Sa, 31.07.2010 | 09:43 Uhr
Versöhnen über den Gräbern - das ist das Motto des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge. Gegründet nach dem ersten Weltkrieg kümmert sich die Organisation um die Suche nach verschollenen Soldaten, Umbettungen, die Pflege der mehr als 800 Kriegsgräberstätten - und die Jugendarbeit. Eine Arbeit, die auch von mehr als 10.000 Ehrenamtlichen getragen wird. Sebastian Ernst ist einer von ihnen. Stephan Ozsváth stellt ihn vor.
Ein Hörsaal in der Universität Potsdam. Der Raum ist überfüllt, alle Sitzreihen sind besetzt, selbst auf dem Boden um den Geschichtsprofessor sitzen die Studenten. Einer der Studenten in der Vorlesung ist Sebastian Ernst, 27 Jahre alt, blond, klein, drahtig.
Es geht um Eisenhower, Nixon, Kennedy - Kubakrise, Mauerbau, Vietnamkrieg, Rassenunruhen - ein anderthalbstündiger Ritt durch die Geschichte der USA. „Basti“ - wie ihn seine Freunde nennen, schreibt eifrig mit. Eigentlich ist er Tontechniker, jetzt will er Lehrer werden, obwohl er das nach dem Abitur ausgeschlossen hat, erzählt er in der Uni-Cafeteria.
Sebastian Ernst: Das war sozusagen definitiv die Ansage: Eine Sache werde ich definitiv nicht - und das ist Lehrer. Ich habe dann erst was anderes studiert, gearbeitet und habe dann den Beruf nicht mehr machen können, so wie ich es mir vorgestellt hatte. Und dann habe ich gesagt: O.K., mit Jugendlichen arbeiten ist ja doch schon irgendwo mein Ding. Jetzt mache ich Lehrer für Deutsch und Geschichte.
Seine Mutter hat schon hier studiert. Sie unterrichtet Englisch. In der Nacht hat er noch ein Referat vorbereitet - über Sprachlerntagebücher, die in vielen Kitas benutzt werden. Nebenbei engagiert sich Basti beim Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge in der Jugendarbeit. Über seine Kollegin Corinna Neumann ist er zu der Organisation gekommen.
Corinna Neumann: Jedes Jahr hat das internationale Jugendlager das Problem, dass es kein vollständiges Team hat. Dann bin ich zu Basti gelaufen, habe gejammert: Hilfe, Hilfe, Basti.
Sie brachte ihn mit zu Anita Wedel im Potsdamer Büro des Volksbundes. Die Rot-Haarige, die in der DDR Lehrerin war, erinnert sich an die erste Begegnung mit "Basti".
Anita Wedel: Basti ist ein sehr kritischer Kopf, der unheimlich schnell eine Situation erfasst. Er ist unheimlich kreativ. Aber es ist nicht so eine Kreativität, die schnell mal dahin geschlunzt ist, sondern da ist ein enormer Hintergrund an Wissen. Und wir haben im Schnitt im Jahr über 60 Jugendlager. Und wenn wir keine ehrenamtlich tätigen Jugendlichen hätten. Das wäre nicht möglich.
Sebastian Ernst: Auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof an der Michendorfer Chaussee sind wir jetzt. Das ist die Kriegsgräberstätte, auf der wir letztes Jahr gearbeitet haben - und auch dieses Jahr wieder arbeiten werden. Wenn man vom Eingang her kommt, sind dort diese Grabsteinfelder. Das sind diese Steinplatten mit den Gedenktafeln drauf, wo die Namen drauf stehen - wenn sie denn bekannt sind. Und da haben wir z.B. im vorderen Bereich des Friedhofs diese Inschriften erneuert. Die Jungs haben - mit mir zusammen - auf den Wegen Wasserleitungen verlegt.
Mehr als 30 Jugendliche krempeln auch in diesem Sommer die Ärmel hoch - ehrenamtlich - so wie er: Sie kommen aus Deutschland, Russland, Weissrussland. Schweiß schweisst Völker zusammen. Opfert Basti, Vater eines Vierjährigen, deshalb mehr als zwei Wochenenden pro Monat für das Ehrenamt?
Sebastian Ernst: Ich engagiere mich, weil ich denke, dass es wichtig ist, dass andere auch die Chance bekommen, Dinge zu begreifen , die mit Frieden, Demokratie, unserem Leben und unserer Vergangenheit etwas zu tun haben.