Mi, 08.09.2010 | 16:43 Uhr
Arm und Reich driften in Deutschland immer weiter auseinander. Das ist das zentrale Ergebnis einer neuen Studie des DIW Berlin zur Einkommensverteilung in Deutschland auf Basis von Daten des Sozio-Oekonomischen Panels (SOEP). Die Studie zeigt deutlich, dass nicht nur die Anzahl Ärmerer und Reicherer immer weiter wächst: seit zehn Jahren werden ärmere Haushalte auch immer ärmer.
Das Sparpaket der Bundesregierung wird nach Ansicht der Forscher die Kluft zwischen Arm und Reich vertiefen. Aber die Öffentlichkeit schaut da ungern hin. Mit einer Fokuswoche will die Nationale Armutskonferenz ab 19. Juni deshalb die Aufmerksamkeit fördern für das Schicksal von Menschen in Armut. Wie leben sie mit dem permanenten Mangel und welche Unterstützung bekommen oder bräuchten sie? Das fragt auch inforadio mit einer Portrait-Serie in dieser Woche.
Heute stellt Marion Lucke eine alleinstehende Frau vor, die mal gut verdient hat und dann auf Hartz IV abgerutscht ist
Der Balkon ist das Beste an Sabine Wagners Einraum-Wohnung in der Potsdamer Hochhaussiedlung. Da hat sie einen weiten Blick über die Stadt und es ist hell. Das war ihr wichtig als sie eine nach Hartz IV-Kriterien bezahlbare Unterkunft gesucht hat. Nicht auch noch so ein dunkles Loch, sagt sie: 29 m², 1 Zimmer, Duschbad, winzige Küche.
Frau Wagner hat grad den Wasserkocher angestellt, um Kaffee zu machen - Nescafé, der lässt sich leicht aufgießen. Den Zwei-Plattenherd benutzt sie nicht mehr. Den Kühlschrank hat sie abgestellt. Sie kauft von Tag zu Tag ein, sagt sie und nutzt als zweites elektrisches Gerät nur noch die Mikrowelle. Um Strom zu sparen, denn vor zwei Jahren hat sie ordentlich nachzahlen müssen. Denn bei dem knapp bemessenen Hartz-IV-Satz können kleinste Zusatzzahlungen schon einen Absturz verursachen.
Sie hat auch mal gedacht, wer erwerbslos wird, ist selber Schuld, sagt sie - als sie noch ihren festen Job auf einer kleinen Nordsee-Insel hatte. 20 Jahre hat sie dort gelebt, nachdem sie kurz vor der Wende noch einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Danach schult sie um zur Reiseverkehrskauffrau und managt dann eine große Ferienanlage auf der Insel. Vom neuesten Auto bis zur Fernreise konnte sie sich alles leisten damals. Zehn Jahre hat sie so gelebt, bis sich der Teilhaber ihres Chefs mit 25 Millionen ins Ausland abgesetzt hat und sie über Nacht ihre Arbeit verlor.
"Ich hab dann alle Jobs genommen, die zu kriegen waren, bei der Post, bei der Kurmittelverwaltung, als Kioskverkäuferin, noch mal drei Jahre in einer Mutter-Kind-Kureinrichtung , danach von einem Job zum nächsten."
Doch mit der Krise ebbt der Touristenstrom ab. Feste Stellen gibt´s immer weniger. Und die Zeiträume, für die sie Erwerbslosengeld beantragen muss, werden immer länger. Irgendwann fällt sie auf Hartz IV. Wenn man vorher so viel besser gelebt hat, sei das der absolute Kulturschock, sagt Fau Wagner.
Nach einem halben Jahr gerät sie in Streit mit der einzigen Jobcenter-Mitarbeiterin auf der Insel. Von da an wird sie schikaniert, sagt sie, muss Bescheinigungen abgeben mit Fristen, die gar nicht einzuhalten sind, erhält 3-Monats-Sperren mit jeweils 30 Prozent Leistungskürzung. Sie borgt sich durch bei Freunden. Die werden immer weniger. Sie wird krank:
"Das fing an mit Nichtaufstehenkönnen, ich hatte Panikattacken, Schlafstörungen, nichts ging mehr."
Depressionen. Sechs Wochen muss sie in eine geschlossene Klinik. Sie gibt auf danach auf der Insel, geht zurück nach Potsdam. Der Bekanntenkreis ist klein geworden und Sabine Wagner bitter. "Wenn Du Hartz IV beziehst, bist du doch nur noch Mensch zweiter Klasse“, sagt sie.