Scheibenwischer von Bosch
Download (mp3, 25 MB)

Folge #25 vom 09.09.2020 - Ist den Automobilzulieferern noch zu helfen?

Der Automobilgipfel ging mit einem Bekenntnis für Hilfen für die Zulieferer zu Ende. In dieser Podcast-Folge sprechen DIW-Chef Marcel Fratzscher und Eric Graydon über die besonderen Herausforderungen, denen die Zulieferer durch die Pandemie und den gleichzeitigen Strukturwandel ausgeliefert sind. Außerdem: Woher genau kommt eigentlich Inflation?

Eric Graydon:
Es soll heute um zwei große Themenkomplexe gehen. Einmal: Wie hilft man der Autoindustrie jetzt, ohne dann gleichzeitig ihre Zukunft zu gefährden? Und dann wollen wir uns an eines der dicksten Bretter von allen heranwagen: Die Notenbankpolitik. Das Ganze könnte man auch als die "Machtlosigkeit der Mächtigsten" zusammenfassen. Da hat sich in den letzten Wochen einiges getan, was durchaus erstaunlich und auch für uns relevant ist.

Lassen Sie uns bei der Autoindustrie anfangen: Gestern Abend (08.09.) haben sich VertreterInnen von Politik, Autoindustrie und Gewerkschaften per Videokonferenz mit der Bundeskanzlerin für zwei Stunden zu einem "Mini-Autogipfel" zusammentelefoniert. Es ging natürlich darum, wie die Branche in Zeiten von Corona gestützt werden kann, allerdings wohl ohne eine - aus einigen Lagern mal wieder geforderte – Abwrackprämie für Verbrenner. Stattdessen soll geprüft werden, "ob und gegebenenfalls wie ein marktwirtschaftliches Konzept zur Stärkung des Eigenkapitals, insbesondere von Zulieferunternehmen, entwickelt werden könnte." Ich würde das übersetzen mit: Die brauchen mehr Geld und wir wollen mal schauen, wie sie es bekommen können, ohne dass der Staat einspringen muss. Wie würden Sie diesen Entschluss interpretieren?

Marcel Fratzscher:
Ich denke, diese Erklärung zeigt sehr deutlich, dass die Politik, die Bundesregierung aber auch die Länder verstanden haben, dass die Automobilbranche wichtig ist für Deutschland und dass man ihr helfen will, aber dass man sich letztlich nicht einig ist und dass es einen großen Streit gibt darüber, wie man jetzt am besten helfen kann. Man weiß jetzt auch, dass nicht nur die Automobilhersteller (z.B. VW, Audi, Mercedes, BMW uvm.) Probleme haben, sondern auch die Zulieferer, denn ein Elektroauto mit Elektromotor benötigt völlig andere Komponenten als ein Verbrennungsmotor.

Die Experten sagen: Ein Elektromotor hat fünfmal weniger Teile als ein Verbrennungsmotor. Das heißt, ein Zuliefererunternehmen, das Zündkerzen oder Getriebe herstellt, kann die Produkte in Zukunft nicht mehr verkaufen. Hier geht es nicht um einen kleinen Wandel, wo man ein bisschen was anders machen muss, sondern es geht um einen kompletten Wandel. Diese Unternehmen müssen komplett etwas Neues machen, um überhaupt in der Branche bleiben zu können und das ist das existenzielle Problem für viele Zulieferer. Es wird in Zukunft nicht mehr so viel Platz und Bedarf für so viele Teile und Zulieferer geben wie bisher. Das heißt: Gezwungenermaßen werden einige vom Markt verschwinden und andere müssen sich umstellen. Und darum geht es: Diese Umstellung. Kann man den Unternehmen Zeit kaufen, das zu bewerkstelligen? Und da ist jetzt die große Frage: Wie kriegt man das hin?

Eric Graydon:
Das Abschlusskommuniqué dieses Treffens von gestern Abend enthält diesen Spruch, man wolle sich ein marktwirtschaftliches Konzept zur Stärkung des Eigenkapitals von Zulieferunternehmen überlegen. Was könnte sowas sein? Heißt das, dass die Autohersteller dazu gedrängt werden, ihre Zulieferer finanziell zu versorgen? Heißt das, dass diese Zulieferer an die Börse gebracht werden sollen? Wie muss man sich das vorstellen? Es ist, gelinde gesagt, eine nebulöse Formulierung – das kann alles und nichts heißen. Um was für Konzepte, denken Sie, geht es da?

Marcel Fratzscher:
Erst einmal bedeutet so ein Strukturwandel, dass Unternehmen wahnsinnig große Investitionen tätigen müssen, denn wenn sie etwas anderes herstellen müssen, brauchen sie neue Maschinen, neue Anlagen und neue Produktionstechniken. Sie brauchen Geld für die Forschung und Entwicklung, um das auch umsetzen zu können.

Wie mobilisiert man dieses Geld für diese massiven Investitionen für den Umstieg? Das ist die zentrale Frage. Jetzt kann man sich verschiedene Modelle überlegen. Viele Zulieferer haben sicherlich Rücklagen, weil sie lange sehr gut von der Autoindustrie gelebt haben, aber das wird nicht reichen, um so riesige Investitionen zu tätigen. Dann ist die Frage: Was ist mit den Automobilherstellern selbst? Sie haben viele Jahre lang riesige Gewinne eingefahren. Die müssen auch ein Interesse haben, dass es ihre Zulieferer in der Zukunft noch gibt und dass sie die Komponenten liefern, die sie für die alternativen Antriebe (z.B. Elektromotor, Wasserstoffmotor) erhalten.

Klar, alle in der Branche sagen: Wir hätten gern, dass der Staat uns das Geld gibt, damit wir das machen können. -Das ist der strittige Punkt. Wir sehen das auch in anderen Bereichen in dieser Krise: Denken Sie an Lufthansa, das ist nichts anderes. Die Lufthansa hat gesagt, dass sie von der Pandemie sehr hart getroffen sind und haben den Staat um Geld gebeten, damit sie das überleben kann. Aber es gibt hier einen ganz wichtigen Unterschied zwischen Lufthansa und Automobilbranche: Lufthansa hat ein gutes und erfolgreiches Geschäftsmodell. Es ist etwas komplett anderes bei den Zulieferern, die haben eben kein erfolgreiches Geschäftsmodell. Die müssen sich komplett wandeln.

Hier ist das ein Problem des Strukturwandels, nicht per se der Pandemie. Und jetzt wird es schwierig: Wenn Sie Entscheidungen treffen müssen, was ein Unternehmen jetzt macht, das bisher Kupplungen hergestellt hat und die nicht mehr gebraucht werden bei den neuen Antrieben? Und wer entscheidet das? Und wenn der Staat sich direkt daran beteiligt und sagt: Wir übernehmen das Unternehmen oder beteiligen uns daran, dann sagt man implizit: Der Staat soll jetzt entscheiden, wie das Unternehmen wirtschaften soll und wie es sich aufstellen soll in der Zukunft. Das ist, glaube ich, die Gefahr.

Ich habe viel Verständnis dafür, dass man möchte, dass der Staat unterstützt, aber der Staat ist nun mal nicht der bessere Unternehmer. Das muss man schon den Menschen überlassen, die dort ihr Unternehmen haben und das lange Zeit gemanagt und geführt haben. Und das ist ein grundlegender Streitpunkt: Soll der Staat sich an Unternehmen beteiligen, Ja oder Nein? Der Staat, das sind wir BürgerInnen. Das ist unser Geld als Steuerzahlende. Wir möchten sehr wohl, dass der Staat jetzt nicht Geld verpulvert und wir dann höhere Steuern zahlen müssen. Es gibt da ein legitimes Interesse des Staates, zu gucken, dass das Geld nicht verloren geht, sondern dass es klug investiert ist. Der Staat kann unterstützen, indem er beispielsweise Unterstützung für Forschung und Entwicklung oder eine moderne Lade-Infrastruktur gibt. Das wäre etwas, das der Staat bereitstellen könnte, was wichtiges, öffentliches Gut wäre und womit er den Unternehmen helfen würde, den Umstieg auf Elektromobilität und alternative Antriebe zu schaffen.

Dieser Knackpunkt ist wirklich: Wer zahlt für den Strukturwandel? Nicht wenige der Leute in der Automobilbranche werden den Kohledeal im Hinterkopf haben, wo der deutsche Staat 40 Milliarden Euro für 30.000 Beschäftigte in der Kohlebranche für den Ausstieg bis 2040 zahlt und sagen: Wow, 40 Milliarden Euro für 30.000 Beschäftigte? Bei uns sind das weit über eine Million. Wir möchten dann auch gern Geld haben. Ich glaube, das ist im Augenblick für mich die Problematik, in der wir uns befinden.

Eric Graydon:
Sie skizzieren das sehr schön. Wir haben natürlich ein Problem, wenn eine Industrie, die mehr als die Hälfte der Jobs in der Autoindustrie ausmacht, vor so einem Strukturwandel steht. Ich erinnere mich dann daran, wie es den Leuten ging, die Kutschpferde gezüchtet haben, als das Auto eingeführt wurde. Die stehen jetzt vor der Situation, wo a) weniger Komponenten gebraucht werden und b) ganz andere Komponenten benötigt werden. Das heißt, dass diese Unternehmen, so wie sie jetzt existieren, das überleben werden und sich jetzt einfach alle auf Batterieproduktion umstellen, ist hochgradig unwahrscheinlich. Vielleicht können Sie das kurz skizzieren? Wenn wir davon ausgehen, Zündkerzenbauer brauchen wir in zehn Jahren nicht mehr oder kaum noch. Was ist hier dann los? Gibt es dann rund eine Million Menschen, die mit ihren Qualifikationen nicht mehr gebraucht werden? Wie muss man sich das vorstellen?

Marcel Fratzscher:
Strukturwandel heißt, dass viele Unternehmen in der Automobilbranche und bei den Zulieferern die nächsten fünf oder zehn Jahren nicht überleben werden und dass die Anzahl der Beschäftigten schrumpfen wird. Wenn sie deutlich weniger Teile brauchen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass einige Unternehmen eben nicht mehr Komponenten herstellen, sondern schließen müssen und dass Menschen arbeitslos werden. Die schlechte Nachricht ist: Es wird einen großen Wandel geben. Es wird viele Menschen geben, die neue Arbeit suchen müssen, auch was komplett anderes machen müssen in einer anderen Branche. Die gute Nachricht ist, dass wir in der Automobilbranche überwiegend sehr gut bezahlte Jobs haben, mit sehr gut Beschäftigten, Menschen, die gute Qualifikation haben, z.B. IngenieurInnen, FacharbeiterInnen, die sehr gut ausgebildet sind und die leicht auch in anderen Branchen, z.B. im Maschinenbau gut Jobs finden könnten. Und wir haben vor der Krise lange davon geredet, dass wir einen großen Fachkräftemangel haben in Deutschland. Es fehlen die IngenieurInnen und viele andere in den sogenannten MINT-Fächern (Mathe, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Technik). Und die arbeiten natürlich vor allem in solchen Industriebereichen, bei Zulieferern für Autohersteller und bei den Automobilherstellern selbst. Davon bin ich überzeugt, das wird gelingen. Die Menschen werden wieder in Arbeit kommen. Nur vielleicht erst einmal in nicht so gut bezahlte Arbeit und zweitens ist natürlich so ein Wandel wahnsinnig schwierig und zeitaufwendig. Es ist nicht so, dass die Leute sagen: Ich kündige morgen beim großen Zulieferer für VW. Und dann übermorgen bin ich beim nächsten Unternehmen, die jetzt Maschinen für irgendwas anderes herstellen. Und das ist vor allem schwierig in so einer Krise, in so einer Pandemie. Im Augenblick gibt es kaum Unternehmen, die einstellen und sagen: Wir suchen nach Beschäftigten oder bilden sogar aus. Sondern die Meisten sind im Augenblick eher vorsichtig, entlassen eher Leute als neue einzustellen. Und das heißt, so ein Strukturwandel könnte dann bedeuten: Viele Menschen werden für viele Jahre arbeitslos bleiben und verlieren damit ein Teil ihrer Qualifikation, ihrer Fähigkeiten. Das macht es dann um so schwieriger für diese Menschen, dann wieder irgendwo unterzukommen, ihre Fähigkeiten auch voll nutzen zu können. Und das ist eine der großen Sorgen.

Aber ich will noch eine zweite Sorge ansprechen. Um nochmal auf das Auto der Zukunft zurückzukommen: Das Auto der Zukunft wird nicht nur anders angetrieben, durch einen Elektromotor oder durch Wasserstoff, sondern über die Hälfte des Wertes des Autos werden keine Hardware-Komponenten, keine Teile sein, sondern Softwareinformationen, Daten. Und da ist Deutschland bisher eben nicht führend. Die große Frage des autonom fahrenden Autos. Diese riesigen Datenmengen benötigen eine ganz hervorragende digitale Infrastruktur und da hinken wir hinterher. Die Sorge ist, dass wir auch gar nicht die Leute haben mit den richtigen Qualifikationen, um diesen Job in der Zukunft zu machen, sodass Deutschland auch das Auto der Zukunft baut und auch in Deutschland baut und eben nicht irgendwo anders, weil hier eben die Qualifikationen fehlen.

Das sind für mich die zwei großen Sorgen. Außerdem dauert ein Strukturwandel lange und ist wahnsinnig schmerzvoll. Ich will es, wie gesagt, nicht mit der Kohlebranche vergleichen. Die haben ungefähr 40 Jahre gebraucht, um diesen Strukturwandel zu machen und waren nicht sehr erfolgreich. Und das sollte für uns ein Vorbild sein, dass wir das bei der Autobranche unbedingt anders machen müssen, denn das Auto ist sicherlich etwas, das auch in der Zukunft immer weiter da sein wird. Und der Bedarf und die Nachfrage nach Autos wird steigen: Das ist eine Zukunftsbranche. Sie muss halt nur anders aufgestellt werden.

Eric Graydon:
Sie haben die Auswirkungen skizziert, die es vermutlich haben wird, wenn sich die Zulieferbranche so umstellen muss: gravierende Arbeitsmarktkonsequenzen, Arbeitslosigkeit. Nun sprechen wir in diesem Podcast allgemein viel über die langfristigen ökonomischen Konsequenzen der Corona-Krise allgemein und nicht nur für die Autoindustrie. Und auch da sehen wir natürlich einen Strukturwandel. Wir sehen Unternehmen, die sich umstellen müssen. Wir sehen Menschen, die wahrscheinlich ihre Jobs verlieren werden. Können wir uns zwei Strukturanpassungen dieser Art parallel erlauben? Also kriegt die deutsche Wirtschaft es hin, sich einerseits infolge der Corona-Krise neu zu erfinden und dann auch noch ihre Autoindustrie umzustellen?

Marcel Fratzscher:
Ja, absolut. Ich meine, es ist ja nicht so, als seien wir das einzige Land der Welt, das diese Probleme hätte mit dem Strukturwandel wegen der Corona Pandemie. Ganz Europa befindet sich in dieser Schwierigkeit. Und die meisten Länder haben nicht das Glück, dass sie so eine wettbewerbsfähige, innovative Industrie und Automobilbranche haben, wie wir das in Deutschland haben. Wir haben hervorragend qualifizierte, ausgebildete ArbeitnehmerInnen. Ich glaube, das ist die allergrößte Stärke, dass sie kluge Köpfe haben, Menschen hier haben, die Fähigkeiten haben, die man so in anderen Teilen der Welt eben nicht findet. Das sind die großen Stärken. Und in gewisser Weise ist die Corona-Pandemie auch eine Chance.

Ich will mal andersherum herangehen: Vielleicht hätten wir dann erst in fünf Jahren über die gleichen Themen gesprochen, wenn es die Corona-Pandemie nicht gegeben hätte. Und die Automobilbranche hätte versucht, diesen Strukturwandel noch mal fünf Jahre hinauszuzögern, weil es ist doch gerade so schön und die Profite sprudeln doch gerade so gut. In gewisser Weise beschleunigt die Pandemie den Strukturwandel, der eh notwendig ist. Und wenn man sich jetzt eh neu aufstellen muss, ist eigentlich jetzt der richtige Zeitpunkt, das zu tun. Der Staat nimmt riesige Gelder in die Hand, um Wirtschaft, um Unternehmen und Beschäftigte zu unterstützen. Er sollte einen großen Teil dieses Geldes in die Hand nehmen, um eben diesen Strukturwandel zu unterstützen. Und viele, auch junge Menschen, beklagen sich immer wieder und sagen: All das Geld, was jetzt ausgegeben wurde vom Staat, diese riesigen Summen sind dazu da, alte Strukturen eher zu zementieren. Lasst uns doch jetzt mal das Geld auch nutzen, um den Unternehmen zu helfen, sich zu ändern, sich anzupassen, zukunftsfähiger zu werden in Bezug auf Klimaschutz, in Bezug auf Digitalisierung, bei der Autobranche auf neue Antriebe natürlich. Ich sehe die beiden nicht als zwei Probleme auf einmal, sondern ein Problem, das auch eine Chance ist, um das andere Problem zu lösen.

Eric Graydon:
Dann lassen Sie uns mal eben umsatteln: Der Chef der US-Notenbank hat vor kurzem etwas Bemerkenswertes gesagt. Jerome Powell sagte, die Federal Reserve werde in Zukunft die Preisstabilität, also diese Marke von zwei Prozent Inflation, die als Goldstandard gilt, flexibler interpretieren als bisher. Wenn man jetzt nichts mit Notenbanken und Fragen rund um Preisstabilität am Hut hat, dann mag man sich fragen: Na und? In der Fachpresse sorgte das Statement allerdings für einige Aufregung. Für wie relevant halten Sie diese Veränderung?

Marcel Fratzscher:
Die Veränderung ist schon wichtig. Denn eigentlich alle Notenbanken, alle Volkswirtschaften in der Welt haben im Augenblick mit fallenden Preisen zu kämpfen. Fallende Preise entstehen dann, wenn das Angebot an Gütern (z.B. Autos) größer ist als die Nachfrage. Ganz viele Autos stehen auf Halde und die KonsumentInnen sagen: Nein, das möchte ich nicht, weil das kann ich mir gerade nicht leisten. Dann bleibt den Unternehmen nichts anderes, als die Preise so lange zu senken, bis die Menschen das kaufen. Und natürlich ist in einer solchen Krise genau das das Problem, dass die Menschen eben weniger ausgeben und mehr sparen - übrigens auch in Deutschland. Wir haben beim Höhepunkt über 7 Millionen Menschen in Kurzarbeit gehabt, 600 000-700 000 mehr Arbeitslose. Aber die Bürgerinnen und Bürger haben zusammengenommen in den letzten sechs Monaten ihre Sparquote verdoppelt. Sie haben viel mehr Geld auf die hohe Kante gelegt als je zuvor, weil sie Angst gegenüber der Zukunft haben: Wer weiß, ob ich nächstes Jahr noch einen Job habe. Wer weiß, wie das mit meinem Lohn weitergeht und ob ich überhaupt noch Vollzeit arbeiten kann oder vielleicht eher Zeit für die Familie brauche, weil Kitas und Schulen geschlossen sind und so weiter.

Und das führt zu diesem Problem für Zentralbanken. Sie haben die amerikanische Notenbank angesprochen: Bei der Europäischen Zentralbank ist es sehr ähnlich. Die haben eigentlich als zentrale Aufgabe, die Preise stabil zu halten, sicherzustellen, dass die Preise weder zu stark steigen´, also dass es eine Inflation, eine Entwertung gibt, noch, dass die Preise fallen, also dass es eine Deflation gibt. Für uns als KonsumentInnen ist es natürlich gut, wenn ich Dinge günstiger einkaufen kann, aber für Unternehmen ist es ein riesiges Problem, wenn sie immer weniger Geld für die Dinge bekommen, die sie herstellen, weil sie haben laufende Kosten, Beschäftigte, Löhne und so weiter und fahren dann Verluste ein und gehen im schlimmsten Falle bankrott. Und das ist das Problem oder das Dilemma, in dem sich die Notenbanken im Augenblick befinden: Eine tiefe Krise, die Zinsen sind schon bei Null und trotzdem ist die Kreditnachfrage extrem schwach. Und da versuchen die Notenbanken natürlich alles, damit die Wirtschaft wieder in Schwung kommen kann, sodass sie ihr Mandat erfüllen kann. Und das verfehlt die EZB seit recht vielen Jahren. Und das erklärt, weshalb sie so viel versucht, um die Wirtschaft zu unterstützen. Und letztlich realisieren wir, dass eine Zentralbank, eine Notenbank nicht allein eine Wirtschaft ins Laufen bringen kann. Das sieht man sehr klar in dieser Pandemie. Eigentlich ist jetzt viel mehr der Staat gefragt, dass er den Menschen hilft, dass sie Geld in der Tasche haben und dass die Jobs einigermaßen sicher sein können: Stichwort Kurzarbeitergeld. Und jetzt ist eigentlich noch mehr die Zeit, dass der Staat die Aufgabe übernehmen muss und sich eben nicht so stark auf die Zentralbank, die Notenbanken verlässt wie in der Vergangenheit. Und das ist letztlich die beste Chance auch für Notenbanken, dass sie dann ihre Aufgabe der Preisstabilität wieder erfüllen können.

Eric Graydon:
Im Zusammenhang mit dieser Neuausrichtung bei der US-Notenbank ist auch etwas anderes wieder stark thematisiert worden, nämlich schlicht die Frage: Was ist Inflation überhaupt? Beziehungsweise wo kommt sie her? Sie hatten es gesagt: Traditionell würde man davon ausgehen, dass die Notenbank Inflation über Leitzinsen steuern kann. Das scheint aber aktuell nicht mehr so richtig gut zu funktionieren. Daher die Frage: Wissen wir überhaupt, woher Inflation kommt?

Marcel Fratzscher:
Ja, wir wissen schon eine Menge darüber, wo Inflation herkommt. Es gibt aber zwei Probleme: Einmal, dass Inflation auch sehr stark von Erwartungen abhängt und dass Inflation immer stärker global wird. Aber erst einmal zudem, was wir wissen: Inflation entsteht dann, wenn die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen größer ist als das, was die Unternehmen herstellen können. Dann gibt es einen Wettbewerb darum, wer das Auto kaufen kann. Wer kann die Flugreise kaufen? Wer kann die Übernachtung im Hotel bezahlen? Dann gehen die Preise nach oben und das ist dann in wirtschaftlichen Boomzeiten. Das haben wir auch in den 70er/ 80er/ 90er Jahren erlebt. Das ist der Teil, den wir relativ gut verstehen und wo auch sowohl die Regierung, aber auch die Zentralbanken eine Menge tun können.

Da wo es schwierig wird, ist einerseits, dass es von Erwartungen abhängt. Als Beispiel: Ein ganz wichtiger Teil, was Inflation treibt, ist die Lohnentwicklung. Wenn jetzt alle Arbeitgeber jedes Jahr, die Löhne um fünf Prozent erhöhen und wir alle fünf Prozent mehr Einkommen in der Tasche haben, dann sagen die Menschen: Das ist doch günstig, ich habe jetzt so viel mehr Geld, ich gehe jetzt auch mehr einkaufen und gehe mir mehr Dinge kaufen. Und dann entsteht so eine Situation, die ich eben beschrieben habe: Dann wächst die Nachfrage, eventuell auch schneller als das Angebot und dann steigen die Preise. Wenn aber die Gewerkschaften denken: Oh, die Inflation in der Zukunft wird bei Null bleiben. Das heißt, selbst wenn ich jetzt zwei Prozent Lohnsteigerung aushandele, ist das schon ganz gut, weil damit die Beschäftigten auch mehr Geld haben. Dann macht das natürlich einen Riesenunterschied, ob jetzt Gewerkschaften zwei Prozent oder fünf Prozent aushandeln. Und das ist so der Albtraum für jede Notenbank, wenn die Erwartungen nicht mehr verankert sind. Wenn die Menschen nicht mehr glauben, dass die Zentralbank diese Preise stabil halten kann, sondern dass die Preise fallen werden, dann verändern sie heute ihr Verhalten zum Beispiel bei den Lohnverhandlungen. Und dann entstehen, was wir selbsterfüllende Erwartungen nennen. Wenn sie nicht daran glauben, dass die Preise steigen oder stabil bleiben, dann ist es auch schwieriger für die Notenbanken, das zu erreichen.

Der zweite Punkt, weshalb es so schwierig ist, Inflation für eine Notenbank zu beeinflussen, ist, dass in einer Zeit der Globalisierung, Notenbanken immer weniger Kontrolle über die einheimische Inflation haben. Schauen Sie sich Deutschland an: Deutschland exportiert fast die Hälfte von dem, was in Deutschland produziert wird. Wir importieren wahnsinnig viel, weil es zum Teil als Vorleistung für die Exporte benötigt wird, für andere Dinge, für unseren Konsum und auf diese Preise, die importiert werden und die zum Teil auch exportiert werden, hat man kaum Einfluss. Das heißt, was in China oder in den USA passiert, hat immer größeren Einfluss auf die Inflation in der Euro-Zone und in Deutschland, weil wir immer stärker mit diesen Volkswirtschaften verflochten sind. Und das bedeutet in gewisser Weise, dass Zentralbanken etwas an Kontrolle über diese Steuerung der Preise und der Preisstabilität verlieren. Und das macht es so komplex und auch so wichtig, dass man dann eben stärker global koordiniert.

Eric Graydon:
Dann eine letzte Frage: Macht es dann überhaupt noch Sinn, sich als Zentralbank mit der Inflation auseinanderzusetzen? Macht es da nicht eher Sinn, zu sagen: Gut, wir versuchen jetzt alles daran zu setzen, dass wir Vollbeschäftigung erreichen oder dass man sich irgendeinen anderen Punkt nimmt, wo man eher noch etwas ausrichten kann, als bei dieser Inflation, die, wie Sie sagen, dann zunehmend der Kontrolle der Notenbanken entgleitet?

Marcel Fratzscher:
Preisstabilität ist sehr wichtig. Das weiß jeder von uns. Ich will mich darauf verlassen können, dass ein Euro, den ich heute in der Tasche habe, auch nächstes Jahr oder in fünf Jahren ungefähr nach so viel wert ist. Ansonsten ist sparen, Geld zurücklegen, nicht sehr attraktiv. Deshalb hat man vor langer Zeit entschieden, das ist eigentlich, was Zentralbanken tun sollten. Der zweite Punkt ist: Was können denn Zentralbanken realistisch erreichen? Und wir haben eben darüber gesprochen, dass es immer schwieriger wird, diese Preise stabil zu halten, Preise zu steuern, aber es ist noch viel schwieriger für eine Zentralbank, Arbeitsplätze zu sichern oder eine Arbeitslosenquote anzuvisieren. Und es ist noch viel schwieriger zu sagen: Wir wollen jetzt Wohlstand oder Verteilung oder andere Dinge erzielen. Eine Zentralbank ist eine technokratische und unabhängige Behörde. Das ist das Problem, wenn Sie einer unabhängigen Behörde eine Aufgabe geben, die sie nicht erfüllen kann. Dann verliert diese Behörde, diese Zentralbank, irgendwann die Glaubwürdigkeit und damit auch die Währung. Deshalb muss man aufpassen, dass man einer Notenbank, einer Zentralbank eben keine Aufgaben gibt, die sie nicht erfüllen kann. Und deshalb glaube ich schon, dass dieser Fokus auf Preisstabilität immer noch Sinn ergibt, weil es ein Ziel ist, das eine Zentralbank am ehesten erreichen kann und das einen sehr hohen Wert hat und sehr wichtig ist, nicht nur für uns als Bevölkerung, sondern auch für die Unternehmen. Das, was die amerikanische Notenbank jetzt gemacht und gesagt hat, ist: Vielleicht können wir dieses Ziel der Preisstabilität ein bisschen flexibler definieren, sodass wir ein bisschen mehr Spielraum haben, dass wir das auch langfristig wirklich erreichen können und lassen Sie uns mal nicht zu ambitioniert sein. Das gleiche Problem haben wir in der Euro-Zone. Ich habe es eben angesprochen: Die EZB erfüllt ihr Mandat der Preisstabilität jetzt schon einige Jahre nicht. Die Preisentwicklung ist viel zu schwach. Deshalb vermute ich, dass die EZB auch Ende des Jahres ihre Definition für das Ziel der Preisstabilität anpassen wird, um mehr Spielraum, mehr Flexibilität zu haben, um langfristig erfolgreich sein zu können.