Fr, 03.09.2010 | 05:01 Uhr
Jahrelang kämpfte der Leipziger Pfarrer Christoph Wonneberger für mehr Freiheit in der DDR. Er initiierte die Friedensgebete, aus denen später die Montagsdemonstrationen werden sollten. In unserer Reihe "Zeitgenossen" sprechen wir hier im Inforadio jeden Samstag mit Menschen, die die Wendezeit 89 auf besondere Weise miterlebt oder sogar beeinflusst haben. Pfarrer Wonneberger legte sich nicht nur mit der SED, sondern auch mit den Linientreuen in seiner Kirche an. Den Mauerfall allerdings erlebte er nicht: Kurz davor erlitt er einen Schlaganfall , lag viele Monate in der Klinik. Hendrik Schröder hat sich mit Christoph Wonneberger in der Leipziger Lukaskirche getroffen. Dort hatte der Pfarrer Anfang Juli 1989 einen alternativen Statt-Kirchentag veranstaltet.
Hendrik Schröder: Herr Wonneberger, wenn Sie jetzt hier in der Lukaskirche in Leipzig Volkmarsdorf sitzen, welche Gefühle weckt das in Ihnen, woran erinnern Sie sich zuerst ?
Christoph Wonneberger: Ich merke, dass ich also viele Sachen hier schon hinterlassen habe. Also einfach weil ich auch sehr viel ganz praktisch hier mit gearbeitet habe schon. Ich fühle mich plötzlich völlig heimisch wieder hier.
Hendrik Schröder: Vom 6. bis 9. Juli 1989 fand in Leipzig der Kirchentag der Sächsischen Landeskirche statt. Im Vorfeld hatte die SED starken Druck auf die Kirchenleitung ausgeübt, alle politischen Themen aus der Veranstaltung herauszuhalten. Was dann auch genauso passierte. Und Sie kamen auf die Idee, zur selben Zeit hier in der Lukaskirche einen alternativen Stattkirchentag zu veranstalten, der sich mit eben diesen brisanten Themen beschäftigte. Was hat Sie eigentlich dazu veranlasst ?
Christoph Wonneberger: Nun hatten wir in dem Jahr sowieso vor, im Januar schon, ein Treffen von verschiedenen Gruppen in Sachsen. Wo vor allen Dingen die Friedensgruppen sich gesammelt haben, in Chemnitz. Und da sah es aus….da war ein Vetreter vom Kirchentag auch dabei…dass alles keine Rolle spielen sollte in dem ganzen Kirchentag. Und da hab ich dann gesagt, wenn das so aussieht, dann müssen wir was anderes machen. Und da hab ich das spontan gleich genannt : Stattkirchentag. Ob allen das so gefallen wird, das wird man sehen. Und es waren eben unwahrscheinlich viele Leute da, die sehr interessiert waren gegenseitig. Also es wurden ständig verteilt auch Papiere, die Leute von irgendwo mitgebracht haben und die wir verteilt haben. Sozusagen alles was verboten war, das wurde frei verteilt.
2500 Leute folgten Wonnebergers Ruf zum Stattkirchentag. Ein Netzwerk entstand. Christoph Wonneberger ist heute 65 und nicht mehr der mitreißende Mann von damals. Die Folgen eines Schlaganfalls im Oktober 89 machen ihm das Sprechen schwer. Als Theologiestudent war er 1968 beim Prager Frühling dabei, 1977 beriet er Wehrdienstverweigerer in Dresden, er initiierte Kettenbriefe gegen Aufrüstung, gründete 1987 die Initiative für Frieden und Menschrechte. Und predigte Freiheit und Ungehorsam. Heute ist er in Rente, sitzt in rotem Bergsteigerpulli und Sportsandalen in seiner alten Kirche.
Hendrik Schröder: Haben Sie denn bei den vielen Aktionen und Initiativen, die Sie über die Jahre gestartet haben, jeweils versucht auszuloten wie weit man gehen kann und wo eben die Grenze ist, an der Sie vielleicht gefeuert worden wären ? Oder haben Sie einfach drauf losgemacht im Gottvertrauen.
Christoph Wonneberger: Ich habe selten da lange überlegt und habe gesagt : das wird man dann sehen, was daraus wird. Ich habe immer die Kirche auch so verstanden, dass sie auch ein Stück prophetische Funktion hat. Und wenn viele das nicht wahrnehmen, dann macht es wenigstens einer.
Hendrik Schröder: Sie sind der Begründer der politischen Friedensgebete, in den frühen 80ern schon. 1989 bekamen diese montäglichen Friedensgebete eine besondere Bedeutung, aus ihnen gingen die Montagsdemonstrationen hervor. Und diese wären nach Einschätzung vieler gar nicht möglich gewesen, wenn Sie nicht die Politisierung der Friedensgebete herbeigeführt hätten.
Christoph Wonneberger: Es hat sich so ergeben und man musste was dagegen setzen gegen diese Ausreisewelle. Und hätte man nicht gut nur gute warme Worte sagen können, sondern die haben, diejenigen die weggehen wollten aus der DDR, die haben ja auch radikal gehandelt, also irgendwo ohne Rücksicht. Also war für mich auch klar, wir müssen mehr riskieren, um dazubleiben.
Pfarrer Christoph Wonneberger hat immer alles riskiert. Mitte der 80er versucht die Stasi sein Leben zu zerstören, ihn zu Straftaten zu verleiten, sein Umfeld gegen ihn aufzubringen. Die Kirchenleitung degradiert ihn, Wonneberger engagiert sich weiter. Erst die eigene Gesundheit wirft ihn um. Als ihn kurz vor dem Mauerfall ein Schlaganfall trifft , er mit Hilfe von Westfreunden in eine Klinik nach Hannover kommt, monatelang im Koma liegt, da ernten andere seine Lorbeeren. Es ist ihm egal, sagt er, um seine Person sei es ja nie gegangen. Und er schaut so unbeirrt, dass man es sofort glaubt. Als er nach einem Jahr nach Leipzig zurück kommt, muss er nicht nur mühevoll lesen, schreiben und sprechen neu erlernen. Er muss auch lernen in einer neuen Zeit zu leben.
Hendrik Schröder: Und wie war dann das Gefühl, also als Sie wirklich so weit waren, als Sie realisierten, die Mauer ist offen. Die Geschichte ging noch weiter, die Wiedervereinigung kam. War das eine Freude, die sich nachträglich in Ihnen breit machte darüber ?
Christoph Wonneberger: Ja…Also… Es war natürlich schön, zu sagen, das ist durchlässig, die Grenze, nicht, aber, wo ich zum Beispiel nach einem Jahr wiedergekommen bin, hatte ich das Gefühl, ich bin nicht nach Hause gekommen. Ich kenn zwar die Gegend, aber die Bedingungen unter denen ich plötzlich lebe, die haben sich so dramatisch verändert, dass ich sie gar nicht bearbeiten kann, also hab mich gefühlt wie in der Fremde. Immer noch – ein Stück.
Hendrik Schröder: Sie haben vorhin gesagt, wären Sie im Westen geboren und aufgewachsen, Sie hätten sich auch dort eingemischt in die herrschenden politischen Verhältnisse. Wie ist das eigentlich heute im Jahr 2009, überkommt Sie da auch noch die Lust sich einzumischen und etwas zu verändern.
Christoph Wonneberger: Ich habe das Gefühl, die Möglichkeiten, da habe ich das Gefühl, die stehen mir nicht mehr so automatisch zur Verfügung. Also, wie , an welcher Stelle und wie sich da irgendwo einzubringen, also wie gesagt, das ist mir ein bisserl verloren gegangen.