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Vis à vis, 28.08.2008, 14:45 Uhr

Ramstein - literarisch verarbeitet

 


Der in der Nähe von Ramstein aufgewachsene, jetzt in Ingelheim am Rhein lebende Schriftsteller Jörg Matheis, Jahrgang 1970, hat sich in seinem ersten Roman, Ein Foto von Mila dem Unglück genähert. Allerdings schildert er nicht die Katastrophe selbst, sondern erzählt von Menschen, die durch das Ereignis verändert wurden. Der Hauptteil der Geschichte spielt 1999 und zeigt, wie lange etwas nachschwärt, eingefügt sind Passagen, die die unbeschwerte Jugend vor und den Schock nach dem Flugtag in Erinnerung rufen.


Da ist Mila, das Brandopfer, die merkwürdigerweise an Händen und im Gesicht keine Wunden hat, da ist ihr Freund Lorenz, Fotograf, der versucht, sie emotional zu stabilisieren, indem er ein inszeniertes Foto von ihr aufnehmen möchte, das ihre innere Verfassung, elf Jahre nach dem Unglück, bildhaft werden lassen soll.

Darüberhinaus begegnen uns ein US-amerikanischer Militär, der Bruder von Lorenz, der mit ambitionierten Projekten die abgehängte Region zwischen Rhein und Saar nach vorne bringen will, ein zur Aktion bereiter Verschwörungstheoretiker und vor allem: die Gegend selbst.


Atmosphärisch dicht, durch eine Fülle von Bezügen und Anspielungen zusammengehalten, gelingt Matheis ein Roman, der nicht das Spektakuläre, die Sensation, den Schock abbildet, sondern nach jenem Rucksack fragt, den die Menschen über Jahre hinweg mit sich schleppen.


Wiederholung eines Gesprächs, das Harald Asel mit  Jörg Matheis auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr dieses Jahres geführt hat:

Das Gespräch im Wortlaut:


Matheis: Tatsächlich ging es mir zunächst um die Figuren. Das Thema Ramstein ist im Grunde sekundär in das Buch geraten. Das begann mit einer Brudergeschichte, die sich zu einer Dreiecksgeschichte ausgeweitet hat und dann ist es eben so, dass ich aus der Gegend von Ramstein stamme. Das Dorf Mühlbach, was hier auch genannt ist, in dem ich großgeworden bin, das ist natürlich ein virtuelles Dorf, wie ich es darstelle, aber ich benutze den Namen. Das ist siebzehn Kilometer weg von Ramstein, das heißt ich partizipiere an diesem Kollektivgedächtnis der Region. Insofern war das für mich ein sehr naheliegendes Thema, dass ich da dann reingeschrieben hat.


Asel: Sie sagen bereits, da ist ein älterer Bruder, ein jüngerer Bruder. Mila, um die es hier geht, ist erst mit dem einen ein wenig zusammen, es bleibt offen wie intensiv, und dann mit dem anderen. Das heißt, es geht auch immer um Schuld, um Konkurrenz. Es geht um Weggehen und Ankommen. Einmal heißt es, weggehen nützt nichts, aber ankommen nützt irgendwie auch nichts.


Matheis: Die Figurenkonstellation ist ein klassisches Dreiecksverhältnis. Das ist eigentlich für die Literatur ein sehr probates, menschliches Verhältnis, das ich in Literatur auch immer gerne schon nutze, in meinen Erzählungen, in meinem Debutband. Das ist mir erst im Nachgang aufgefallen, da sind sehr oft Dreiecksverhältnisse ausschlaggebend. Die Spannung ist natürlich einfach evident, man muss nichts mehr hinzutun. Man hat einfach ein spannendes Moment, indem man drei Personen hat, die in irgendeiner Art und Weise aufeinander bezogen sind. Mich hat das hier noch mehr gereizt, weil es sich eben in den verschiedenen Ebenen unterschiedlich bewerten lässt. Einmal indem es Brüder sind hat man natürlich noch ein doppeltes Spannungsverhältnis aus der familiären Situation heraus und zum anderen weil es ja auch tatsächlich ein Roman über diese Region sein soll, habe ich eben versucht in diesen Figuren auch manifest werden zu lassen, was eine Region, in der man groß wird für einen bedeuten kann und was das für unterschiedliche Ausprägungen haben kann. In diesem zweiten Schritt kommt dann natürlich diese Ramsteinsache, die ja auch ganz maßgeblich für die Region ist, durch die Präsenz der Amerikaner ganz einfach.


Asel: Ich möchte das, was wir hätten sein können, sagt Lorenz einmal, dann antwortet Mila darauf, ja, vielleicht ist das schon alles, was wir hätten sein können. Es ist immer auch die Frage eines alternativen Lebensentwurfs, die durch dieses ganze Buch durchschwirrt, so wie es durch diese ganze Region schwirrt. Da ist die Frage, was wäre, wenn es die Amerikaner nicht gäbe, was wäre, wenn diese Gegend touristisch entwickelt wäre, überhaupt "Gegend" ist ein großes Sujet, auch für die Hauptfigur, die ja als Fotograf versucht, Momentaufnahmen festzuhalten.


Matheis: Ja, tatsächlich. "Gegend" als solche, und natürlich als Heimatkomplex ist für mich schon immer ein sehr interessantes Thema. Mich wundert, dass es da nicht mehr darüber gibt, muss ich ehrlich sagen. Für mich ist das auch persönlich etwas ganz Maßgebliches, ich versuche es, damit umzugehen, was mich geprägt hat und was auch meine Wahrnehmung und darüber natürlich auch meine Literatur prägt, meinen künstlerischen Umgang mit Wahrnehmung sozusagen.


Ja gut, das ist die Gegend, die ich am besten kenne und damit beschäftige ich mich dann am liebsten, aber sie ist auch in meinen Augen im Zustand einer gewissen Unentwickeltheit und das macht sie natürlich auch wieder literarisch spannend. Diese Figuren, die alle in einem bestimmten Entwicklungsmoment rüde unterbrochen wurden - so lässt sich das über die Gegend in gewissem Sinne natürlich auch sagen, die dann einfach stillhalten muss, wenn politische Gegebenheiten sozusagen über sie hinweggehen und verschiedene Ausprägungen manifest werden.


Asel: Diese Mila sagt vor dem Unglück irgendwann einmal: Feuer, das liegt mir schon. Daran wird sie nun aber auch entstellt. Lorenz ist jemand, der beispielsweise sagt, ich will nicht digital fotografieren, mich interessiert auch nicht solche Action-, Reportage-Fotografie. Er versucht also quasi, um auch Mila ähnlich zu werden, die ja durch chemische Prozesse ihre Haut verätzt hatte, nun eben seinerzeit analog, wieder quasi chemisch, die Fotos herzustellen. Wie wichtig sind Ihnen solche Bezüge, die das Ganze ja im Grunde genommen ganz eng miteinander verknoten.


Matheis: Enorm wichtig. Das ist für mich immer ein großer Teil dieser Literatur, die ich mache, weil die sehr aus solchen Bezügen erwächst. Ich habe ja eben dargestellt, ich komme gar nicht so sehr von einem Thema her, sondern von Figuren, und zum zweiten natürlich auch über eine bestimmte Sprache, mit der ich dann, für ein Buch, für ein Text, zu spielen beginne. Und das macht es natürlich aus, dass so ein Text von mir möglichst dicht formuliert wird, sprich, ich arbeite schon sehr stark daran, das zwar flüssig zu erzählen, aber dennoch die Dinge, die ich erzähle sehr eng und dicht zu verweben und zu verschränken, so dass auch die Dinge untereinander wieder aufeinander bezogen werden können. Und dass man auch beim Lesen, hoffe ich, das Gefühl haben kann, dass die Dinge wirklich auch zusammenhängen.


Asel: Ist das auch der Trick eines Autors, der bislang Erzählungen geschrieben hat, sich sozusagen in die Großform hineinzumogeln?


Matheis: Ich glaube nicht, dass es Trick ist, nennen wir es Stil.


Asel: Ja, oder eine Technik.


Matheis: Ja, es ist schon eine Technik. Sie haben Recht, das ist ja mein erster Roman und natürlich war es auch ein Versuch, das, was ich bisher auf der Kurzstrecke erprobt habe, auf die Langstrecke zu bringen. Das ist natürlich auch mit Arbeit verbunden. Mag sein, dass das dazu auch ein Hilfsmittel ist, aber ich glaube tatsächlich, es ist bisher auch einfach ein starkes Merkmal meines Stils gewesen, ich mag auch sehr von dem her was ich selber lese sehr dichtgemachte Texte, in denen ich wirklich das Gefühl habe, da geschehen Dinge nicht einfach so, da werden Bilder nicht unwillkürlich benutzt, weil sie naheliegen, sondern sie sind auch wieder rückführbar auf ein Gesamtthema, auf eine Gesamtstimmung, auf eine Grundstimmung des Ganzen.


Asel: Das sind ja so gegenläufige Dinge, um Mila aus ihrer Lebenserstarrung heraus zu holen, wird Lorenz versuchen, irgendwann ein Foto zu machen, das sozusagen ein Moment festhält, erstarren lässt, weil das andere, nämlich ein Video mit Wasser aus der Waschanlage, was bewegt war, nicht funktioniert. Das ist interessant, wenn man mit Menschen spricht, die in der Katastrophennachsorge tätig waren, dass das, was man zunächst rational meint, was den Betroffenen hilft, überhaupt nicht das ist, sondern möglicherweise gerade das Gegenteil. Haben Sie da dann stärker recherchiert, um eine Genauigkeit auch dieser Bereiche einzubringen oder wie sind Sie in der Arbeit vorgegangen?


Matheis: Ich bin eigentlich ein Anti-Rechercheur. Ich habe in dem Falle für das Buch schlussendlich schon ein wenig gelesen, natürlich über Ramstein selbst, über das Unglück, habe mir auch das ein oder andere, was an Bildmaterial zu haben ist noch mal angeguckt. Ich habe auch ein bisschen über Katastrophennachsorge gelesen. Ich habe mich relativ zurückgehalten, weil ich Angst hatte, wenn ich zum Beispiel tatsächlich mit Menschen rede, die das durchgemacht haben, dass ich dann eine Verpflichtung empfände, diesen auch konkret und persönlich gerecht zu werden. Und das wollte ich in diesem Sinne nicht, denn es ist ein Kunstwerk und auch die Mila ist ja ein absolutes Kunstprodukt. Allein schon dadurch dargestellt, und das ist auch ganz bewusst so gemacht, um eine gewisse Distanz herzustellen, dass ihre Hände und ihr Gesicht wundersamerweise völlig unversehrt sind. Da ist schon offen ausgestellt, dass es schon auch um eine Kunstfigur geht.

Und diese Distanz wollte ich unbedingt gewahrt wissen um da nicht vereinnahmt zu werden, denn Literatur kann ja überhaupt nicht therapeutisch wirken. Der Meinung bin ich nicht, das ist auch nicht die Intention dieses Buches und die Recherchen kamen dann erst in einem zweiten Schritt, mehr so um der Ebene der Wahrscheinlichkeit, die ein Buch natürlich haben muss, möglichst nahe zu kommen, dass ich mich da versucht habe, ein wenig abzusichern, aber nicht so, dass ich von vorneherein gesagt habe, da musst du ja eigentlich mal sehr genau gucken, wie man mit sowas umgeht. Ich arbeite eigentlich sehr impulsiv, muss ich sagen, vertraue da auch sehr darauf, dass ich die Sprache der ich mich anvertraue, mich zunächst mal sicher führt und im zweiten Schritt kommt die Arbeit, indem man dann so ein bisschen was auch noch mal überprüft, gehe ich da in eine richtige Richtung.


Asel: Sie haben das eben ja schon angedeutet, Sie selber haben in diesem Dorf Mühlbach am Glan gelebt, also haben die Flugzeuge das Jahr über erlebt, und natürlich auch als junger Mann dann die Katastrophe von Ramstein mitbekommen und Sie haben jetzt nach einer längeren Zeit sich nochmal damit befasst. Dieses Buch arbeitet ja auch damit, dass nach elf Jahren eine Summe gezogen wird, reflektiert wird, noch einmal geschaut wird, was die eigentlichen Verwundungen sind, und das sind oft nicht die, die man zunächst angenommen hat, was hat sich in dem Wiederbegegnen mit dieser Katastrophe für Sie verändert, an Blickrichtungen, am Blickwinkel, so wie für Ihre Figuren ja auch.


Matheis: Ramstein ist ja für uns in dieser Gegend, in der das geschehen ist, tatsächlich nach wie vor präsent, wirklich auch als Militärflughafen. Ich war jetzt auch noch mal da gewesen. Alle zwanzig Minuten steigen da riesige Galaxys hoch und so weiter und so fort. Die Leute, die da leben, die kriegen das gar nicht los, dass da Militär nach wie vor statthat in ganz starkem Maße und man nimmt das ja normalerweise so hin, man gewöhnt sich ja, und auch natürlich nach zwanzig Jahren ist dieses Unglück auch nicht mehr so (präsent), dass man jeden Tag davon spricht. Das ist ganz normal. Für mich hat sich das insofern verändert, als mir das einfach noch mal bewusst geworden ist, was das eigentlich bedeutet, dass man so einen riesigen Flughafen da hat, dass es eine Zeit gab, in der man dachte, man könnte Spaß an solchen Flugtagen haben. Diese Hybris an Technikgläubigkeit, die da drin steckt und das ist ja beileibe nichts, was vorbei ist.

Dafür steht Ramstein meines Erachtens nach wie vor. Natürlich hat man heute, wenn man solche Flugtage beispielsweise durchführt, andere Sicherheitsvorkehrungen. Damals war man ja völlig blind. Es gab überhaupt keinen Sicherheitsabstand und nichts. Völliges Gottvertrauen in diese Technik und in ihre vermeintlichen Beherrscher. Das ist eigentlich eine Sache, die man durchaus wachhalten sollte und über die man auch heute noch nachdenken kann. Da kann man weite Brücken schlagen, über die Weiterentwicklung von Militärtechnik, die ja nach dem Willen der kriegführenden im Irak dazu führen sollte, dass man quasi chirurgische militärische Eingriffe vornehmen könnte, was ja auch nie gelingt. Dafür ist Ramstein ein sehr interessanter Punkt. Für mich ist eben interessant, dass mich das dann doch so sehr geprägt hat, dass es für mich überhaupt ein Thema ist. Das hatte ich so bewusst nie wahrgenommen, und tatsächlich, das ist das Schöne an Literatur, wenn man die benutzt um über sich selbst auch was zu lernen.

Tatsächlich hat das in mir und nochmal was wachgerufen, was in gewissem Sinne verschüttet war. Auch so eine Erinnerung an meine gesellschaftspolitische Sozialisation in den 80ern noch mal aufleben lassen, was im Rückblick ja eine ganz seltsame Zeit war, in der politische Themen eigentlich sehr auffällig waren, mit Tschernobyl und der Friedensbewegung und dann doch aber auch, so habe ich jedenfalls das Gefühl, man in der Erinnerung an diese Zeit das völlig ausblenden kann und sich an die 80er als eine Zeit erinnern kann, in der das Unpolitische um sich gegriffen hat. Das finde ich sehr interessant. Und dass dann so ein Ereignis wie Ramstein 88 eigentlich noch mal wie ein Fanal reingeknallt ist, im wahrsten Sinne.


Asel: Dann haben wir gesagt, es ist ein Roman, der in einer bestimmten Gegend spielt, die Sie sehr gut kennen. Es ist aber kein Regionalroman, weil es Strukturen sind, die nur zur Abwechslung mal nicht in einer Stadt stattfinden, wie viele andere in der neueren deutschen Literatur. Was können Sie denn jetzt bereits über Reaktionen aus der Region, also von Leuten, die sagen, ich kann die Straßen, die Sie beschreiben, abfahren - was können Sie da schon sagen?


Matheis: Aus diesem Buch heraus sogar noch etwas weniger, da beginnen jetzt tatsächlich auch die Lesungen in der Region, auf die sehr gespannt bin. Was ich bis jetzt erlebt habe, sind eben die Medien der Region, die das sehr wohlwollend aufgenommen haben, aber auch in diesem Fall mehr auf den Fakt von Ramstein eingegangen sind und es eigentlich begrüßen, dass jemand die Erinnerung wachhält, und, was mich sehr freut, auch die Form begrüßen, in der es geschieht. Die Region als solche, die Wegmarken sozusagen, haben da bisher keine so große Rolle gespielt. Das war im ersten Buch eigentlich noch interessanter gewesen. Da war das mit Sicherheit ein Aha-Effekt, weil die Hälfte der Erzählung in dem Debut "Mono" ja eben auch da vor Ort spielt und das haben die Leute auch sehr interessiert aufgenommen und hatten da einen großen Spaß daran, auch wenn Ihnen, glaube ich, sehr schnell klar wurde, dass ich mir diese Gegend auch wieder persönlich angeeignet habe, in gewissem Sinne und eben nicht abschildere.


 

 

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