Sa, 31.07.2010 | 09:33 Uhr
Elektropolis, das ist ein Kunstwort aus Metropolis und Elektrik. Das eine erinnert an den modernen Großstadt-Film von Fritz Lang, das andere an die Anfänge der Elektrotechnik, die in Berlin gelegt wurden. Die Straßenlampen, Straßenbahnen und Privathaushalte forderten viel Energie und damit große Kraftwerke. Einer der Prototypen ist das Kraftwerk Klingenberg. Neela Richter war dort.
Das Gebäude ist schon von weitem markant, nicht nur wegen der Schornsteine: dunkelrote Klinker-Architektur, spitz, streng, expressionistisch, fast gotisch wirkt das Kraftwerk Klingenberg in Rummelsburg, mittlerweile ist es denkmalgeschützt. Und der Blick vom elfstöckigen Verwaltungshochhaus über die Stadt und das Werk ist fantastisch - findet auch Kraftwerksleiter Harald Flügel.
Harald Flügel: "Im Hintergrund der Fernsehturm, der Treptower, das Frankfurter Tor mit seinen beiden bezeichnenden Türmen. Ganz weit hinten am Horizont sieht man das Kraftwerk Reuter West und davor noch das Rote Rathaus und den Berliner Dom."
1927 geht das Kraftwerk der AEG ans Netz - und ist das größte und modernste in Europa. Die Leistung: 270 Megawatt Strom. Es soll den Elektrizitätshunger der Großstadt Berlin stillen. Der Ingenieur Georg Klingenberg macht sich mit seinem Entwurf einen Namen, sein Bruder baut mit einem Kompagnon das markante Werk. Ein architektonischer wie auch technischer Aufbruch in die Moderne, sagt Hubert Staroste vom Landesdenkmalamt.
Hubert Staroste: "Man hat mit Kohlenstaubfeuerung gearbeitet, das bedeutete, dass man die Temperaturen in den Kesseln hochbekam und dadurch leistungsfähige Turbinen anschieben konnte, so dass man dann Turbinensätze hatte, wo eine Hochleistungsturbine 80 MW erzeugen konnte. Das waren damals die größten Turbinen weltweit. Und das war sozusagen ein Kraftwerk, das mit drei Turbinensätzen 270 MW Strom erzeugte und das war damals eben der technische Höchststand."
Großkraftwerke in aller Welt werden nach dem Klingenbergschen Prinzip gebaut. Ungefähr siebzig sollen es zu seinen Lebzeiten werden, von Baku bis Buenos Aires. Klingenberg, geboren 1870, ist einer der ersten, der an der Technischen Hochschule Charlottenburg Elektrotechnik studiert. Er ist AEG-Mitarbeiter und Assistent des ersten Ordinarius, Adolf Slaby. Später lehrt er selbst - über die "Erzeugung und Verteilung elektrischer Energie". Sein Kraftwerk gehört zu den Lieblingsstücken des Denkmalpflegers Hubert Staroste.
Hubert Staroste: "Obwohl es jetzt später in den 70er Jahren durch den neuen Kraftwerksblock sehr stark verstellt ist, ist das Werk weitgehend in seiner ursprünglichen Form noch erhalten. Und deswegen ist es für uns Denkmalpfleger das Interessanteste, zumindest was Kraftwerke der 20er Jahre betrifft.
Die Fassade ist dieselbe - auf Fotos der dreißiger Jahre erkennt man es groß im Hintergrund, während die Berliner vorne in der Spree planschen. Aber das Kraftwerks-Innenleben wurde längst komplett ausgetauscht, sagt Kraftwerks-Leiter Harald Flügel: "Zu Klingenbergs Zeiten war der Grundprozess mit Sicherheit schon stark ähnlich wie heute. Damals war es ja eine reine Strom erzeugende Anlage und heute arbeiten wir nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung, das heißt, wir erzeugen zwei Produkte gleichzeitig. Einmal Strom und als bedeutenden Teil die Fernwärme."
Und in der Spree schwimmt auch schon lange niemand mehr. Beinahe wäre Georg Klingenberg nicht für Kraftwerke, sondern für seinen Auto-Entwurf berühmt geworden - den Klingenberg-Wagen baut ebenfalls eine AEG-Tochter.