damit ich das tue. Und das zeigt: Man würde eine ganze Verschiebung nach oben haben. Die Löhne würden massiv steigen müssen. Das würde viele Dinge verteuern. Jetzt kann man sagen: 1200 Euro Grundeinkommen, was im Augenblick ganz großzügig klingt, das ist zu den jetzigen Lebenskosten ganz ordentlich, davon habe ich zumindest meine Grundsicherung abgedeckt. Aber wenn viele Dinge teurer werden, weil die Löhne nach oben gehen, dann habe ich natürlich letztlich mit diesen 1200 Euro weniger Kaufkraft. Also die Schwierigkeit ist in der Tat, dass einige Berufsfelder weniger attraktiv werden würden. Es könnte zu Engpässen kommen, dass Menschen dort nicht mehr arbeiten wollen. Das heißt dann auch im Umkehrschluss steigende Löhne, steigende Kosten. Viele Dinge würden einfach teurer werden, die wir heute für gegeben nehmen. Das muss man eben auch mitberücksichtigen: Die Welt würde sich grundlegend verändern, wenn man ein solches Grundeinkommen einführen würde und man muss sich bewusst machen, dass nicht alle davon unbedingt profitieren würden. Auch das gehört dazu. Denn irgendjemand muss das Geld, muss diese Steuern zahlen, um das Grundeinkommen zu gewährleisten. Und die Frage, ob es gelingt oder nicht, liegt für mich vor allem darin, wie viele Menschen es geben wird, die sagen: Ich werde nicht mehr arbeiten oder ich werde weniger arbeiten. Das führt dazu, dass weniger Wirtschaftsleistung da ist, dass alle anderen, die arbeiten diese Lücke füllen müssen. Und wie viele Menschen wird es geben, die eben was Neues machen, die sich selbständig machen, die eine neue Ausbildung machen, die ein berufliches Risiko eingehen und damit natürlich auch wieder einen Mehrwert für den Rest der Gesellschaft schaffen? Und wie ist diese Balance? Wie wird sich das austarieren? Und das ist, glaube ich, die spannende Frage, die wir beantworten müssen. Ich bin mir nicht sicher, dass es wirtschaftlich schädlich für Deutschland als Gesamtes sein muss - ganz im Gegenteil. Aber es wird, wie Sie zu Recht sagen, auch zu Verschiebungen kommen, wo manche Arbeitsplätze einfach weniger attraktiv und andere attraktiver werden. Und sowas wollen wir mit dieser Studie herausfinden.

Eric Graydon:
Sie haben es angesprochen: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist im Kommen. Gleichzeitig bleibt sie natürlich kontrovers und angesichts der massiven Verschiebungen, die da notwendig wären, sei es in puncto Besteuerung, Verwaltung, all diese Sachen, die Sie angesprochen haben, ist natürlich mit einigem an politischem Gegenwind zu rechnen, wenn man denn ein solches System implementieren wollte. Sie sind beratend für die Bundesregierung tätig. Was ist Ihr Gefühl? Also ist das etwas, wo es den politischen Willen für gibt oder ist das etwas, was so toxisch ist, dass man das mit einem "Ja, schöne Idee. Danke, da reden wir in zehn Jahren noch mal drüber." abtun wird?

Marcel Fratzscher:
Das Bedingungslose Grundeinkommen ist jetzt nicht irgendwie eine sozialistische oder linke Idee. Es gibt Liberale und Libertäre, die sagen: Ganz tolle Idee, dieses Grundeinkommen, weil wir damit die ganze Bürokratie endlich mal kleiner bekommen können und einen effizienteren Staat bekommen. Es gibt von der Politik die Offenheit. Und was ich sehe, ist, dass sehr viele in der Politik realisieren: Wir haben jetzt vor der Corona-Krise zehn wirtschaftlich fantastische Jahre gehabt. Die Arbeitslosigkeit hat sich mehr als halbiert. Wir haben rekordniedrige Zahlen von Menschen, die keine Arbeit haben. Die Wirtschaft ist gewachsen, die Exporte haben geboomt. Die Löhne, übrigens auch für Menschen mit geringeren und mittleren Löhnen, sind in den letzten Jahren sehr ordentlich gestiegen. Und trotz dieses wirtschaftlichen Erfolgs haben wir eine große und größer werdende Gruppe, einen Teil unserer Gesellschaft, die abgehängt werden: Wir haben eine soziale Polarisierung. Wir sehen, dass bei den Bildungschancen viele eben nicht die Chancen haben wie andere. Man sagt nicht umsonst auch in Deutschland: Hartz IV vererbt sich und wird an kommende Generationen weitergegeben, weil das ein Bild ist, das Kindern vermittelt wird. Also trotz des wirtschaftlichen Erfolgs der letzten zehn Jahre sehen wir eine scharfe Polarisierung. Das heißt: Wenn es schon in wirtschaftlich guten Zeiten so schwierig ist, die Teilhabe zu ermöglichen, dann wird es in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – sprich: Corona und auch jetzt die nächsten Jahre, die nächsten zehn Jahre wahrscheinlich, in denen wir in Deutschland den Gürtel sehr viel enger schnallen müssen nach dieser Krise - nicht besser werden. Das heißt: Wir müssen neue Wege finden. Wir müssen unsere Sozialsysteme umgestalten, um Chancen zu ermöglichen, um möglichst vielen Menschen eine soziale Teilhabe zu ermöglichen. Das macht mich hoffnungsvoll, dass es von allen politischen Farben und Ausrichtungen dort eine Offenheit und ein Verständnis gibt: Wir müssen uns verändern. Wir müssen unsere Sozialsysteme modernisieren. Sie müssen weniger sanktionierend werden. Wir müssen mehr befähigend werden. Und da besteht ein großer Konsens.