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Vis ą vis, 13.11.2007, 14:45 Uhr

Wegzugsprämien und andere Empfehlungen

 

Im Jahr 2030 hat Brandenburg 13 Prozent weniger Einwohner, und die sind im Durchschnitt auch noch deutlich älter als heute: Das Land steht, wie ganz Ostdeutschland, vor gravierenden Veränderungen.

Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, hat im Auftrag des Landtags ein Gutachten verfasst, das Strategien zum Umgang mit diesem Wandel aufzeigt - Alex Krämer sprach mit ihm.


Hinweis: Am heutigen 13. November, um 18:00 Uhr diskutiert Reiner Klingholz auf Einladung des rbb-Fernsehens mit der brandenburgischen Sozialministerin Dagmar Ziegler - in der Brandenburgischen Landesvertretung, In den Ministergärten 1 in Berlin - der Eintritt ist frei.

Das Gespräch in Auszügen:

Alex Krämer: Als Sie vor ungefähr zwei  Monaten Ihre Studie zum Umgang mit dem demographischen Wandel in Brandenburg vorgestellt haben, gab es eine Riesenaufregung, aber eigentlich nur um einen kleinen Absatz in dieser mehr als 60 Seiten umfassenden Studie, nämlich um diese Wegzugsprämien, wie sie da genannt wurden, wo Sie sagen, man müsse in bestimmten Regionen, wo es offensichtlich sehr wenige Chancen gibt, die Leute dafür belohnen, dass sie evtl. wegziehen. Hat Sie diese Aufregung überrascht oder war das eine gezielte Provokation in diesem Gutachten?


Reiner Klingholz
: Es war nicht von uns eine Provokation, sondern es war etwas an die Öffentlichkeit gedrungen, noch bevor das Gutachten publiziert war. Wir sollten das Gutachten auch im Auftrag des Landtags Brandenburg veröffentlichen - da hat dann aber irgendjemand aus dem Landtag diese zwei Seiten aus dem 60-seitigen Gutachten rausgelassen, und diese zwei Zeilen bekamen dann den Titel, den sie nicht von uns bekommen haben: 'Wegzugsprämie'. Um was es uns da ging war Folgendes: Es gibt in Brandenburg - aber auch in anderen neuen Bundesländern - Regionen, wo sich die öffentliche Infrastruktur doch weitgehend zurückgezogen hat, wo es keine Schulen mehr gibt, wo es zum nächsten Krankenhaus 50 Kilometer weit ist, wo Bibliotheken und solchen Dinge nicht mehr existieren. Und da haben wir gesagt, wenn die Leute, die dort noch wohnen, etwas näher an eine vernünftige Infrastruktur herankommen wollen, sprich, sie wollen nicht, dass ihre Kinder drei Stunden am Tag mit dem Bus in die Schule fahren, dann sollte man ihnen dabei helfen und sagen, wenn Ihr näher an eine Stadt heranzieht, dann übernehmen wir einen Teil der Kosten, weil wir von der Verwaltungsseite auch Kosten sparen. Man hat im Moment in den sich stark ausdünnenden Regionen immer höhere Infrastrukturkosten pro Kopf, weil die Wasserversorgung, die Stromversorgung, die Wasserentsorgung aufrecht erhalten werden muss, und wenn da letztlich nur noch eine Person wohnt, kostet das eine Menge Geld.


Krämer
: Brandenburg verliert jetzt schon Einwohner - noch nicht so schnell, die Prognosen sagen, in den nächsten Jahren gehe das dann sehr viel schneller. In Ihrer Studie ist von 13 Prozent bis 2030 die Rede, aber gerechnet aufs ganze Land, die Regionen, die weiter von Berlin entfernt liegen, werden noch viel stärker davon betroffen sein. Da gibt es zwei Ursachen: Einmal werden weniger Kinder geboren, dann gehen Leute weg. Kann man etwas darüber sagen, welche Gruppen von dieser Abwanderung besonders stark Gebrauch machen?


Klingholz
: Es gehen tendenziell die Jungen, die besser Gebildeten, die Qualifizierten und die Frauen. Es bleiben eher zurück die sozial Schwächeren, die Älteren, die weniger mobil sind, denn ohne Ausbildung haben die ja auch weniger gute Chancen wegzugehen als wenn sie beispielsweise einen Ingenieursabschluss in der Tasche haben. Das Interessante daran ist, dass doch deutlich mehr junge Frauen als junge Männer weggehen, und die Frage ist, warum das so ist.


Krämer
: Vielleicht, weil die häufiger Abitur machen als junge Männer?


Klingholz
: Wir haben das in einer Studie ausführlich untersucht und tatsächlich sind die eklatanten Bildungsunterschiede, die gerade in den neuen Bundesländern zwischen Männern und Frauen bestehen, der Hauptgrund für die Abwanderung. Frauen machen zu 50 Prozent häufiger Abitur als die jungen Männer, dafür schaffen die Jungens doppelt so häufig nicht mal den Hauptschulabschluss, haben also praktisch keine Chance, jemals in den Arbeitsmarkt integriert werden zu können. Die Chancen für die jungen Frauen sind da natürlich besser, aber dann kommt noch hinzu, dass die Partnerwahl eine wichtige Ursache für die Abwanderung ist. Frauen orientieren sich in Deutschland bei der Partnerwahl entweder auf Augenhöhe oder sogar ein wenig nach oben schauend, das heißt, im Bildungs- und sozialen Stand mindestens angemessen. Wenn jetzt diese starken Bildungsunterschiede bestehen bleiben, wird das auch in Zukunft dazu führen, dass mit jedem neuen Jahrgang von Mädchen oder jungen Frauen, die von der Schule kommen, 20 bis 30 Prozent dieser Frauen rein statistisch keinen angemessenen Partner finden können und deswegen auch zukünftig weiter abwandern werden, so lange sich diese großen Bildungsunterschiede zwischen Frauen und Männern nicht verändern.


Krämer
: Also noch ein Grund, der über den Arbeitsmarkt hinausgeht: Selbst wenn es Jobs gäbe, gäbe es nicht die passenden Männer - könnte man so sagen?


Klingholz
: Das muss man abwarten, aber im Moment sieht es so aus, dass selbst Jobs diese Frauen nicht halten können, weil gerade in der Altersgruppe 20 bis 30 Jahre interessieren sich die jungen Menschen notgedrungen für die Partnersuche und deswegen sieht man, dass die Bildung das zentrale Thema in dem ganzen demographischen Wandel ist. Solange die Bildungsprobleme nicht gelöst werden, braucht man sich um die demographischen Probleme fast gar nicht kümmern.


Krämer
: Kommen die Abwanderer irgendwann auch zurück - weiß man darüber etwas?


Klingholz
: Es gibt natürlich eine Hin- und Herwanderung. Es gibt Leute, die von Ost nach West gehen und von West nach Ost, aber unterm Strich gehen mehr von Ost nach West, interessanterweise werden gute Jobs häufig auch mit Menschen aus dem Westen besetzt - aber auch da sind nur Frauen dabei. Beispielsweise wandern Familien, Frauen mit Partnern von West nach Ost, allein stehende Frauen jedoch so gut wie nie, weil der Partnermarkt dort mit gleichwertigen Partnern schlecht bestückt ist.


Krämer
: Wenn in 20 Jahren da sehr viel weniger Leute leben werden, dann wird das Folgen haben, die beschreiben Sie sehr anschaulich: verwaiste Dörfer, geschlossene Schulen usw. - alles Phänomene, die man heute schon in Ansätzen beobachten kann, aber noch nicht so ausgeprägt. Sie beschreiben aber auch Ansätze, was man dafür tun kann, um die Situation wieder in den Griff zu bekommen: Bildung und mehr Verantwortung vor Ort. Fangen wir an mit der Bildung - warum ist die so zentral?


Klingholz
: Sie können ein modernes Industrieland wie Deutschland nur betreiben, wenn Sie gut qualifizierte Personen für das Wirtschaftssystem haben. Wir haben im Osten Deutschlands eine Rate von 12 Prozent aller jungen Menschen, die nicht mal die Hauptschule schaffen - die können wir gleich vergessen, die sind am modernen Arbeitsmarkt praktisch nicht brauchbar. Das ist eine Bildungskatastrophe, die dort entstanden ist. Wir haben dann diesen eklatanten Unterschied zwischen Frauen und Männern, das ist der sozialen Struktur nicht zuträglich. Deswegen müssen wir an diesem System etwas verändern, auch weil gebildete Menschen leichter in der Lage sind, Unternehmen zu gründen - wir brauchen neue Unternehmer in den neuen Bundesländern. Wir brauchen eine aktive Bürgergesellschaft, die auch die Dinge, die der Staat nicht mehr erledigen kann, selber in die Hand nimmt - dafür brauchen wir gebildete Leute. Wir haben umgekehrt das Phänomen, dass mangelnde Bildung zu mehr Kriminalität, zu Rechtsradikalismus führt und auch zu minderen Steuereinnahmen. Die ganze wirtschaftliche Situation für die Kommunen kann sich nicht verbessern, wenn der Bildungsstand so schlecht bleibt.


Krämer
: Und wie sieht es aus in den Gegenden, wo es immer weniger Kinder gibt? Da ist Bildung ja wirklich schwer zu organisieren, wenn schon die Grundschule 15 Kilometer weit weg ist und die Oberschule 40 Kilometer.


Klingholz
: Was bislang auch in Brandenburg geschehen ist, sind Schulschließungen, wo an zentralen Standorten noch Schulen erhalten wurden, das bedeutet aber in Extremfällen, dass die Kinder drei bis vier Stunden am Tag im Bus sitzen, um die Schule überhaupt zu erreichen. Das ist sicher nicht sinnvoll und das wird noch mehr Familien zur Abwanderung aus diesen Regionen veranlassen.

Was bräuchte man stattdessen? Man muss sich angewöhnen, weniger in Institutionen als in Dienstleistung zu denken. Übersetzt hieße das, eine Institution ist eine Schule, und eine Schule hat in Brandenburg einen bestimmten Rahmen, die muss eine bestimmte Zahl von Schülern beinhalten, muss mindestens zwei parallele Klassen haben bei den weiterführenden Schulen usw. usf. Wenn man aber jetzt nach der Dienstleistung fragt, dann heißt es, die Schule ist ein Ort, in dem Kindler und Jugendliche eine bestimmte Bildung erhalten sollen. Wie dieser Ort aussieht, ist dabei eigentlich völlig egal, und deswegen muss man komplett neue Schulformen zulassen, kleine Schulen, Zwergschulen, einzügige Gymnasien, Boarding-Schools, also Halbinternate, wo die Kinder nur in der Woche wohnen usw. usf. Aber dafür muss man viel mehr Vollmacht, viel mehr Autonomie der Bildungsentscheidung in die Hände der Kommunen legen. Die Orte, die Dörfer, die kleinen Städte wissen sehr viel besser, was die Ansprüche in Sachen Bildung für ihre Bürger sind, und die können das mit ihren Bürgern besprechen. Und wenn man das machen würde wie etwa in Schweden, wo die Kommunen eine große Bildugnsautonomie haben, da bekommen sie das Geld, was  notwendig ist, um die vorhandenen jungen Menschen auszubilden.


 

 

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