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Renée Zuckers Buchrezension, 20.01.2008

Marc Thörner: Der falsche Bart - Reportagen aus dem Krieg gegen den Terror.

 

Marc Thörner hat ein so informatives wie sarkastisches Buch geschrieben. Beides bleibt vermutlich nicht aus, wenn man sich in den Ländern bewegt, aus denen er hier schreibt: Irak, Afghanistan, Pakistan, Ägypten, Marokko, Algerien und Tunesien.


Als freier Journalist arbeitet Thörner aus diesen Ländern hauptsächlich für die ARD und veröffentlichte bislang zwei Bücher über die Schiiten im Irak und über ihren größten und ärmsten Stadtteil in Bagdad, Sadr City.


Seine Essays aus den verschiedenen Gegenden sind geprägt von professioneller Neugier aber auch von persönlicher Anteilnahme und dem Wunsch nach Aufklärung. Nach den "Mohammedanische Versuchungen"  des Islamwissenschaftler und Journalisten Stefan Weidner und dem Buch des holländischen Auslandskorrespondenten Joris Luyendijk aus dem Nahen Osten über Bilder und Lügen in Zeiten des Krieges, ist hier ein weiterer junger Journalist, der in Reportagen und Analysen das Geflecht zwischen westlichen Interessen und einem radikalen und traditionellen Islam beschreibt, der sich seine intellektuellen Vorbilder aus Vertretern der Antimoderne des Westens gesucht hat.


Der falsche Bart, so nennt Thörner das Bild der islamistischen Bedrohung, die sich angeblich in einer geschlossenen muslimischen Gesellschaft entwickelt habe, wie hierzulande behauptet werde. Dies sei vor allem deshalb unrichtig, weil der Westen genau diese Strömungen immer wieder gefördert habe. Die USA finanzierte bekanntermaßen die afghanischen Mudschaheddins zu Zeiten der sowjetischen Besatzung und unterstützt heute noch den ägyptischen Präsidenten Mubarak, der angeblich gegen den Fundamentalismus kämpft aber jegliche aufklärerische Diskussion über den Islam verhindert, die französische Regierung agiert ähnlich in Marokko und Algerien.


"Der falsche Bart", das sind auch jene angeblich "gemäßigten" Staaten wie Ägypten, Marokko und Tunesien, die westliche Gelder bekommen, damit sie den Terror bekämpfen, und damit nur ihre eigene Bevölkerung noch mehr bespitzeln und noch mehr unterdrücken und damit den Islamismus eher fördern als verhindern.


Übrigens ist auch die deutsche Regierung Teilnehmer des Streichen-um-den-falschen-Bart-Spiels - hier wurde der usbekische Innenminister bei einem Krankenhausaufenthalt im Jahre 2005 nicht festgenommen, obwohl ihm mehrere Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden und sogar der UNO- Sonderberichterstatter für Folter und der damalige Präsident des internationalen Strafgerichtshofes die Aufhebung seiner diplomatischen Immunität empfahlen.


Der angebliche Kampf gegen den Terror dient in Usbekistan vornehmlich der Inhaftierung, Folterung und auch Tötung von Regimegegnern. Usbekische Offiziere werden von der Bundeswehr geschult und die hat dafür dort einen Luftwaffenstützpunkt zur Unterstützung der Soldaten in Afghanistan. Damit ist dann auch wieder klar, worum es eigentlich geht, wie Thörner in seinem Vorwort bemerkt: um wirtschaftliche und geostrategische Interessen.


Der Autor hat keine Berührungshemmungen, wie sich das für einen ordentlichen Reporter gehört. Er war als embedded Journalist mit den Amerikanern unterwegs, er spricht mit Menschenrechtlern, Geheimdienstleuten, Koranschulleitern, - ja, einmal wollte er natürlich auch mit Bin Laden sprechen. Das ist übrigens die lustigste Geschichte und sie spielt in Pakistan. Nach dem Besuch bei einem Oberkommandierenden der Armee spricht ihn im Hotel in Peshawar ein Afghane an: "Ich habe Informationen für Sie, folgen Sie mir – Abdul nähert seinen Mund bis auf wenige Zentimeter meinem Ohr – Scheich Osama, Scheich Bin Laden, ich weiß, dass sie sich für ihn interessieren" – und weil Abdul seriös wirkt, folgt ihm der Journalist, um schließlich in einem kleinen Laden zu landen, an dessen Wänden sich Regale türmen, die wiederum alle mit den gleichen Päckchen gefüllt sind: T-Shirts mit dem Riesenbild von Osama vorne drauf 'Great Mujaheed of Islam' - Wenn Sie davon 100 nehmen, mach ich Ihnen einen Sonderpreis". Und weil Thörner keine Shirts will, bringt Abdul ihn eben zur großen Madrassa, der Kaderschmiede der Taliban.


"Der falsche Bart" ist ein weiteres Puzzleteil zu jenem verwirrenden "Kampf gegen den Terror"-Bild, in dem es vor Blindpuzzlestückchen und falschen Bärten nur so wimmelt. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als weiter zu sammeln und zu versuchen, die großen Lücken zu schließen


 

 

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