Sa, 31.07.2010 | 09:41 Uhr
Eines war in der DDR doch immerhin gut, heißt es immer wieder: Die Frauen waren gleichberechtigt, sie hatten Jobs und die Kinder wurden umfassend betreut. Das Ideal der werktätigen Frau und Mutter war aber eben nur das - ein Ideal.
Die Feministin und Gründerin des Unabhängigen Frauenverbandes Tatjana Böhm hat die Realität der DDR-Frauen ganz anders wahrgenommen. Tatjana Böhm machte wie viele andere Frauen in der DDR die Erfahrung, dass Frauen zwar arbeiten konnten, die Männer aber deshalb noch lange nicht den Haushalt machten. Frauen, die keine Mütter sein wollten oder homosexuell waren, wurden vom Staat regelrecht benachteiligt. Irène Bluche hat Tatjana Böhm an ihrem alten Arbeitsplatz getroffen, der Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt.
Irène Bluche: "Offiziell galten ja die Frauen in der DDR als gleichberechtigt. Über 90 Prozent der Frauen haben gearbeitet, waren qualifiziert, die Kinder wurden ganztags betreut. Wie groß war der Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit?"
Tatjana Böhm: "Es war natürlich auf der einen Seite so, dass es in Ordnung war, dass es Kindereinrichtungen gab, auf der anderen Seite galt: Die Frauen hatten beide Aufgaben, mussten sie ja auch, erwerbstätig sein und den Haushalt zu führen, das wurde ja auch immer in der Ideologie verkündet. Aber ähnliche Fragestellungen von gerechter Arbeitsteilung zwischen den Paaren, die tauchten nur so auf, also Männer helfen mit. Unkonventionelles Leben war ja ein Punkt, der in der DDR nur in Nischen möglich war und immer irgendwie Anstoß erregte."
Irène Bluche: "Sie meinten, unkonventionelle Lebensformen waren nicht akzeptiert. Was fiel darunter, was war in der DDR unkonventionell?"
Tatjana Böhm: "In der DDR war alles, was nicht staatlich gebilligt wurde, unkonventionell. Also ganze Bewegungen wie neue Lebensformen, wie Wohngemeinschaften oder freie Kindergärten, also die Frauen im Prenzlauer Berg sind ja deshalb sofort von der Staatssicherheit observiert worden, wenn man die Idee hatte freier Kinderbetreuung. Im Alltag war dann schon überhaupt das Problem, dass wenn staatlich Wohnungen zugewiesen werden, dass lesbische Frauen bestimmt nicht auf der Liste derer standen, die als erste ne Wohnung zu kriegen haben und natürlich dieser unaufgeklärte Blick, dieser intolerante Blick, der ist natürlich für die Frauen spürbar gewesen."
Im Sommer 1989 war Tatjana Böhm Mitte 30, verheiratet, hatte eine kleine Tochter und arbeitete als Soziologin in der Akademie der Wissenschaften. Sie entsprach dem Idealbild der DDR-Frau. Dennoch eckte sie an, denn ein Thema ließ sie nie los: Egal, wie sehr sie sich bemühte, ihre männlichen Kollegen wurden bevorzugt, bekamen die besseren Forschungsthemen, mehr Lohn. Zu Hause blieb sie mit der Kindererziehung allein. Im Gespräch mit anderen Frauen merkte sie: alle hatten ähnliche Sorgen. Sie begannen sich in Gruppen regelmäßig zu treffen, Singles, Mütter, Forscherinnen. Doch etwas anderes als reden war nicht möglich, öffentlicher Protest verpönt. Im Sommer 1989 verließ Tatjana Böhm immer mehr der Mut.
Tatjana Böhm: "Es gab natürlich ne ganze Menge Fragen, die von unterschiedlichen Frauengruppen, die meistens überhaupt noch nicht organisiert waren, diskutiert wurden. Es war für mich eine absolut bleierne Zeit. Und natürlich, das wussten wir sowohl als DDR-Bürgerinnen als auch als Forscherinnen, eigentlich den Verfall des ganzen Landes und der Gesellschaft auf allen Gebieten. Und es war für mich ein tiefes Gefühl von Hoffnungslosigkeit."
Irène Bluche: "Konkret auf die Frauenpolitik bezogen, gab es da Punkte, die nicht vorangingen, die sie gerne verändert hätten?"
Tatjana Böhm: "Ich denke, um diese Zeit gab es in Ostdeutschland überhaupt keine Frauenpolitik oder überhaupt eine kritische Auseinandersetzung mit dem System, mit der Frauenfrage sowieso nicht. Also man hatte sich ausgeruht in strukturellen Verbesserungen für Familien und für die Frauen. Um diese Zeit war uns natürlich klar, dass Frauen bei gleicher Qualifikation weniger verdienen als Männer in fast allen Berufen, aber wir durften das weder erforschen, noch wurde es irgendwie publiziert oder diskutiert. "
Irène Bluche: "Haben Sie sich damals, 1989, als Feministin bezeichnet?"
Tatjana Böhm: "Ich habe die Bezeichnung Feministin nie als Schimpfwort begriffen. Weil Feminismus hat was für mich mit Aufbruch zu tun, als Feministin habe ich mich auch in der kleinen engen DDR, von deren Ende ich oder auch viele zumindest im Sommer 89 überhaupt niemand was vermutet hat, da hab ich irgendwie doch mit den frauenbewegten Frauen im Westen und in anderen Ländern verbunden gefühlt."
Tatjana Böhm lehnt sich auf einer Bank am Rande des Gendarmenmarkts zurück. Als sie hier noch in der Akademie der Wissenschaften arbeitete, träumte sie von einer anderen DDR, in der die Frauenfrage keine Nebensache mehr war. In ihrer Freizeit verschlang sie die feministische Literatur aus dem Westen: Simone de Beauvoir, Doris Lessing. So frei über Geschlechterfragen zu reden wie die westlichen Frauen, war für sie unmöglich. Der Mauerfall kam für Tatjana Böhm wie ein Befreiungsschlag. Nur wenige Wochen später gründete sie den Unabhängigen Frauenverband, sie wollte dafür kämpfen, dass im vereinten Deutschland die Frauen nicht vergessen werden. Heute arbeitet Tatjana Böhm in der brandenburgischen Landesregierung, ihr Schwerpunktthema: Gleichberechtigung.
Tatjana Böhm: "Wir hatten die Hoffnung, ohne Frauen ist kein Staat zu machen. Also dass bei fast allen politischen Entscheidungen durchaus auch die Auswirkungen auf Frauen und Männer, unterschiedliche soziale Gruppen, wesentlich stärker beachtet werden. Dass soziale Komponenten wie demokratische Gemeinschaftlichkeit genauso wichtig sind wie wirtschaftliche Aspekte."
Irène Bluche: "Welche Erfolge konnten Sie für sich verzeichnen?"
Tatjana Böhm: "Also als positives Ergebnis ist erstmal zu sehen, dass diese Probleme doch gemeinsame Aktionen hervorgerufen haben. Dass das Thema Gewalt gegen Frauen plötzlich in die Öffentlichkeit kam und die Frauen auch Schutzeinrichtungen gefunden haben. Auf der anderen Seite im Rahmen der Verfassungsdiskussion, an der ich mich dann sehr engagiert beteiligt habe, gabs natürlich die Frage, Menschenrechte auch als Frauenrechte zu betrachten."
Irène Bluche: "Haben Sie in ihrem Alltag auch negative Reaktionen von ihren Mitmenschen bekommen, wenn die mitbekommen haben, Sie sind Feministin, wurden Sie da auch angefeindet?"
Tatjana Böhm: "Ja, das muss man als Feministin wissen, dass das für viele Leute eine Frage ist, die nun überhaupt niemanden interessiert. Anfeindungen machen einen stark, wenn man sich auseinandersetzen muss, wächst man auch oder wächst frau auch. "