Do, 23.02.2012 | 03:19 Uhr
Zu Gast bei Ingo Kahle: Christopher Lauer, MdA
Wie die Piraten lernen, Politik zu machen.
Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im letzten September barg eine Überraschung. Die "Piraten-Partei" wurde ins Abgeordnetenhaus gewählt. Der Abgeordnete Martin Delius sagte dazu in einer ARD-Reportage: "Eigentlich ist das der Befreiungsschlag einer Generation." Dieser Satz - ob mit oder ohne Fragezeichen - dient als Überschrift für dieses Gespräch.
Es geht darin unter anderem um das Private und das Öffentliche. Die Piraten fordern Datenschutz ein, viele von ihnen breiten ihre Privatsphäre aber auf eine Weise im Internet aus, dass man sich fragt, ob die Würde des Menschen durch sie selbst und nicht durch das Datensammeln von Behörden gefährdet ist. Christopher Lauer hält sein Privatleben eher bedeckt, hat aber gerade in der ARD-Reportage des RBB-Redakteurs Thorsten Mandalka bekannt, dass bei ihm im vergangenen Jahr ADHS diagnostiziert wurde, das Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom. Er nimmt deshalb ein Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat, das zum Beispiel in dem bekanntesten Präparat Ritalin enthalten ist. Über dieses Thema sagt Christopher Lauer in dieser Sendung:
"Die Motivation dahinter, mich quasi als ADHSler zu outen war einfach die, dass ich 27 Jahre ohne eine Diagnose gelebt habe. Meine normale Welt war für mich in Ordnung. Ich habe aber auch gemerkt, ok, an vielen Stellen ecke ich einfach an. Und ich konnte es mir halt nicht so richtig erklären. Durch diese Diagnose und dadurch, dass ich Methylphenidat nehme, eröffnet sich mir da gerade eine neue Welt. Was ich aber als großes Glück empfinde. Ich nehme nicht Methylphenidat gegen ADHS, sondern wegen. Ich versuche es also nicht zu bekämpfen, sondern ich versuche es in Bahnen zu lenken. Denn ich habe auch wahnsinnig viele Vorteile dadurch, muss ich einfach sagen. Also was die Auffassungsgabe angeht, in komplexen Situationen viele, auch kleine, Details zu sehen, die zusammen zu fügen. Die Art und Weise zu denken. Ich empfinde es tatsächlich als Vorteil und ich merke aber auch dass ich dann im Sozialen teilweise an meine Grenzen gestoßen bin. Und da hilft mir auch Methylphenidat explizit in diesen Situationen, mit ADHS besser umzugehen. Also ich sehe mich jetzt nicht als jemand, der unter einen schlimmen Krankheit leidet. Ich habe eine andere Wahrnehmung, das geht runter auf die Biochemie, ins Gehirn und überall rein. Nicht nur ich lebe mit dieser anderen Wahrnehmung, sondern schätzungsweise drei bis fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland. Und ADHS ist aber in den Medien in der Öffentlichkeit ein Thema, wo es darum geht, ob es eine Kinderkrankheit ist. Es wird nach dem Motto thematisiert, "es ist eine Modekrankheit". Da kümmern sich Eltern nicht um ihre Kinder und dann gibt es halt als Entschuldigung ADHS. Und dann wird gesagt, ja jetzt müssen wir die alle ruhig stellen. Mir geht es hier nicht um mein persönliches Schicksal. Mir geht es darum, durch die Öffentlichkeit, die ich habe, an dieser Stelle auf einen ja auch sehr persönlichen Fakt hinzuweisen und dadurch auch eine Diskussion in Gang zu kriegen, wie man mit ADHS bei Erwachsenen und auch bei Kindern anders umgeht. Dass man eben die Stärken auch betont. Und dieses Medikament Methylphenidat nicht dazu einsetzt, um gerade Kinder in irgendeine Norm zu pressen. So von wegen "Euer 'normal' ist aber nicht das akzeptierte 'normal, Ihr müsst jetzt aber so und so sein", sondern dass man sagt, ok, setzt es bitte sehr bewusst ein. Schaut wo ihr Vorteile habt und schaut aber auch, wo man mit diesem Medikament Nachteile ausgleichen kann. Und das ist meine Motivation und mein Bekenntnis dazu. Das hat in der Vergangenheit sicher dazu geführt, dass ich natürlich auch im sozialen Kontext und im Parteienkontext in Situationen überreagiert und die falsch eingeschätzt habe und mir Methylphenidat da die Möglichkeit eröffnet, zurückzutreten und Situationen anders zu bewerten."
Christopher Lauer ist Jahrgang 1984, geboren in Simmern im Hunsrück, aufgewachsen in Bonn. Neben der Schule studierte er seit der 11. Klasse Physik. Er war, wie er bekennt, in der irrigen Annahme, damit seine Mitschülerinnen auf sich aufmerksam machen zu können.
Das Physikstudium brach er später ab, kam nach Berlin, jobbte, studiert schließlich an der TU-Berlin Wissenschafts- und Technikgeschichte. Ein Jahr lang war er - 2010 - 2011 - politischer Bundesgeschäftsführer der Piratenpartei. Bei der Abgeordnetenhauswahl 2011 erhielt er im Wahlkreis Pankow 8 zwar lediglich 11,8 Prozent der Erststimmen, aufgrund des guten Zweitstimmen-Ergebnisses der Piraten - 8,9 Prozent - gelangte er von Platz 10 auf der Landesliste auf einen Sitz im Berliner Abgeordnetenhaus.