Verschneite Straße mit Weilhnachtsbeleuchtung in einer Kleinstadt
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- Ambivalent: Weihnachten in der Heimat

Weihnachtszeit ist immer auch Familienzeit, und die Familie ist auch Thema im Inforadio-Adventskalender. An Weihnachten gehen viele zugezogene Berliner zurück in die Kleinstadt, aus der sie kommen. So auch Jakob Bauer ...

Zwei Wochen Heimaturlaub, zwei Wochen keine Arbeit, kein Großstadtlärm sondern die heilsame Kleinstadtstille. Kräfte sammeln. Luft holen. Tief durchatmen. - Tja. Schön wär's.

Für viele bedeutet der Weihnachtsurlaub zu Hause: Stress anderen Ursprungs. Gnadenlose vermeintliche Kleinstadtidylle, gepflastert mit den Erinnerungen an Kindheit und Jugend. Zwei Wochen zu Hause bei der Familie, das heißt: Im Kinderzimmer schlafen, alte Schulfreunde treffen, die eine Bar von damals leertrinken und nachts durch schummrig beleuchtete Straßen wandeln. Schön, könnte man meinen.

Das Berliner Hip-Hop-Duo "Zugezogen Maskulin" sieht darin ein eher bedrohliches Szenario: In ihrem Track "Schiffbruch" erzählen sie von der goldenen Stadt Berlin, Sehnsuchtsort vieler Anfangzwanziger. Und von der Rückkehr nach Hause an Weihnachten:

"Das in einer Stadt, in der scheinbar alles geht
Exzess und extrem - du bist stark du bist schön!
Und am 23. kehren wir zu unseren Eltern zurück
Und erzählen ihnen Lügen aus der Welt des Großstadtglücks
Verschweigen ihnen Zweifel, greifen zu bei den Kartoffeln
Nacht am zweiten Weihnachtstag - Dorfdisco besoffen
Und dann hoffen, dass es klappt, mit der Liebe, den Projekten
Angst vor’m Mittelmaß, unbefriedigt, unperfekt
Porno-Gifs, Konfetti-Regen und bedingungslose Liebe
Alles verschwindet zwischen miesen Perspektiven
Und steigender Miete“

Es stimmt schon. An Weihnachten ist der neu-erwachsene Heimkehrer plötzlich umgeben von der eigenen Vergangenheit, inklusive "Dorfdisco besoffen", verblassten Liebschaften, verpickelten Teenagerträumen und nostalgischen Kindheitserinnerungen.

Aber auch die Probleme aus der großen Stadt hat man ja nicht mit der Einfahrt Bahnhof Kleinpinneberg abgegeben. Ein unheiliges Aufeinandertreffen, vor allem, wenn einem ob des fehlenden Alltags noch so richtig schön viel Zeit zum grübelnden Spazieren im Schneematsch zur Verfügung steht. Da können einen schon mal die bösen Geister der Weihnacht, Selbstmitleid, Sentimentalität und Selbstzweifel überfallen.

Zumindest für mich sind Familie und Freunde da weihnachtlich hell strahlende Kontrapunkte. Weil wir uns glücklicherweise alle prächtig verstehen, fällt es mir ganz leicht, die Unsicherheit nach einem langen Schneespaziergang im Dunkeln wieder abzuschütteln und mit schiefer Blockflötenbegleitung mehr schlecht als recht Weihnachtslieder zu schmettern. Trotzdem: Der Heimaturlaub an Weihnachten? Eine  ambivalente Geschichte.

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