Sa, 31.07.2010 | 09:55 Uhr
In den letzten Tagen haben wir Mario Röllig bei seiner ehrenamtlichen politischen Arbeit begleitet. Er ist Teil unserer Serie hier im Inforadio zum politischen Ehrenamt. Heute erleben wir ihn als Zeitzeugen. Er erzählt Schülern aus seinem Leben und Dörthe Nath hat dabei zugehört:
12 Schüler sind mit ihren Betreuern in das Kreativhaus auf der Fischerinsel in Berlin-Mitte gekommen. Die 12- bis 15-Jährigen nehmen am Sommercamp der Juniorakademie für Hochbegabte teil und beschäftigen sich in ihrem Geschichtskurs auch mit der DDR.
Mario Röllig: "Schön, dass ich hier sein kann."
Mario Röllig sitzt als Zeitzeuge mit im Stuhlkreis. Er spricht von seiner Jugend in der DDR, von seinem Coming-Out als Schwuler und wie er sich dann in einen westdeutschen Staatssekretär verliebte. Zwölf Augenpaare sind auf ihn gerichtet und verfolgen seine Geschichte. Wie die Stasi ihn anwerben wollte und wie er dann, nachdem er sich weigerte, seinen Geliebten zu bespitzeln, seine Stelle als Kellner am Flughafen Schönefeld verlor. Er musste als Tellerwäscher in einer Bahnhofsgaststätte arbeiten.
Mario Röllig: "Da war der Fluchtversuch mein letzter Ausweg. Großartig Gedanken habe ich mir nie gemacht darüber - aber, dass ich da im Gefängnis landen könnte, das habe ich riskiert, weil ich wusste, der wartet im Westen auf mich."
Die Schüler fragen nach seinen Eltern, dem Schwulsein, dem Fluchtversuch, den Haftbedingungen und was aus seinem Freund geworden ist. Mario Röllig antwortet ausführlich und erzählt ihnen auch, dass er, als er im Westen war, an der Tür seines Freundes klingelte. Ihm öffnete ein junges Mädchen.
Mario Röllig: "Ganz irritiert drehte sie sich um und sagte: 'Vater, kannst Du mal kommen?' Und in dem Moment wurde mir klar: Mein Gott – der hat ja eine Familie. Der stand dann kreidebleich in der Eingangstür seines Hauses, wir guckten uns ein paar Momente an und seitdem haben wir uns eigentlich nie wieder gesehen."
Es ist kaum Bitterkeit zu spüren, wenn Mario Röllig erzählt. Nur dann wenn er von den ehemaligen Stasi-Mitarbeitern spricht, die noch immer im Öffentlichen Dienst beschäftigt sind und auch in der Stasi-Unterlagenbehörde. Kurz zuvor ist seine Stasi-Akte ihm unerwartet als Theaterrequisite auf der Bühne in die Hände gefallen. Wie sie dorthin kam ist nicht klar, aber manche äußern den Verdacht, dass ehemalige Stasi-Mitarbeiter ihn erschrecken wollten.
Geschichtslehrer Martin Klingenfuß ist zufrieden mit dem Zeitzeugengespräch. Mario Röllig kannte er schon von seinen Führungen durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen.
Martin Klingenfuß: "Ich finde, es ist nicht irgendein Zeitzeuge, irgendjemand, der da mal eingesessen hat. Er hat eine bestimmte Art, die Jugendlichen anzusprechen."
Die sehen nach eineinhalb Stunden zwar ein bisschen müde aus, die Fragen werden deshalb aber nicht weniger. Während Erwachsene eher bei der Aufarbeitung der Diktatur nachhaken, interessiert Schüler eher der Alltag von Jugendlichen in der DDR, sagt Mario Röllig.
Mario Röllig: "Gerade, wenn es den Intimbereich berührt, dann muss ich schon überlegen: antworte ich jetzt oder nicht. Also gerade auch im Gefängnis bestimmte Situationen, weil die ja auch bis heute peinlich sind. Ich bemühe mich da schon, recht objektiv möglichst alles zu beantworten."
Und mit dieser Haltung hat er schließlich bei den Schülern alle Sympathien auf seiner Seite.
Verschiedene Schüler: Also ich fand es auf jeden Fall sehr beeindruckend, die Geschichte. Wenn es denn einer wirklich aus der eigenen Erfahrung erzählt, das ist schon noch was anderes. Und ich fand toll, wie offen er über alles geredet hat.