Sa, 31.07.2010 | 09:43 Uhr
Unter dem Brückenbogen, auf dem die S-Bahn die Wollankstraße quert, staut der Verkehr. Hier, wo die Durchgangsstraße früher durch die Mauer in zwei Sackgassen zerschnitten war, wird jetzt gebaut. Das dicke Kopfsteinpflaster kommt raus, die Fahrbahn kriegt eine leisere Asphaltdecke.
Direkt am westlichen Bahndamm steht das Haus Wollankstraße Nummer hundert. Außen trägt der Altbau novembergrau, im Treppenhaus blättert bräunliche Farbe von den Wänden. Ingrid Möricke wohnt hier zwei Treppen hoch, seit 37 Jahren: "Das war eigentlich ein ruhiges, gemütliches Leben hier in der ganzen Gegend."
Nach dem Mauerfall war es aus mit der Gemütlichkeit, die Wohnstraße mutierte zum Autobahnzubringer. Wer über Pankow auf den Berliner Ring will oder von dort kommt, fährt durch die Wollankstraße. Auch große, schwere Lastwagen sind direkt unter Frau Mörickes Fenster über das Kopfsteinpflaster gebrettert, tageintagaus: "Das war sehr schlimm. Wir sind immer in den Betten gesprungen, sobald ein großer Wagen rüber gefahren ist, und wenn der noch beladen war mit irgendwas – wir sind immer gehoppst in den Betten."
Seit die Wollankstraße aufgerissen ist, wackeln die Wände nicht mehr so sehr, dafür stehen die Autos jetzt im Dauerstau. Ingrid Möricke vermisst ihren alten Kiez mit Fleischer-, Kurzwarenhändler und mit deutschen Nachbarn: "Es hat sich langsam so ergeben, weil es auch zu laut geworden ist, dass die meisten weggezogen sind, und so ist ein Geschäft nach dem anderen ausländisch geworden."
Laut ist es auch östlich des S-Bahndamms. Ein paar Häuser weiter Richtung Pankow hat Jenkels Zoohandlung seit 1931 im Dienste der Tiere gestanden, so ist es auf dem Schild über der Tür zu lesen. Dieser Dienst wurde jetzt quittiert. Jürgen Ollick, der das Geschäft von den Schwiegereltern übernommen hatte, räumt gerade den Laden aus. Nach dem Mauerfall hatte er erstmal neue Kunden von jenseits des S-Bahndamms gewonnen: " … sehr viel sogar. Wir hatten Kunden, die kamen aus der Seestraße, sogar aus der Osloer Straße, und viele kamen auch aus Reinickendorf. Aber es ebbte dann langsam ab."
Vor allem wegen der Konkurrenz durch Shoppingcenter.
Jürgen Ollick ist jetzt 65, er wohnt seit vierzig Jahren in der Wollankstrasse, im Ostteil. Auf dem westlichen Abschnitt fühlt er sich überhaupt nicht wohl: " … die lieben Ausländer alle. Da kann einer machen, was er will – ich kriege da einfach Angst, wenn vier oder fünf von denen mir entgegenkommen. Dann gehe ich auf die andere Straßenseite."
Ingrid Möricke aus dem Westen ist dagegen ganz selbstverständlich auch östlich des S-Bahndamms unterwegs: "Natürlich - ich habe ja meine Schwester auch im Osten. Für mich ist das eins und bleibt es auch so."
Ein Beitrag von Marie Asmussen.