Fr, 10.09.2010 | 16:49 Uhr
Der Nachwuchs aus ärmeren Familien in Deutschland gerät immer stärker ins Hintertreffen. 20 Prozent der Kinder fühlen sich bereits im frühen Alter massiv benachteiligt, so die World-Vision-Kinderstudie 2010. Sie blicken negativ in ihre Zukunft und trauen sich keinen erfolgreichen Schulabschluss zu. Es sei erschreckend, wie früh mangelndes Selbstbewusstsein und Hoffnungslosigkeit entstehen kann. Einer, der das genauso erlebt hat ist der junge Migrant Shahin Kara. Und doch hat er inzwischen angefangen, sich aus dieser Situation zu befreien. Marion Lucke hat ihn bei "promigra" im Berliner Bezirk Mitte getrofffen:
PC-Raum im Jugendmigrationsprojekt des Christlichen Jugenddienstes in Berlin Moabit. Drei Mädchen mit Kopftuch chatten gerade mit Bekannten im Internet. Zuhause dürfen sie das nicht. Eigentlich sollen sie üben, Bewerbungen zu schreiben. Ein Programmpunkt hier im Projekt. Shahin Kara hat einen anderen genutzt. Er hat bei einem Einzelbetreuer Nachhilfe in Mathe genommen. 20 Jahre alt ist der türkischstämmige Migrant, kurze dunkle Haare, ruhig, nachdenklich, seine Antworten kommen schüchtern. Aufgewachsen mit vier Geschwistern, drei davon jünger als er, wird er früh in die Verantwortung genommen:
"Ich habe sehr früh angefangen zu arbeiten neben der Schule - mit ungefähr 13 Jahren."
In der Auto-Werkstatt bei einem Cousin des Vaters war das. Spass gemacht hat das schon, sagt er. Er hat auch viel gelernt, aber wenig Geld bekommen für all das, was er machen musste. Misslich auch insofern, als er seine Familie damit finanziell unterstützt hat. Die Mutter war zuhause, der Vater LKW-Fahrer und selten anwesend. Das meiste vom Lohn hat er einbehalten. Wofür will Shahin so genau nicht sagen. Er spricht lieber von anderen Vätern in anderen Familien, es gab dort: "Alkohol, Drogen, Spielsucht. Ich hatte viele Freunde, die zuhause Schläge bekommen haben."
Gewalt und Kriminalität - damit ist er früh konfrontiert worden. Und wer in der Schule keiner Gang angehört, sieht alt aus, sagt er. Vor allem, wenn er die Sachen nicht hat, die grad angesagt sind. Viele klauen sie dann oder zocken andere ab, sagt Shahin. Er selbst hat da früh feste Prinzipien entwickelt. Hatte zu oft gesehen, wie solche Leute enden, um es ihnen nachzutun, auch wenn er manchmal dran gedacht hat.
Nebenher gearbeitet, zuhause nur türkisch gesprochen, er kam schlecht mit in der Schule, blieb mehrfach sitzen. Die Zeugnisse hat er versteckt. So richtig hinterher waren seine Eltern da auch nicht, sagt er. Zuletzt flog er vom Oberstufenzentrum, weil der Lehrbetrieb ihm gekündigt hatte - wegen Familienstreitigkeiten, sagt Shahin. Da hat er dann viel nachgedacht.
Ein sehr netter Lehrer hat ihn dann erst mal zur Nachhilfe an das Projekt "promigra" vom Christlichen Jugenddienst Berlin vermittelt. Und jetzt besucht er wieder das Oberstufenzentrum - er wil,l Kfz-Mechaniker werden.Dass der Weg noch mühsam wird, dass weiß er.