Der Berliner Literaturpreis 2007 der Stiftung Preußische Seehandlung wird am heutigen 17. Januar an Ilija Trojanow verliehen.
Der 1965 in Sofia geborene Autor ist vor allem durch seine Reiseberichte aus Indien, Afrika und der Welt des Islam hervorgetreten. Im vergangenen Jahr wurde sein Buch Der Weltensammler ein großer Erfolg.
Harald Asel hat sich mit Ilija Trojanow unterhalten - über Reisen, über das Fremde und über das Schreiben davon.
Das Gespräch im Wortlaut:
Harald Asel: Herr Trojanow, Sie werden in diesem Jahr mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet, Sie sind aber auch in diesem Jahr Stadtschreiber in Mainz, letztes Jahr bekamen sie für Ihr Buch 'Der Weltensammler' den Preis der Leipziger Buchmesse. Es hat den Anschein, als wäre das, was Sie schreiben, das, worüber Sie nachdenken, derzeit - zumindest im deutschsprachigen Raum - begehrt. Wie ist das für Sie? Hindert Sie das möglicherweise am Schreiben, ermutigt Sie das, wie gehen Sie mit solchen Preisen, solchen Auszeichnungen um?
Ilija Trojanow: Es ermutigt mich und es freut mich natürlich, weil die Preise nicht nur Ehrungen sind, sondern auch finanzielle Unterstützung und das ist ja das Wunderbare, wenn man Künstler unterstützt, dass man sie ermutigt in ihrem Nonkonformismus, denn man ist noch weniger abhängig und kann dadurch um so radikaler und wirksamer seiner Arbeit nachgehen.
Asel: Aber wundert Sie das nicht ein bisschen, weil den heutigen üblichen Debatten in Deutschland etwa über Identität und Fremdheit gegenüber - da stehen Sie ja ein wenig quer dazu. Sie wollen das Fremde als Fremdes erhalten, Sie wollen genau auf die Details schauen, keine allgemeinen Antworten geben.
Trojanow: Ich glaube schon, dass das genau die Funktion von Literatur ist, nämlich quer zu stehen. Und wenn verschiedene Jurys das prämieren wollen, dann, denk ich mir, stehen sie in einer guten Tradition: Literatur als Anregung, die Welt anders zu sehen, als Vielfalt der Perspektiven, der Denkweisen, und somit eine Erweiterung des Diskursrahmens befördern.
Asel: Die Welt anders sehen - wie macht man das? Da kann man ja nicht einfach beschließen, ab heute ist das für mich eine Technik, die ich einsetze. Sie haben angefangen damit, dass Sie aus Sofia kommen, dass Sie in Deutschland politisches Asyl bekommen haben, dass Sie in Afrika und Indien gelebt haben, sich immer wieder sich neuen Fremdheiten ausgesetzt. Aber, wie sind Sie dazu gekommen? Ist das zufällig gewesen, war das Absicht?
Trojanow: Der Anfang ist mir in die Biographie gelegt, denn meine Eltern sind mit mir aus Bulgarien geflohen als ich sechs Jahre alt war und somit in einem Alter, in dem ich noch keine eigenen Entscheidungen fällen konnte , das heißt, diese Rastlosigkeit ist mir schon ein wenig in die Wiege gelegt. Dann habe ich mich irgendwann auch dafür entschieden. Das ist einerseits ein rationaler Weg, andererseits hat das auch mit der eigenen Veranlagung zu tun. Ich sage gerne, dass ich an so etwas wie kultureller Klaustrophobie leide - ich werde sehr schnell unruhig, wenn mir alles bekannt vorkommt, und ich bin jemand, der ganz stark dran glaubt, dass Kultur davon lebt und sich dadurch weiter entwickelt, dass sie sich immer wieder an eine Fremde heranwagt, sich an ihr reibt, teilweise sich von ihr befruchten lässt und sogar manchmal mit ihr verschmilzt. Und dieser Weg dynamischer kultureller Vermischung ist ein Weg, den ich vielleicht in meinem eigenen Schreiben und Leben etwas beschleunigt vollziehe.
Asel: War da immer von Anfang an der Wunsch dabei, das schriftlich nieder zu legen, was Sie an Erfahrungen machen, an Verunsicherungen, an Bemerkenswertem - war das möglicherweise mit ein Grund dafür, auf Reisen zu gehen, oder kam das erst hinterher?
Trojanow: Ich habe sehr früh begonnen zu schreiben, mit 14 oder 15 Jahren. Ich kann mich gut erinnern, dass ich die ersten Reisen durch Ostafrika, die ich alleine gemacht habe, mit Rucksack, als 17 oder 18-Jähriger, dass ich da schon Notizen geführt habe, wobei das nicht so außergewöhnlich ist. Viele Leute, die reisen, führen Tagebuch. Die Frage, wann man sich dann berufen fühlt, die Notizen aus der Intimität heraus zu nehmen und ihnen zuzutrauen, dass sie anderen Menschen was zu sagen haben könnten, ist für einen Autor immer sehr schwer zu beantworten, weil das auch ein Teil der Selbsterfahrung ist, über die man sehr schlecht reflektieren kann.
Asel: Wie war das, wenn Sie sagen, Sie sind durch Ostafrika gereist, wie konnten Sie speziellere Erfahrungen machen, die jenseits der Erfahrungen sind, die beispielsweise ein Europäer hat, der im europäischen Ghetto irgendwo in Nairobi oder sonst wo lebt? Das Ziel ist das eine, dass man Erfahrungen machen will, etwas kennen lernen will, dessen Grammatik nicht versteht, das andere ist, wie schafft man das? Viele gehen auf Reisen und schaffen genau das nicht, landen auch in alternativen Touristenghettos.
Trojanow: Es ist glaube ich nicht so schwierig. Es ist oft nur die falsche Abbiegung, die falschrichtige Abzweigung, das Verlassen der abgetretenen Pfade, selbst in Großstädten, wirklich nur eine Ecke um den Häuserblock und schon ist man in einer Welt, die einen verunsichert, die einen verwirrt, wo man sich neu zurecht finden muss. Es gelingt natürlich auch nicht immer - manchmal stellt man fest, man hat kaum etwas erfahren, man hat kaum Begegnungen gefunden, die einen weiter bringen. Es gibt aber schon ein paar Grundregeln, die ich versuche, zu befolgen. Das eine ist, langsam reisen - die meisten Leute hetzen leider. Man muss wirklich, um mit einem wunderschönen Romantitel zu sprechen, die Langsamkeit wieder entdecken. Das zweite ist, man muss natürlich möglichst ohne Gepäck reisen. Die Menschen, die - auch im übertragenen Sinne - ihren Alltag mit sich schleppen, denen steht dieser Alltag im Wege. Und förderlich ist es auch, wenn man alleine reist.
Asel: Langsam reisen, ohne Gepäck reisen, heißt auch, ganz bewusst, seinen Körper zu bewegen im Raum und ihn bestimmten anderen Erfahrungen auszusetzen. Wenn ich mir Ihre Bücher vergegenwärtige, beispielsweise das Buch Ihrer Pilgerreise nach Mekka, dann sind da sehr viele Beschreibungen körperlicher Erfahrung, von Enge, von Nähe, von Stoßen - ist das etwas, was Sie bewusst suchen, das heißt, sich dem auszusetzen, Ihren Körper auch sprechen zu lassen, der ja vielleicht etwas ganz anderes erfährt beim Reisen als Ihr Kopf?
Trojanow: Ja - da haben Sie völlig Recht. Das ist ein Prinzip von mir, weil ich auch glaube, dass ich mit dem Körper schreibe. Das heißt, die körperliche Erfahrung auch in die Sprache hineinfließt, und dieses Gefühl der Nacktheit und damit auch der unmittelbaren physischen Reaktion, ist mir sehr wichtig. Es muss, um das vielleicht etwas pathetisch zu sagen, die Fremde auch ein bisschen wehtun, man muss angekratzt werden oder ein paar Beulen erfahren. Ansonsten ist auch der Körper nur virtuell gereist.
Asel: Gibt es da Streit zwischen Kopf und Körper manchmal im Bewerten von Erfahrungen?
Trojanow: Es gibt natürlich schon diesen kleinen Teufel von Bequemlichkeit, der einem immer wieder sagt, das muss jetzt nicht unbedingt sein - manchmal gibt man ja auch nach. Ich habe durchaus erlebt, dass ich irgendwann einmal die Nase voll hatte und dann in die nächste Stadt gefahren bin und mir ein Hotel gesucht habe, weil ich eine Intimsphäre der Behaglichkeit gebraucht habe. Aber oft ist es so, dass sich dann die Weisheit der alten Erfahrungen meldet, die besagt, es ist gerade das, was unbequem war, was weh tat, im Nachhinein eine außergewöhnliche und beglückende Erfahrung darstellt.
Asel: Diese körperliche Erfahrung ist zugleich auch etwas, woran Sie die Details festmachen können, die Unterschiede im Kleinen. Mir ist aufgefallen, wenn wir Fernsehberichte aus Indien sehen, oder auch wenn CNN beispielsweise die Hochphase der Bilderreisen in Mekka, das Gehen um die Kaaba zeigt, dann ist das von sehr weit oben gezeigt, wie eine sich bewegende Masse, eine Menge, etwas Gleiches. Und wenn Sie - egal, ob Sie über Indien schreiben oder ob Sie über Mekka schreiben - Ihre körperliche Erfahrung einbringen, dann ist da jeder Mensch, dem Sie begegnen anders, weil er sie anders stößt, weil er Ihnen anders Raum gibt, weil er auch anders aussieht - diese spezifischen Unterschiede, die Ihnen nur auffallen können, weil sie sie auch mit dem Körper wahrnehmen.
Trojanow: Weil man mittendrin ist. Das Beschreiben von innen heraus ist mir natürlich sehr wichtig. Das, was Sie gerade beschrieben haben, ist das verallgemeinernde Abziehbild, mit dem die westliche Perspektive sehr oft operiert hat, wenn sie fremde Kulturen betrachtet. Das ist ganz typisch - wenn Sie sich die Metaphorik betrachten, auch bei ernsthaften Autoren in ihren Reisebeschreibungen, dann gibt es oft dieses Phänomen der schwarzen Masse, das heißt, der Wilde, der Andere, der Fremde ist seiner Persönlichkeit entledigt. Ich versuche natürlich, den Gegenweg zu gehen, indem ich die Vielfalt der kleinen und großen Differenzen innerhalb dessen, was uns gleich erscheint, benenne.
Asel: Wenn Sie reisen, sind Sie ja eher ein Suchender, Wahrnehmender, Aufnehmender von Eindrücken. Wenn Sie dann geschrieben haben, Ihren Lesern gegenübertreten, dann verändert sich auch etwas Ihre Rolle: Plötzlich sind Sie der Experte für Afrika, Asien. Und obwohl Sie das ja vor Ort gar nicht sind und auch gar nicht sein wollen, sonst würden Sie ja nicht eintauchen können und die Fremdheit nicht als Fremdheit stehen lassen können - wie gehen Sie schreibend damit um, dass dies ja offensichtlich ein Rollenwechsel ist, der Ihnen dann möglicherweise auch durch den Erfolg des Schreibens von den Lesern quasi aufgedrückt wird.
Trojanow: Ich glaube schon, dass ich mich ziemlich bewusst von dieser Expertenposition, die einem gerade die Medien aufoktroyieren, distanziere. Ich verweigere mich auch irgendwelchen Interviews oder Talk-Shows, bei denen ich eingeladen werde, weil ich etwas über Afrika, Indien oder den Islam zu sagen habe. Beim Schreiben ist es natürlich so, dass dieses Über-Ich des Autors aus dem Westen, was die traditionelle Reiseliteratur bestimmt, dieser allwissende, besserwissende, gebildete und deswegen aufgrund seiner Bildungskompetenz schnell Urteil fällende Ich-Erzähler - diese Position versuche ich beim Schreiben zu vermeiden. Das gelingt mir vielleicht nicht immer, weil das eine Falle ist, in die jeder mal hinein gerät, aber ich glaube schon, dass es mir meistens gelingt, das zu vermeiden und eher so eine flimmernde Ungewissheit der Vielfalt und ein Gefühl der vielen Verschiebungen, Verästelungen zwischen dem Eigenen und der Fremde zu zeigen.
Asel: Das hat ja auch die Jury des Berliner Literaturpreises gemerkt. Wenn Sie sagen, dass Sie sich an der Grenze zwischen Roman und Reisebeschreibung sich aufhalten, wie wichtig sind für Sie Genres beim Schreiben?
Trojanow: Der Roman ist ja deswegen die höchste aller literarischen Formen, weil er ja fast mit jedem anderen Genre eine Vermischung eingehen kann. Es gibt ja Romane, die fast wissenschaftlich sind - der amerikanische Autor Powers ist ja dieser Tage ein gutes Beispiel. Es gibt Romane, die wirklich psychoanalytisch sind, es gibt Romane, die ganz stark fantastisch sind und es gibt Romane, die auch genauso gut als Reisebereichte verwendet werden können. Der Roman ist nach allen Seiten hin offen und kann deswegen auch als Gallertmasse in jede Richtung hin geformt werden.
Asel: Was mir beim Lesen Ihrer Bücher aufgefallen ist - sie sind auch da, wo sie schwer sind, wie Sie vielleicht auch schmerzliche Erfahrungen beschreiben, immer auch von sich selbst absehend mit einer gewissen Leichtigkeit behaftet - etwas, was mir sonst auch bei Reiseberichten fehlt. Fühlen Sie sich allein auf weiter Flur?
Trojanow: Ich bin eher ein Außenseiter, sowohl was die Biographie angeht als auch das, was ich versuche mit Literatur zu machen, wobei es mehr und mehr Autoren gibt, gerade jetzt unter den jüngeren deutschen Autoren, die wieder welthaltig erzählen, so dass ich zumindest in diesem Punkt wieder mehr Anknüpfungspunkte mit zeitgenössischen Literaten finde. Was mir aber völlig unverständlich bleibt und mich überhaupt nicht interessiert, ist diese Innerlichkeit, das ist für mich eine Literatur, die ich als Leser überhaupt nicht goutiere.
Asel: Mit dem Berliner Literaturpreis verbunden ist auch eine Gast-Professur an der Freien Universität. Wir haben bereits davon gesprochen: Sie wollen kein Experte sein, weder fürs Reisen noch fürs Exotische, Sie sind jemand, der eher lernend wahrnehmend durch die Welt geht. Was fangen Sie dann an mit Studierenden, die von Ihnen möglicherweise Antworten erwarten?
Trojanow: Das haben Sie sehr schön formuliert - lernend, wahrnehmend durch die Welt gehen - das schließt natürlich nicht aus, dass man gleichzeitig Lehrer ist. Denn man ist diesen Pfad des Lernens schon ein paar Schritte weiter gegangen, also kann man denjenigen, die einem folgen, noch ein paar Sachen zuwerfen. Ich glaube - das habe ich auch in dem Hadsch-Buch beschrieben -, dass eine Kombination von Schüler und Lehrer das Beste ist. In dem Hadsch-Buch beschreibe ich ja, wie ich ein Jahr lang mit Olema, einem islamischen Schriftgelehrten, zusammenlebe und wir wirklich die Rollen tauschen, mal bin ich der Lehrer, mal bin ich der Schüler. Das wäre für mich die schönste Form des Vermittelns, und es ist wahrscheinlich auch möglich bei der Gastprofessur, dass ich auch von den Studenten etwas lerne - das darf man nicht ausschließen.


