Das vom der Nachrichtenagentur Aamaqm, die der Terrormiliz Islamischer Staat zugerechnet wird, am 11.12.2016 veröffentliche Foto zeigt die archäologischen Stätten der Stadt Palmyra (Bild: Aamaqm/AP/dpa)

- Virtuelle Archäologie

Fremde Welten mit der 3D Brille erkunden - das ist zunehmend ein spannendes Abenteuer als Spiel aber auch im Reisebüro. In der Gaming-Industrie ist Virtual Reality momentan die angesagte Technologie. Aber es müssen ja nicht immer fremde Welten sein, die man erkundet. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin wollen Game Designer und Archäologen gemeinsam historische Ruinen und verlorene Orte zum Leben erwecken. Archäologische Forschung mithilfe von Spieletechnologie. Felix Schledde über Archäologie, die nicht nur in der Erde, sondern auch in Pixeln buddelt.

Die Sonne brennt an einem wolkenlosen Himmel über den Ruinen eines antiken Tempels. An einigen der eingefallenen Mauern sind uralte Reliefs und Muster zu sehen, die trotz ihres Alters noch gut erkennbar sind. Berühren ist nicht verboten, aber unmöglich. Denn die Tempelruine existiert nur virtuell und liegt eigentlich ganz woanders.

"Was Sie jetzt hier sehen ist quasi der Tempel des Wettergottes. Und der steht oben auf der Zitadelle in Aleppo. Ein Ort, an den jetzt gerade keiner hin kann, da sitzt ausschließlich das syrische Militär. Und wir wissen auch nicht, ob der Ort in der Art und Weise aufgrund der Kriegshandlungen noch erhalten ist." Der Tempel verschwindet, stattdessen stehen wir nun wieder in einem großen schwarzen Kubus, dem sogenannten VR-Lab an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Hier ist das Reich des Game Designers Thomas Bremer. In Zusammenarbeit mit Archäologen des Fachbereiches Gestaltung, Konservierung und Restaurierung arbeitet er an der Arbeitsgruppe "Virtuelle Archäologie". Die hat es sich zum Ziel gesetzt Visualisierungstechnologien wie die Computerspieltechnologie für archäologische Forschung nutzbar zu machen.

Thomas Bremer: "Sie können die Sachen ziehen, Sie können die Sachen skalieren. Das ist ja eben genau nicht das Ding, dass meine Welt simuliert ist, sondern plötzlich sind Sie in der Größe einer Maus. Sie können in dieser Größe ganz andere Dinge entdecken." Durch 3D Brillen taucht man mitten in die historischen Orte ein. Man bewegt sich per Controller. Mit dem kann man heran und heraus zoomen und sich (ähnlich wie bei der Straßenansicht von Google Maps) an neue Punkte im Gebäude setzen. Der Archäologe Kay Kohlmeyer arbeitet gemeinsam mit Bremer an der Arbeitsgruppe virtuelle Archäologie. Die größte Chance an der neuen Technologie ist für ihn:  "..dass wir unabhängig von dem eigentlichen Objekt Forschungen durchführen können, aber natürlich auch Visualisierungen. Beispielsweise für Museumsbesucher. Also es geht die Spanne von wissenschaftlicher Forschung bis hin zu Museumsvisualisierung."

Vom Frühjahr 2010 bis Ende 2011 wurden für das Projekt Vermessungsarbeiten am Tempel in Aleppo vorgenommen. Mithilfe eines Laserscanners wurden die Tempelmauern, Böden und Reliefs detailliert aufgezeichnet und als sogenannte Punktwolken am PC rekonstruiert. Diese Punktwolken werden dann in Polygone umgewandelt – rechteckige Formationen, aus denen die Computergrafik besteht deren enorme Zahl eine der größten Herausforderungen bei der Übertragung darstellt. Thomas Bremer:  "Die sind dann bei den Originalscans immer noch extrem hoch, also wir reden teilweise von hundert Millionen Polygonen für diese Objekte. Und wir müssen die für die Game Engines reduzieren auf 10.000, 80.000 Polygone. Manchmal auch 200.000 Polygone, je nachdem wie groß das Setting ist. Und dazu verwenden wir klassische Reduktionstechniken, die man auch in Computerspieltechniken verwendet. Dadurch machen wir diese Objekte in Echtzeit ansehbar."

Die Vermessungen wurden kurz vor Beginn des syrischen Bürgerkriegs beendet. Ein Glücksfall, denn so konnten die Tempelreste nicht nur für die archäologische Arbeit aufgezeichnet, sondern auch für die Nachwelt archiviert werden. Sollten die Ruinen tatsächlich den Kriegshandlungen zum Opfer gefallen sein, besäßen Menschen in der Zukunft auf diese Weise noch immer die Möglichkeit, den historischen Ort über eine 3D Brille aufzusuchen und zu erfahren. Eine Archivierungsmethode, die bei bedrohten Gebäuden und Denkmälern in der ganzen Welt angewandt werden könnte. Vorausgesetzt es bleibt Zeit, diese Orte mit viel Arbeitsaufwand und Präzision zu vermessen. Thomas Bremer: "Man sieht es an Palmyra, da hat man es nicht gehabt im Vorfeld. Und was man in Palmyra jetzt teilweise gemacht hat, ist Rekonstruktion auf der Basis von Fotos, aber das ist niemals so genau wie diese Laserscan-Technologien."

Bisher wird die VR-Technologie nur im kleinen Forschungskreis der Archäologen angewandt. Und das in noch recht pixeliger Form. Bremer schätzt aber, dass sie in ca. 10 Jahren detailliert und verbreitet genug sein wird, um untergegangene Orte auch einem breiten Publikum in beinahe lebensechter Grafik zugänglich zu machen. Dabei können Game Design und Computertechnologien nicht nur helfen, die analoge Welt erfahrbar und erforschbar zu machen. Auch Computerspiele können auf der anderen Seite von den archäologischen Verfahren lernen. Thomas Bremer: "Wir lernen aus den anderen Sachen auch was für die Spiele. Anfänglich war nicht daran zu denken, dass zum Beispiel Photogrammetrie, womit man echte Welten scannen kann, für die Spielwelten eine Relevanz haben. Aber in Zukunft wird das als Medium, um etwas zu konstruieren auch interessant sein."

Sendung

Der Roboter I2D2s mit seinem Erfinder Christoph Hocke (Bild: dpa)

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Was ist wissenswert in Naturwissenschaft und Technik? Auf diese und andere Fragestellungen rund um Wissenschaft und Forschung geben Thomas Prinzler und  Kollegen Antworten.