Fr, 03.09.2010 | 04:48 Uhr
In Berlin haben die Nationalsozialisten die Ermordung der europäischen Juden geplant - etwa sechs Millionen Menschen wurden zu Opfern des Rassenwahns. Rund 70 Jahre später ist der Holocaust in der Stadt präsent: in Form von Mahnmalen und Gedenkstätten - aber auch in der Wissenschaft. Die Freie Universität Berlin ermöglicht dabei Forschern, Studenten und Schülern Zugang zum größten Zeitzeugen-Archiv von Holocaust-Überlebenden. Axel Dorloff hat sich das Archiv zeigen lassen.
Archivaufnahme des Zeitzeugen Werner Bab: "In der Schule waren wir also zwei jüdische Mädchen und ich. Und ich als Junge ich wurde ständig verprügelt. […] Es fing an, schon sehr, sehr schwierig zu werden“
Werner Bab ist Überlebender und Zeuge des Holocaust. Eine Aufnahme aus dem weltweit größten historischen Video-Archiv: dem Visual History Archive an der FU Berlin. Wie auch das Interview mit Rosel Bibo.
Archivaufnahme der Zeitzeugin Rosel Bibo: "Sie sind ja Jüdin und außerdem noch Ausländerin. Sie gehören ja gar nicht auf diese Schule. Und dann bin ich von dieser Schule, dann hat mich meine Mutter runter genommen."
Während der Dreharbeiten zum Film "Schindlers Liste", hat der amerikanische Regisseur Steven Spielberg 1993 die Idee, die Lebensgeschichte von Holocaust-Überlebenden zu archivieren. Von Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas oder Homosexuellen.
OT Steven Spielberg: "I remember talking to a lot of holocaust survivors during the production of Schindler’s List. It was one of the first moments that made me realize that there were many, many stories needed to be told.”
Steven Spielberg gründet die Shoa-Stiftung. In 56 Ländern und 32 Sprachen werden etwa 52.000 Interviews geführt. Die Shoa-Stiftung ist mittlerweile Teil der Universität von Südkalifornien. Und die FU Berlin ermöglicht seit 2006 als erste Institution Europas den vollen Zugang zum Archiv.
Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Verena Nägel betreut an der FU das Holocaust-Archiv. Sie zeigt am Computer die verschiedenen Suchmöglichkeiten: nach Personen, Schlagworten oder Biographien.
Verena Nägel: "Man kann nach den Verfolgungshintergründen und dann aber nach dem persönlichen Hintergrund suchen. Ich kann das hier mal an den jüdischen Überlebenden zeigen. Man sieht 48.848 jüdische Überlebende sind […] für das Archiv interviewt worden. Und jetzt kann man sich angucken: welche sind in Berlin geboren zum Beispiel."
Dann bleiben: 1.325 Interviews mit jüdischen Überlebenden und Geburtsort Berlin. 72 davon in deutscher Sprache. Ganz oben auf der Liste: Gad Beck. Er erinnert sich an seine Schulzeit in Berlin-Weißensee.
Gad Beck: "Ich war der Prototyp eines süßen, kleinen Burschen. Und dann kam Hitler. Und es änderte sich eigentlich innerhalb von ein, zwei Monaten. […] Die mussten sich ihre braunen Uniformen kaufen. […] Und so langsam färbte sich die Klasse. So langsam passierte es auch, dass sie mich nicht nach Hause brachten und dass sie nicht mich ansprachen.“
Allein an der FU wird jedes Semester in rund zehn Lehrveranstaltungen mit dem Archiv gearbeitet. Literaturwissenschaftler, Filmwissenschaftler, Judaisten, Psychologen. Und natürlich: Historiker. Gertrud Pickhan ist Professorin für Geschichte am Osteuropa-Institut.
Getrud Pickhan: "Das Archiv ist denke ich in zweierlei Hinsicht für die Holocaust Forschung sehr bedeutsam. Das eine ist […] das breite Feld der Erinnerung, der Erinnerungsmuster. Das andere Feld […] ist die eigentliche Geschichte des Holocaust. Denn es hat sich […] herausgestellt, dass diese so genannten Opferberichte zum Teil viel genauer, viel detaillierter sind als die Akten, die die Täter zurückgelassen haben.“
Seit etwa einem Jahr ermöglicht die FU auch kleineren Institutionen, auf das Archiv zuzugreifen. Und macht die Zeitzeugen-Berichte auch für schulische Bildung verfügbar. Schulklassen können das Archiv nutzen, außerdem gibt es bereits eine Lernsoftware für den Unterricht.