US-Dollar-Schein mit Brandlöchern
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Folge #21 vom 05.08.2020 - Die Unfähigkeit der US-Regierung gefährdet die Vorreiterrolle des US-Dollar

Aus Prognose wird Gewissheit: Das zweite Quartal hat gezeigt, wie hart die wirtschaftlichen Konsequenzen der Corona-Pandemie wirklich sind. Gleichzeitig schwächt die chaotische Reaktion der US Regierung auf Pandemie und Wirtschaftskrise auch den US Dollar immer mehr – und warum Gold nicht immer sicher ist.

Eric Graydon:
Wir wollen uns heute wieder zwei große Themenblöcke vornehmen. Einmal die traurige Gewissheit, die wir nun in Sachen "Auswirkungen der Corona-Krise auf das zweite Quartal 2020“ haben und dann die erstaunlichen Wertzuwächse, die wir in den letzten Wochen beim Euro und dann auch etwa beim Gold gesehen haben und was uns das über die relative Kompetenz der US-amerikanischen und der europäischen Reaktion auf die Pandemie verrät.

Letzte Woche um diese Zeit war es noch eine Prognose, mittlerweile haben wir Gewissheit: Das zweite Quartal 2020 dürfte das ökonomisch brutalste sein, was der Globus je erlebt hat. Die Wirtschaftsleistung Deutschlands ist um 10,1 Prozent gefallen, die der Euro-Zone um 12,1 Prozent. Die USA haben 9,5 Prozent verloren, wobei dann auch noch die nicht sonderlich hilfreiche Zahl von minus 32,9 Prozent die Runde machte - dazu aber gleich noch mal mehr. In jedem Fall stehen da Werte auf dem Bildschirm, die an Grässlichkeit kaum zu überbieten sind. Herr Fratzscher, fangen wir vielleicht einfach mal damit an. Sie hatten in unserer letzten Folge eine Schrumpfung der deutschen Wirtschaft im zweiten Quartal von 10-15 Prozent vorhergesagt. Wir sehen jetzt im Endeffekt wurden ist "nur" 10,1 Prozent. Sind Sie erleichtert?

Marcel Fratzscher:
Ein bisschen erleichtert bin ich schon, dass die wirtschaftlichen Zahlen nicht so schlimm sind, wie befürchtet. Aber so ganz richtig erleichtert oder froh kann man mit Sicherheit nicht sein, denn das haben wir auch letzte Woche besprochen: 10,1 Prozent in einem einzigen Quartal, das ist so stark außerhalb von Kriegszeiten wie seit 1933 nicht mehr und das ist schon etwas, das ganz selten passiert, ein massiver Einbruch. Ja, ich bin ein bisschen erleichtert, weil es hätte noch schlimmer kommen können. Gleichzeitig darf man jetzt auch nicht sagen: Wir atmen auf, alles wird wieder gut, denn uns könnten noch schwierigere Zeiten bevorstehen. Aber jetzt erst einmal, glaube ich, kann man mal durchatmen. Im dritten Quartal, Juli, August und September, rechnen wir im Augenblick noch mit einem Wachstum in Deutschland um drei Prozent. Das ist sehr ordentlich, auch für ein einzelnes Quartal. Man hat das Gefühl: Wenn das jetzt jedes Quartal drei Prozent weiter geht, dann sind wir doch Anfang nächsten Jahres wieder bei dem Niveau, wo wir vor der Krise waren. So kann man es nicht rechnen. Das wäre zu schön, um wahr zu sein.

Aber erst einmal sind es gute Nachrichten, dass die Wirtschaft nicht noch stärker eingebrochen ist, allerdings muss man dann auch genau hinschauen, denn der wichtigste Grund, weshalb die deutsche Wirtschaft nicht eingebrochen ist, ist der deutsche Staat. Wenn wir so eine Wirtschaftsleistung berechnen, gucken wir uns in der Regel vier unterschiedliche Komponenten an, um das so simpel wie möglich zu machen. Wir gucken uns einmal an: Was ist mit dem privaten Konsum passiert? Der ist in Deutschland "nur" knapp zehn Prozent geschrumpft. Also das ist, was wir als KonsumentInnen ausgeben, was wir einkaufen. Klar, viele Dinge verändern sich wenig, ich muss immer noch Nahrungsmittel kaufen, aber beispielsweise große Anschaffungen haben viele gar nicht machen können.

Am aller dramatischsten ist es bei den Exporten. Das ist das zweite Element. Da sehen wir, dass die um 20 Prozent eingebrochen sind. Ein Fünftel weniger Exporte im zweiten Quartal im Vergleich zum ersten Quartal. Die Unternehmen haben von den Investitionen her ungefähr 15 Prozent weniger investiert. Wie kommt man dann auf die zehn Prozent, wenn wir 20 Prozent Exporteinbruch haben, 15 Prozent bei Investitionen und privater Konsum mit zehn Prozent? Die Antwort ist: Der Staat. Der Staat hat natürlich massiv seine Ausgaben ausgeweitet und auch durch Steuersenkungen oder durch Transfers gestützt. Und das erklärt, weshalb es nicht noch schlimmer geworden ist. Also dadurch, glaube ich, gibt es so ein bisschen ein abgewogenes Bild. Ja, es ist dramatisch, aber es ist nicht ganz so dramatisch, wie befürchtet. Aber es ist letztlich der Staat, der hier aus allen Rohren gefeuert hat, um so gut es geht, noch Schlimmeres zu verhindern. Und das muss man deshalb einschätzen. Der Staat kann natürlich so was noch mal machen: Noch mal die Ausgaben erhöhen und Steuern senken in der Zukunft. Aber trotzdem wird er das nicht jedes Quartal machen können. Das gehört zur Ehrlichkeit auch dazu. Der Weg aus diesem Loch - 20 Prozent weniger Exporte - ist natürlich ein langer Weg.

Eric Graydon:
Dann passt es ganz gut, dass man sich jetzt noch mal die Nachbarn anguckt, zu denen wir versuchen, zu exportieren. Unsere Nachbarn haben teilweise noch deutlich schlimmere Verluste als Deutschland hinnehmen müssen - Italien, Spanien, Frankreich. Besonders schlimm sieht es allerdings in Spanien aus. Dort ist die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um 18,5 Prozent gefallen - also fast ein Fünftel. Das Land hatte natürlich besonders - genau wie Italiener auch - unter den Auswirkungen der Corona-Krise zu leiden. Jetzt blickt der für Spanien so wichtige Tourismus in eine, gelinde gesagt, ungewisse Zukunft. Wie viele Sorgen müssen wir uns auch aus der gesamteuropäischen Perspektive um Spanien machen?

Marcel Fratzscher:
Wir müssen uns viele Sorgen um Spanien machen, weil Spanien auch vor der Krise nicht unbedingt sehr robust dastand - bei weitem nicht so robust wie Deutschland. Spanien hat immer noch unter der globalen Finanzkrise von 2008 und 2009 gelitten, die gerade Spanien, aber auch Italien hart getroffen hatte. Die (Jugend-)Arbeitslosigkeit war immer noch sehr hoch vor der Krise. Viele Unternehmen waren noch nicht wirklich wieder gesund. Zudem hat Spanien auch damals große Probleme bei den eigenen Banken gehabt. Spanien musste sehr viel Geld in die Hand nehmen, um die wieder zu rekapitalisieren - ähnlich wie Deutschland, übrigens. Und die Sorge ist jetzt, dass durch so einen starken wirtschaftlichen Einbruch auch die Banken in Spanien in Mitleidenschaft geraten und dass so eine Abwärtsspirale in Gang kommt: Unternehmen produzieren weniger, viele Unternehmen gehen dadurch pleite, die Banken kommen in Mitleidenschaft und vergeben weniger Kredite an die Privatwirtschaft, also an uns Konsumentinnen und Konsumenten oder an andere Unternehmen. Damit bricht die Wirtschaftsleistung noch stärker ein. Und der Staat in Spanien versucht da auch viel zu tun, aber er ist nicht so handlungsfähig, wie das hier in Deutschland der Fall ist. Die Schulden sind dort hoch, weit über 100 Prozent der Wirtschaftsleistung. Und das ist so ein bisschen das Horrorszenario, dass ein so starker Einbruch dann eine Abwärtsspirale in Gang setzt und deshalb ist es so wichtig, dass die spanische Regierung - auch mithilfe der Europäer - sich dagegen lehnt.

Eric Graydon:
Dann lassen Sie uns mal auf die USA schauen, vielleicht erstmal zwecks Einordnung: Man las, nachdem die Wachstumszahlen in den USA veröffentlicht wurden, diese Zahl von 32,9 Prozent, um die die US-Wirtschaft annualisiert geschrumpft sei. Wenn man jetzt mit diesem Begriff nichts anfangen kann, klingt es natürlich erstmal so wie: Moment mal - ist jetzt gerade ein Drittel der US-Wirtschaft verpufft? Wie kommt diese Zahl zustande?

Marcel Fratzscher:
Ja, wir Ökonomen denken immer gerne in Jahreszahlen: Wir rechnen immer gerne Dinge auf ein gesamtes Jahr hoch. In den USA ist die Wirtschaftsleistung um 9,5 Prozent im zweiten Quartal eingebrochen, also knapp so stark wie in Deutschland. Und wenn man jetzt das annualisiert, auf ein Jahr hochrechnet, dann sagt man: Was würde passieren, wenn die USA jedes Quartal 9,5 Prozent weniger Wirtschaftsleistung hätten? Dann würde man auf diese ominösen 32 Prozent kommen. Und es ist natürlich Humbug, weil ich hoffe zumindest, dass die amerikanische Wirtschaft nicht jedes Quartal um 9,5 Prozent schrumpft. Im dritten Quartal könnte es in den USA auch nicht gut aussehen, das muss man auch ehrlich dazu sagen, aber diese Zahlen, um die 32 Prozent, sollte man nicht ernst nehmen, weil sie letztlich so eine hypothetische Rechnung sind. Das, was zählt, sind die 9,5 Prozent. Das ist schlimm genug.

Ein Vergleich zu Deutschland, viele nehmen das jetzt als Anlass, zu sagen: Schaut mal her, die Amerikaner sind doch besser durch die Krise gekommen als wir Deutschen, die sind nur 9,5 Prozent geschrumpft, wir Deutschen hier über zehn Prozent! Und das zeigt ein bisschen, dass man diese Zahlen mit sehr viel Vorsicht genießen muss. Denn die Frage ist immer: Was wäre gewesen, wenn…? Was ist eine gute Performance? Was ist vergleichsweise gut zu anderen Ländern? Und ich habe es eben gesagt, in Deutschland ist die Wirtschaftsleistung 10,1 Prozent eingebrochen. Aber der wichtigste Grund für Deutschland ist, dass wir eine extrem offene Volkswirtschaft haben. Die Exporte, die ungefähr die Hälfte der Wirtschaftsleistung in Deutschland ausmachen, sind um 20 Prozent, also um das Doppelte, eingebrochen. Und die USA ist ganz geschlossen und hat recht wenig Exporte - nur knapp 15 Prozent, also knapp ein Siebtel der eigenen Wirtschaftsleistung. Und eigentlich hätten die nach all unseren Prognosen vom April/Mai deutlich besser abschneiden müssen, als sie das jetzt getan haben. Und der Grund ist das Chaos in den USA, das wir sehen: Dass es dort keine Regeln gibt. Jeder macht, was er will, jetzt mal sehr flapsig gesprochen. Es gibt nicht wirklich eine Strategie, wie man mit der Pandemie umgeht. Und wie ich eben sagte, in Deutschland hätten wir eigentlich viel stärker getroffen sein müssen, dass wir das nicht waren, hängt am sehr entschiedenen Eingreifen des deutschen Staates mit zwei riesigen Konjunkturprogramm. Die USA hat sehr viel schlechter abgeschnitten, als wir das vorher erwartet hatten, weil der Staat letztlich nicht sehr klug gehandelt hat und weil es eben immer noch nicht wirklich eine kohärente Strategie gibt. Die Menschen haben Angst, die Unternehmen sind extrem verunsichert - noch verunsicherter, als hier. Und das führt dazu, dass eigentlich eine Volkswirtschaft wie die USA, die relativ geschlossen ist, eigentlich in dieser Krise bisher deutlich besser hätte abschneiden sollen.

"Was in den USA passiert, ist dramatisch"

Eric Graydon:
Wenn wir uns diese 9,5 Prozent in den USA anschauen - was sagt Ihnen das über die Fähigkeit der USA, sich aus dieser Krise zu befreien? Für die Deutschen waren diese Konjunkturpakete von entscheidender Bedeutung. Wir sehen jetzt in den USA: Eine Einigung auf ein weiteres Konjunkturpaket ist immer noch nicht zustande gekommen. Die für viele Amerikaner sehr wichtige Ausweitung der Arbeitslosenhilfe ist letzte Woche ausgelaufen – ein Ersatz, wie gesagt, ist bisher noch nicht absehbar. Was glauben Sie, sind die Chancen, dass dieses Land zeitnah oder wenigstens im gleichen Tempo wie etwa Europa sich aus der Krise befreien kann?

Marcel Fratzscher:
Das, was in den USA passiert ist, ist dramatisch und dramatisch in dem Sinne, weil einfach sehr viele politische Fehler begangen wurden. Und für mich ist das Beispiel USA eines, wie man eigentlich mit einer starken Volkswirtschaft politisch so viel falsch macht, dass man seinen eigenen Land viel Schaden zufügt, indem man eben nicht frühzeitig Schließungen vornimmt, indem man eben nicht frühzeitig eine Maskenpflicht für alle verordnet und auch guckt, dass die eingehalten wird, dass man eben nicht eine klare Strategie hat, wie man die Zahlen so schnell wie möglich runterbringt. Und das führt zu Panik. Das führt zu fehlendem Vertrauen. Für mich ist das Beispiel der USA eines, wie man eben mit einer solchen Krise nicht umgeht. Und wenn wir jetzt in Deutschland über eine zweite Welle nachdenken, da wird hier im Augenblick heftig diskutiert: Können wir uns denn Schließungen von Geschäften und Unternehmen überhaupt wieder leisten? Ist das nicht komplett falsch? Dann verweise ich gerne auf die USA und sage: Schaut her, was passiert, wenn man nicht frühzeitig versucht, dieses Virus zu stoppen. Dann verfällt ein Land - auch wie die USA - und auch eine Volkswirtschaft in ein tiefes Loch und das wollen wir unbedingt vermeiden.

Eric Graydon:
Dass Sie mit dieser Perspektive nicht ganz alleine sind, sieht man unter anderem sehr eindrucksvoll an den Werten für die Währungen. Wenn man jetzt Euro und US-Dollar miteinander vergleicht: Der Dollar verliert zunehmend an Wert, während der Euro immer mehr zulegt. Woher kommt das?

Marcel Fratzscher:
Die Währungen spiegeln Erwartung über die Zukunft wider. Der Wert des Euros oder auch der Wert des US-Dollars spiegelt wider, was die Menschen erwarten, wie es der Wirtschaft im eigenen Land in der Zukunft gehen wird, das ist ein wichtiger Grund. Ich komme gleich noch auf einen zweiten Grund zu sprechen, der jetzt spezifisch für die USA und für den US-Dollar ist. Das heißt, Menschen haben eben nicht mehr so viel Vertrauen, dass die amerikanische Wirtschaft sich im Vergleich zu der europäischen so gut entwickeln wird, wie es eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Ich habe es eben angesprochen: Volkswirtschaften, die offen sind, sehr viel exportieren, sollten eigentlich stärker getroffen seien. Hier sollten die Währung eigentlich eher abwerten. Also eigentlich hätte man gedacht, das Umgekehrte passiert, der US-Dollar wertet auch gegenüber dem Euro auf - hat es aber nicht getan.

Der Wert der Währung ist letztlich ein bisschen ein Vertrauensmerkmal. Er sagt etwas über das Vertrauen der der Menschen, auch der Investoren, der Wirtschaft über die Wirtschaftspolitik und den Ausblick der Wirtschaft eines Landes aus. Und es zeigt, dass man eben für die USA skeptischer ist, als für Europa. Wir haben eben auch über Spanien gesprochen: Klar für die Euro-Zone, für die 19 Länder, die den Euro haben, ist Deutschland natürlich bei weitem die größte Volkswirtschaft und macht ungefähr ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung aus. Und Deutschland ist, wie gesagt, bisher relativ gut durch die Krise gekommen. Und viele Menschen haben einfach sehr viel Vertrauen und sagen: Die Politik in Deutschland managet das sehr gut. Die Politik hat das besser gemacht, als die meisten anderen und das sieht man dementsprechend auch im Wert des Euros, aber natürlich auch in den Zinsen, die der Staat auf seine Schulden zahlt. Und die sind in Deutschland immer noch negativ. Der deutsche Staat kriegt genau gesagt 0,5 Prozent, wenn er eine Verschuldung für zehn Jahre aufnimmt. Also der Bundesfinanzminister sagt: Ich brauche 100 Millionen Euro für zehn Jahre. Er kriegt das Geld von den Investoren, die glücklich sind, das dem sicheren deutschen Staat zu geben und müssen dem deutschen Finanzminister dann noch jedes Jahr 500.000 Euro an Zinsen zahlen. Also letztlich sind diese niedrigen Zinsen auf die Staatsanleihen das Spiegelbild einer relativ starken Währung im Augenblick oder eines steigenden Werts des Euros. Es ist ein großer Vertrauensbeweis.

Eric Graydon:
Aber gleichzeitig sehen wir natürlich, wenn man sich die Kommentare dazu durchliest: Da ist dann auch die Rede von dem beschlossenen 750-Milliarden-Euro-Paket der EU-Staats- und Regierungschefs. Dieses Paket ist noch lange nicht verabschiedet. Das muss noch durch die Parlamente. Da ist noch einiges zu tun. Und wie lange das dauert, ist auch noch ein bisschen unklar. Sind das nicht relativ gefährliche Vorschusslorbeeren? Wenn Investoren den Euro steigen lassen, weil sie glauben, dass die EU in der Lage ist, so konsequent zu reagieren, wie es nun dieses 750-Milliarden-Euro-Paket vermuten lässt? Ist da nicht damit zu rechnen, dass, falls das schief geht, es dann wieder zu einer dramatischen Abwertung des Euro kommen könnte?

Marcel Fratzscher:
Ja, natürlich ist der steigende Wert des Euros und auch die niedrigen Zinsen auf die Staatsanleihen ein Vertrauensbeweis für eine gute Reaktion, aber auch für die starke Solidarität in Europa. Ich glaube, das Paket von vor zwei Wochen, dass die Staats- und Regierungschefs hier gesagt haben: Wir wollen den schwächsten und am härtesten getroffenen Ländern hier helfen und werden das auch tun und auch mit signifikanten Summen an Geld. Das schafft Vertrauen. Wenn dieses Vertrauen enttäuscht wird, dann geht der Euro auch wieder runter. Wir hatten mal eine Zeit lang vor der globalen Finanzkrise einen Wert des Euros, der Stand bei 1,60 Dollar für einen einzelnen Euro. Also da war der Euro sehr, sehr stark. Sie haben sehr viele Dollar dafür bekommen. Dann ist er in dem Chaos der europäischen Finanzkrise 2010, 2011 sehr, sehr stark gefallen. Er war fast bis auf Parität wieder gefallen - also dass Sie für einen Euro fast nur noch einen Dollar bekommen haben. Jetzt stand der Euro ungefähr bei 1,10 bis 1,15 US-Dollar. Mittlerweile kriegen Sie mehr als 1,20 Dollar. Das zeigt: Der Euro hat an Wert gewonnen. Aber es ist jetzt nicht so, dass der Euro wahnsinnig stark ist, wenn man das historisch vergleicht mit den letzten 15, 20 Jahren, sondern er ist eher in einem Wert, wo wir Ökonomen sagen: Das ist ein fairer Wert. Also was Sie für einen Euro in Deutschland kaufen können, entspricht ungefähr dem, was Sie im Augenblick für 1,20 Dollar in den USA dafür kaufen können. Also die Kaufkraft ist ungefähr gleich, das ist also ein fairer Wert. Deshalb sehe ich das ein bisschen entspannter. Ja, der Anstieg des Euros ist ein Vertrauensbeweis, dass Europa doch einiges richtig macht, aber gleichzeitig ist es jetzt auch nicht so, dass der Euro überbewertet ist, sehr stark ist. Das ist wichtig, denn eine starke Währung heißt auch immer, dass es schwieriger ist für Exporteure, ihre Exportgüter im Ausland zu verkaufen. Weil die dann in der einheimischen Währung teurer werden, wenn der Euro steigt. Und das ist gerade für Deutschland wichtig. Für die deutschen Exporteure ist jetzt nicht unbedingt Panik angesagt, sondern ich glaube, wir reden hier noch von einem relativ moderaten Anstieg. Trotzdem: Eine steigende Währung ist gut für die Importeure (für uns Konsument*innen), weil die Importe günstiger werden und das ist meistens nicht so gut für die, die exportieren und Güter im Ausland verkauft.

In Gold investieren? Lieber nicht!

Eric Graydon:
Sie sagen jetzt, man muss das alles nicht ganz so hochhängen. Ab welchem Punkt würden Sie denn sagen, dass sich das zu einer realen Gefahr für die Erholung der deutschen Wirtschaft ausweitet?

Marcel Fratzscher:
Ach, ich denke, wir müssten doch noch einen sehr, sehr deutlichen Anstieg sehen. Also wenn jetzt der Euro auf 1,40-1,60 US-Dollar steigen würde, dann würde es wirklich für viele Exporteure hart werden. Denn wenn Unternehmen miteinander Handel betreiben, ist es nicht so, als würden wir irgendwo ins Geschäft gehen und sagen: Was kostet das denn? Und der Ladenbesitzer könnte, wenn er wollte, täglich die Preise ändern und sagen: Ach, heute ist es teurer geworden. Sondern häufig werden sehr langlaufende Kontrakte gemacht. Das heißt, Sie als Unternehmer sagen: Ich möchte meine Maschinen nach Brasilien verkaufen und ihr habt das jetzt bestellt und ihr kriegt die Maschine in einem Dreivierteljahr und das ist der Preis. Und dann legt man heute den Preis fest. Das heißt, was heute in der Wirtschaft passiert, die Preise, die heute für die Exportgüter bezahlt werden, sind zu einem ganz erheblichen Teil schon vor einem halben Jahr, vor einem Jahr oder manchmal sogar schon vor zwei Jahren festgelegt worden. Also so ganz schnell hat eine steigende Währung jetzt nicht unbedingt Einfluss auf die Unternehmen, auf die Exporteure, aber klar: Wenn das anhält, der Euro weiter steigt, das auch über die Zeit anhält, dann könnte es früher oder später zu empfindlichen Einbußen für die Exporteure kommen, weil wenn die ihre Güter im Ausland verkaufen wollen und der Euro sehr stark ist, dann sind sie weniger wettbewerbsfähig. Dann werden ihre Güter im Ausland teurer. Das heißt, die der Wettbewerber, die nicht in Euro produzieren, würden etwas günstiger. Ich glaube, wir können im Augenblick noch recht entspannt sein, aber sollten schon da immer wieder ein Auge darauf werfen und aufpassen, dass der Euro nicht zu stark steigt.

Eric Graydon:
Der US-Dollar sinkt. Der US-Dollar ist aber natürlich immer noch die globale Leitwährung. Wenn diese Leitwährung an Wert verliert, was für Konsequenzen hat das für ein global aufgestelltes Land wie Deutschland? Also ist das etwas, wo man ein Auge darauf haben muss? Oder reicht es, wenn wir erst mal sagen: Nein, wir gucken uns nur unseren Euro an und gucken, wie sich der bewegt?

Marcel Fratzscher:
Ich will kurz erklären, was es bedeutet, dass die Amerikaner mit dem US-Dollar eine globale Leitwährung haben. Der frühere französische Präsident, Charles de Gaulle, nannte das mal ein "exorbitantes Privileg". Sie können sich in der eigenen Währung verschulden, alle wollen ihre Währung halten. Es ist die Frage, wenn wir jetzt in Deutschland sagen: Ich will ganz sicher mein Geld anlegen, was mach ich damit? Dann kaufe ich eine Staatsanleihe. Also ich gebe dem deutschen Staat mein Geld, weil ich glaube, das ist das sicherste, was ich machen kann. Das ist auch richtig so innerhalb von Deutschland. Global gesehen: Was machen denn Regierungen, die Geld auf der hohen Kante haben? Reserven haben? Unternehmen, die Überschüsse haben oder Gelder anlegen wollen? Wo legen sie es denn an, wenn sie wirklich ganz sicher sein wollen? Und die Antwort ist: Sie legen es in US-Dollar an, weil das letztlich die ultimativ sichere Währung, die Ankerwährung ist. Und das sieht man auch in dieser Krise, jetzt nicht gegenüber dem Euro, das haben wir gerade besprochen, aber gegenüber vielen anderen Währungen ist der US-Dollar gestiegen, weil viele gesagt haben: Jetzt sind schlechte Zeiten, ich möchte kein Risiko eingehen, ich parke mein Geld in den USA, in US-Dollar und amerikanischen Staatsanleihen. Und das ist dieses "exorbitante Privileg". Egal, nicht ganz egal, aber ziemlich egal, wie unverantwortlich der amerikanische Staat sich im Augenblick verhält, wenn sie die globale Leitwährung haben, profitiert die amerikanische Regierung trotzdem, weil es eben keine wirklichen Alternativen zum US-Dollar gibt. Und der Euro ist der, ich will mal sagen, erste Wettbewerber zum US-Dollar. Auch der Euro hat eine zumindest regionale, aber auch eine globale Rolle. Ungefähr 23 Prozent der Währungsreserven, was Regierungen weltweit in Reserven halte, sind auch in Euro angelegt. Fast 70 Prozent sind in US-Dollar, aber ca. 23 Prozent sind in Euro angelegt. Das heißt der Euro profitiert auch ein wenig davon, dass er zwar keine globale Leitwährung, aber zumindest eine regionale Leitwährung ist. Und die Frage ist immer: Kann der Euro dem US-Dollar auch irgendwann mal Konkurrenz machen als globale Leitwährung?

Die Chinesen haben genau das vor. Die versuchen, ihre Währung, den chinesischen Renminbi, zu einer globalen Leitwährung aufzubauen, weil eine globale Leitwährung zu haben, heißt nicht nur, sie können sich günstig finanzieren, sondern das heißt auch konkret politische Macht, weil sie letztlich alle Unternehmen zwingen oder viele Unternehmen zwingen, in dieser globalen Leitwährung ihre Transaktionen abzuwickeln, weil letztlich viel des Geldes dann doch in dieser globalen Leitwährung sitzt. Ja, ich halte es eigentlich für extrem wichtig, dass auch Europa den Euro als eine globale Leitwährung zumindest im Vergleich zu den USA als Wettbewerber auch stärkt. Leider hat die letzten 15 Jahre die internationale Rolle des Euros ein bisschen eingebüßt. Das Vertrauen der globalen Investoren ist verloren gegangen und da denke ich, geht es jetzt darum, auch wieder aufzuholen, zu sagen: So, das ist wichtig, den Euro als eine globale Währung zu etablieren. Das, was wir gesehen haben mit dem Wiederaufbaufonds, dass die Europäische Union sich auch gemeinsam verschulden kann, ist auch ein Grund dafür, dass der Euro steigt, weil die Investoren gesehen haben: Oh, schaut, mal her. In der Euro-Zone, in Europa gibt es jetzt auch eine stärkere Koordinierung der Finanzpolitik. Das ist wichtig für eine Währung, die auch eine globale Leitwährung werden und sich stärken will. Und hier ist das Vertrauen damit gewachsen. Eine globale Leitwährung ist ein "safe haven", ein sicherer Hafen - und davon profitieren die Amerikaner enorm. Und es wäre klug, wenn wir Europäer, auch den Euro stärken.

Eric Graydon:
Aber welche Folgen hat es, wenn die globale Leitwährung an Wert verliert?

Marcel Fratzscher:
Es ist ganz wichtig in einer Volkswirtschaft eine sichere Anleihe, einen sicheren Hafen zu haben, wie ich das eben mit den Bundesanleihen mit dem deutschen Staat beschrieben habe. Es ist unglaublich wichtig, dass Investoren, die sagen: Ich darf kein Risiko hier mit meinem Geld eingehen - viele Versicherungsunternehmen sagen: Der hat seine Lebensversicherung abgeschlossen oder der möchte jetzt im nächsten Jahr das Geld ausgezahlt bekommen, ich möchte überhaupt kein Risiko eingehen - deshalb kaufen so viele diese sichere Anleihe. Und wenn sie weniger sichere Anleihen haben, so wie das jetzt im Augenblick in den USA passiert ist, dann sagen die Leute: Ich brauche diese sichere Anleihen. Und wenn die amerikanische Regierung das nicht hält und das Vertrauen in den US-Dollar oder US-Staatsanleihen verloren geht, dann fehlt es an sicheren Anleihen. Und das kann dazu führen, dass auch die Finanzmärkte instabiler werden, dass viele sagen: Oh, das ist uns auch zu riskant mit den USA. Aber wo investieren wir dann? Und das ist ein großes Problem des internationalen Finanzsystems, dass es immer weniger dieser sicheren Anleihen gibt - auch in Europa. Beispielsweise Frankreich hat lange Zeit nicht mehr das Top-Rating gehabt. Also nicht mehr die Top-Einschätzung, dass man sagt: Das ist wirklich eine ultimative sichere Anleihe, weil die mittlerweile auch 100 Prozent einer jährlichen Wirtschaftsleistung als Staatsverschuldung haben. Und deshalb ist es so wichtig, dass man Staaten hat, die glaubwürdig agieren, damit es diesen sicheren Hafen gibt. Wozu das führt, wenn das Vertrauen in eine sichere Leitwährung weggeht, ist, dass Investoren nach Alternativen suchen.

Eric Graydon:
Es gibt natürlich einen Klassiker der vermeintlich sicheren Geldanlage: Das ist Gold. Nun ist der Preis vom Gold zum ersten Mal in der Geschichte über die 2000 Dollar gestiegen. Aktuell sind wir bei etwas mehr als 2000 US-Dollar pro Feinunze Gold. Wenn man jetzt so spielverderberische Sachen macht, wie die Inflation bei historischen Höchstmarken mit einrechnen, dann war der Goldpreis schon mal höher, aber nicht um viel. Also in jedem Fall: Das, was wir gerade am Goldpreis sehen, ist schon außerordentlich. Was sagen Ihnen diese Anstiege?

Marcel Fratzscher:
Der starke Anstieg des Goldes sagt mir, dass die Menschen Angst haben, dass Investoren, Lebensversicherungen, Banken aber auch Unternehmen und auch Privatpersonen sagen: Ich traue der amerikanischen Regierung nicht wirklich, dass sie hier eine verantwortliche Wirtschaftspolitik macht, dass die amerikanische Wirtschaft da schnell wieder rauskommt, dass es dort zu Verwerfungen kommen könnte. Deshalb will ich mein Geld noch sicherer anlegen als in US-Dollar und US-Staatsanleihen. Ich gehe in Gold. Das ist der ultimative sichere Hafen - und das ist, was wir im Augenblick sehen. Letztlich spiegelt das einen Vertrauensverlust wider und die Sorge, wie es mit der Weltwirtschaft weitergeht, dass man sagt: Gut, auch der Euro ist für mich nicht wirklich eine Alternative. Es ist nicht so, dass die Euro-Zone oder die Europäische Union jetzt eine ganz tolle Wirtschaftsleistung aufzuweisen hat. Die sind auch am Kämpfen. Dann gehe ich lieber in Gold als eine Alternative zur Währung.

Eric Graydon:
Aber es ist natürlich auch so, dass auch in der Vergangenheit in solchen Fällen bei Wetten auf Gold große Mengen Geld verloren gegangen sind. Wenn wir uns etwa, die Bewegungen des Goldpreises seit der letzten Euro-Krise ca. 2011 angucken, da war der Goldpreis zeitweise auch schon mal sehr, sehr hoch. Und wie gesagt, wenn man die Inflation mit reinrechnet, wohl auch ein bisschen höher als jetzt. Danach hat sich der Preis halbiert. Inwieweit taugt Gold dann wirklich als eine sichere Anlage?

Marcel Fratzscher:
Ich würde jedem Laien, jedem Bürger, der sich jetzt nicht wirklich sehr gut auskennt mit Finanzmärkten, davon abraten, jetzt in Gold, Silber oder andere Metalle zu gehen, weil diese Preise einfach so stark schwanken. Und wenn ich kein Profi bin, dann ist das für mich einfach ein enormes Risiko, weil ich nicht weiß: Wird der Höchststand weiter hochgehen oder wird es dann nicht auch mal um 10-20 Prozent innerhalb von ein paar Tagen fallen? Und dieses Risiko habe ich weniger bei Währungen. Währungen sind stabiler, zumindest die großen Währungen, wie der Euro oder der US-Dollar. Da habe ich mehr Stabilität und laufe nicht diese Gefahr, dass ich dann viel Geld innerhalb kürzester Zeit verliere. Also ich halte es für ein interessantes Phänomen, darüber zu sprechen, wieso der Goldpreis so stark ist. Das sagt etwas über Vertrauen aus, aber ich würde jetzt die Menschen davor warnen, zu sagen: Oh, das ist doch eine gute Idee, sondern das ist eigentlich reine Spekulation. Man kann sie erklären, aber trotzdem ist es extrem unsicher.