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Futur II, 08.07.2006, 13:45 Uhr

Arbeit ohne Zukunft - Zukunft der Arbeit

 

Die Arbeitslosigkeit steigt, die Automatisierung nimmt zu - Szenarien vom Ende der Arbeit machen die Runde.

Doch wie realistisch sind solche Prophezeiungen?

  • Welche Rolle wird der Faktor Arbeit tatsächlich in naher Zukunft spielen, und welche Art Arbeit wird dann gefordert sein?
  • Müssen wir uns vom Arbeitnehmer zum Arbeits-Unternehmer wandeln?
  • Wie werden die neuen Arbeitsverhältnisse organisiert sein und welche Auswirkungen hat die internationale Arbeitsteilung?
  • Ist Deutschland auf diesen Wettbewerb vorbereitet?

Ein Feature von Oliver Rehlinger.


Immer mehr Menschen haben keine Arbeit mehr, und Arbeit, wie sie die meisten von uns noch kennen, wird es in Zukunft kaum noch geben. Arbeit als lebenslanges Ausüben eines erlernten Berufs – das ist ein Auslaufmodell, sagen uns Forscher und Unternehmer, es geht auch anders, muss und wird anders gehen. Die Veränderungen sind jetzt schon sichtbar – schauen wir nach.


Viele Menschen haben ihre Erfahrungen mit der neuen Zeit bereits gemacht – zum Beispiel Caroline Hilla. Sie ist angestellte Architektin und hat mir von ihren Erfahrungen erzählt.

Carolina Hilla: Ich hab ungefähr vor 12 Jahren meinen beruflichen Werdegang angefangen. Damals bestand ein Arbeitsplatz für einen Architekten aus einem Parallel-Lineal und Rapidographen und Bleistiften und ein Telefon. Das ging dann sehr schnell, dass eine unglaubliche Computerisierung in den ganzen Büros einzog, und alle darauf hofften, dass damit auch ein Geldsegen einhergehen würde, weil alle dachten, jetzt können wir viel schneller arbeiten, viel effektiver. Aber - die Honorarordnung für Architekten hat sich langsam aber sicher aufgelöst, sowohl von der öffentlichen Hand als auch von privaten Auftraggebern ausgehöhlt, das heißt, einzelne Leistungsphasen werden überhaupt nicht mehr bezahlt: niedrigster Honorarsatz, der billigste muss es sein, und das bedeutet letztendlich, dass junge Architekten, die anfangen - die fangen jetzt zum Teil mit 1.000 Euro an, und dafür dürfen sie mindestens 50, 60 Stunden arbeiten. Das bedeutet letzten Endes, wenn es schon früher ein ziemlich arbeitsintensiver Beruf war, dann ist es jetzt so, dass man ab Mitte vierzig nicht mehr kann, richtig körperlich nicht mehr kann, weil sie diesem Druck nicht mehr gewachsen sind. Viele überlegen sich, dass sie hoffen, über eine Spezialisierung diesem enormen Druck entfliehen können.

Ist das aussichtsreich?

Carolina Hilla: Es ist eigentlich ein ganz normaler Prozess, weil heutzutage auch anders gebaut wird als früher - das entwickelt sich in die amerikanische Richtung, insofern werden Spezialisten gebraucht, und das ist auch gut so. Ob das aber mehr Arbeitsplätze bringt, das weiß ich nicht. 

So wie die Architektin Caroline Hilla haben viele die neuen Trends am eigenen Leib erfahren: Arbeitsverdichtung, Computerisierung, Spezialisierung, sinkende Preise für Arbeit. Vor allem aber haben viele erfahren, dass ihre Arbeitskraft gar nicht mehr nachgefragt wird …

"Auf absehbare Zeit sind wir nicht in der Lage für alle, die arbeiten wollen, auch tatsächlich ausreichende Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen".

Sagt der Gewerkschafter Wilhelm Adamy. Vor etlichen Jahren schon sah der amerikanische Trendforscher Jeremy Rifkin das "Ende der Arbeit" kommen, und in der Neuauflage seines Buches sieht er diese Entwicklung bestätigt: Allein in den Jahren zwischen 1995 und 2002 sind die Arbeitsplätze in der industriellen Produktion weltweit um 16% reduziert worden. Setzt sich dieser Rückgang fort, dann, so schätzt Rifkin, wird die Beschäftigung im produzierenden Sektor von heute rund 160 Millionen Stellen im Jahre 2040 auf wenige Millionen abstürzen.

Nur noch 5% der erwachsenen Weltbevölkerung könnten dann nötig sein, um die traditionellen Industrien am Laufen zu halten. Den Grund für diese Entwicklung sieht Rifkin in der fortschreitenden Automatisierung, die bei sinkendem Einsatz von Arbeit immer mehr Produktivität schafft:

Zitat Jeremy Rifkin: Die Einführung der neuen arbeit- und zeitsparenden Technologien hat die Produktivität erheblich verbessert. Doch das geschah auf Kosten von immer mehr Lohnabhängigen, die in Teilzeitbeschäftigung abgeschoben wurden oder den Kündigungsbrief bekamen. Immer weniger Arbeitsplätze bedeutet jedoch verringerte Einkommen, reduzierte Konsumnachfrage und eine Wirtschaft, die nicht wachsen kann. Das ist die neue strukturelle Realität.

Diese Prognose ist nicht unwidersprochen geblieben. Es ergibt wenig Sinn, das Ende der Arbeit am Rückgang der Industriearbeit festzumachen. Zwar ist heute nur noch ein Viertel aller Erwerbstätigen in der Produktion beschäftigt, gleichzeitig aber ist ihr Anteil im Dienstleistungsbereich auf fast drei Viertel gestiegen, und diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Das muss nicht, kann aber zu anhaltender Beschäftigung führen, meint der stellvertretende Direktor des Internationalen Instituts für Politik und Wirtschaft, "Haus Rissen" in Hamburg, Eckard Bolsinger:

Es gibt auf keinen Fall einen Automatismus, dass die Plätze, die in der Industrie wegfallen, automatisch geschaffen werden im Dienstleistungsbereich. Aber beispielsweise in Großbritannien oder in den USA sind die meisten, die aus der Industriearbeit rausgefallen sind, im Dienstleistungssektor aufgefangen worden.

Doch wenn der Trend in Richtung Dienstleistungen geht, und zwar immer schneller, dann muss umgelernt werden. Das sehen auch die Gewerkschaften so. Mehr Flexibilität und breiteres Wissen müssen die Arbeitenden der Zukunft mitbringen, meint der Arbeitsmarktexperte des DGB, Wilhelm Adamy:

Es ist notwendig, dass Arbeitnehmer für unterschiedliche Arbeitsanforderungen qualifiziert sind, nicht nur betriebsspezifisch, sondern dass sie sich auch viel stärker an wechselnde Arbeitsanforderungen darauf einrichten können. Wir müssen Qualifikationen breit ansiedeln, dann kann man auch überlegen, wie man neue Qualifizierungsformen entwickelt, dass Lernen und Arbeit ineinander übergehen. Hier sind wir der Auffassung, dass dann Arbeitnehmer auch in viel stärkerem Maße mitgenommen werden können, selbst dann, wenn sie relativ bildungsfern sind bisher.

Wie soll das nun im Einzelnen aussehen? Der Sozialökonom Eckard Bolsinger sagt, welche Felder Zukunftschancen bieten.

"Die wissensintensiven Bereiche, was ganz Handfestes. Einen klassischen Schornsteinfeger werden Sie heutzutage nicht mehr finden. Die haben sich in den letzten Jahren alle weiter gebildet zu Umwelttechnikern. Ein klassischer Handwerksberuf ist gezwungen aufgrund des technologischen Fortschritts aber auch der geänderten Konsumentenwünsche, der anderen politischen Auflagen, Umweltschutz, sich weiter zu bilden. Umwelttechniker, das setzt auch voraus, dass er Grundkenntnisse hat in Chemie, in Biologie, in Computertechnologie, aber auch die ganzen klassischen Handwerksberufe - all diejenigen sind sozusagen verbunden mit mehr Wissen. Betriebswirtschaftliche Kenntnisse, Computerkenntnisse, Kenntnisse im Marketingbereich - das ist sozusagen die Zukunft."     

Und die erfordert den "flexiblen Menschen". Für einige fast schon ein Unwort ist der Mensch, den es bezeichnet, wahrscheinlich doch das Modell, das der globalisierten Arbeitswelt der Zukunft am ehesten gewachsen sein dürfte. Der Soziologe Richard Sennett beschreibt den flexiblen Menschen als einen, der ohne ein konstantes Ich-Gefühl auskommt, der nicht stolz ist auf seine handwerklichen Fertigkeiten, sondern auf potenzielle Fähigkeiten blickt, und der ständig bereit ist, sich von der Vergangenheit zu lösen. Dieser neue Mensch ist ein Produkt der Automatisierung und deshalb – Sennett sagt es durchaus kritisch – ein reduzierter Mensch:

Zitat Sennett: "Mit der Ausbreitung der Automatisierung schrumpft der Anwendungsbereich bestimmter menschlicher Fähigkeiten. Mit einer Maschine ein Gespräch über das eigene Bankkonto zu führen, hätte vor 50 Jahren als Science-Fiction -Phantasie gegolten. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit. Hier zeigt sich das idealisierte neue Ich: ein Mensch, der ständig neue Fähigkeiten erwirbt und seine Wissensbasis verändert. In der Realität steht hinter diesem Ideal die Notwendigkeit, nicht hinter der Maschine zurück zu bleiben."    

Wenn der Mensch seine Fähigkeiten denen der Maschine anpassen muss, hat das auch Auswirkungen auf die Arbeitsverhältnisse. Die Beschäftigten der Zukunft werden mit weniger Loyalität zwischen Unternehmen und Angestellten leben müssen, weil es kaum noch langfristige Arbeitsbeziehungen geben wird: Nicht zuletzt deshalb, weil auch die Lebensdauer der Unternehmen selbst im Geschiebe der Kapitalmarktkräfte immer kürzer werden dürfte. Können sich Arbeitnehmer da noch als selbständige Akteure behaupten? Der Gewerkschafter Adamy sieht nur eine Möglichkeit: Die Arbeit muss sich ebenso internationalisieren wie das Kapital.

Ich stimme zu, dass die Kapitalmärkte einen viel, viel größeren Einfluss auf das weltwirtschaftliche Geschehen haben, als noch vor einigen Jahren. Das Volumen des weltweit vagabundierenden Kapitals ist massiv angestiegen - von daher gehen von dort Gefahren aus. Aber das zeigt zugleich, dass Regulierungen an der Stelle notwendig sind weltweit. Der Blick von Gewerkschaften muss global sein und muss über einzelne Landesgrenzen hinausgehen.

Die Verfechter des Neo-Liberalismus werden nicht müde zu beteuern, dass diese Entwicklung auch mehr Freiheit für Einzelne erlaubt, die diese nur lernen müssen zu nutzen. Also: Werden wir uns vom Arbeitnehmer zum Arbeitsunternehmer wandeln müssen? Diese Frage abschließend an Matthias Knuth vom Institut für Arbeit und Technik Gelsenkirchen.

Dieses Bild vom Arbeitsunternehmer hat mindestens drei Facetten: einmal hat es was zu tun mit der Umwandlung abhängiger Beschäftigung in formell Selbständige, also Leute, die dann als Honorarkräfte, als scheinbar Selbständige, aber ohne eigene Arbeitnehmer tätig werden - was übrigens ein riesiges Problem ist für die Sozialversicherungen, weil sie als Beitragszahler ausfallen. Das zweite ist aber, dass natürlich immer mehr Arbeitnehmer unmittelbar damit konfrontiert sind, dass sie sich ihren eigenen Arbeitsplatz immer neu verdienen müssen, sie also selbst dafür zuständig sind, die Aufträge reinzuholen und die Kunden zufrieden zu stellen, und insofern direkt vor Augen haben, wenn ich nicht genügend Umsatz mache - egal, was jetzt mein Vertrags-Status ist - dann werde ich natürlich entlassen, die ganze Abteilung wird geschlossen, der Betrieb wird geschlossen. Das ist wahrscheinlich die Form des Arbeitskraftunternehmers, die besonders viele betrifft. Schließlich gibt es natürlich auch noch die Situation, dass Leute einfach etwas öfters als früher die Arbeitsplätze wechseln. Diese Veränderung ist nicht so dramatisch, wie das gemeinhin angenommen wird - aber sie ist da, vor allen Dingen an den beiden Polen der Qualifikations-Hierarchie: einerseits für die hoch Qualifizierten und andererseits für die gering Qualifizierten - in der Mitte hat sich wenig geändert.

Unternehmen betreiben zunehmend 'off-shoring' - das heißt, auf der Suche nach billigen Arbeitskräften gehen sie ins Ausland. Müssen wir langfristig damit rechnen, dass das so bleibt, dass wir eine internationale Arbeitsteilung bekommen werden?

Ja, damit müssen wir rechnen, wobei diese Länder natürlich irgendwann an Entwicklungsgrenzen stoßen werden. China ist ungefähr in so einer Aufbruchsphase, wie wir sie Anfang der 50er hatten, und zum Teil kommt dieser Boom natürlich daher, dass ein großer Teil der Bevölkerung einen Erstbedarf an Ausstattung mit allen möglichen Gütern hat, den es bei uns so nicht gibt. Insofern sind es nicht nur niedrige Löhne, sondern auch die Märkte, die Produktionen dort hin ziehen – dort ist eben einfach ein riesiger Markt für technische Gebrauchsgüter für die Ausstattung der Wohnungen, die man früher nicht hatte – so, wie das bei uns in den 50er Jahren auch war, und bei uns ist das ausgereizt, und das kommt auch nicht wieder, und damit müssen wir uns abfinden. Irgendwann wird der Markt in China auch abgesättigt sein, und China wird auch demographische Probleme bekommen.

Mit den internationalen Märkten und dem neuen Kapital befassen wir uns in der Sendung. 

Erstendung:

11.02.06


 

 

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