Fr, 10.09.2010 | 15:33 Uhr
"Sie haben Krebs." Keine andere Diagnose versetzt Menschen so in Panik wie diese. Wo gibt es Hilfe? Und womit befassen sich Grundlagenforscher? Der 61-Jährige Peter Michael Schlag ist eine Schlüsselfigur der Berliner Krebsmedizin. Der mehrfach preisgekrönte Chefarzt war lange ärztlicher Direktor der Robert-Rössle-Klinik in Berlin-Buch. Seit fünf Jahren leitet er die Berliner Krebsgesellschaft und seit einem Jahr das neue "Charité Comprehensive Cancer Center", eines von zehn Spitzenzentren in Deutschland. Wer ist Peter Michael Schlag? Lisa Steger hat ihn getroffen.
Stolz führt Peter Michael Schlag durch den Altbau in der Berliner Invalidenstraße. Hier, in einem der ältesten Häuser der Charité, arbeitet seit einem knappen Jahr das "Charite Comprehensive Cancer Center". Das Zentrum hat 25 feste Mitarbeiter. Peter Michael Schlag öffnet die Tür zu einem Saal - hier diskutiert sonst das so genannte "Tumorkonzil" über krebskranke Charité-Patienten:
Schlag: "Wir sind hier in einem Telekonferenzraum. Das ist ein Raum, in welchem wir interdisziplinäre Patientenbesprechungen durchführen und über die Technik mit verschiedenen Ärzten kommunizieren können. Sowohl mit Ärzten innerhalb des Klinikums selbst, aber auch mit Ärzten im niedergelassenen Bereich oder in anderen Krankenhäusern. Es haben 25 bis 30 Leute Platz."
In einem kleinen Büro arbeiten Männer an Computern. Sie speichern die Daten aller Patienten und werten sie aus - anonym, wie der Professor betont.
Schlag: "Wir möchten unsere Therapien und Entscheidungen transparent machen. Daran hapert es noch weltweit: Dass man einfach noch nicht genau und nicht schnell genug nachvollziehen kann, welche Therapien mit welchen Nebenwirkungen zu welchem Ergebnis geführt haben."
Seit seiner Facharztausbildung in den siebziger Jahren hat sich der gebürtige Passauer ununterbrochen mit Krebsmedizin beschäftigt. Er weiß: Krebs ist nicht gleich Krebs. Die Grundlagenforschung habe riesige Fortschritte gemacht - vor allem mit Hilfe der Molekularbiologie.
Schlag: "Was wir in den letzten zehn Jahren über Krebs erfahren haben, das ist ganz enorm und hätte sicher vor 30 Jahren niemand so unbedingt voraussehen können. Die Aufbruchstimmung besteht darin, dass wir eben durch neue Forschungsmöglichkeiten und -ansätze viel mehr über die Ursachen und die Abläufe gelernt haben, wie Krebs überhaupt entsteht."
Wenn jemand Krebs hat, sollten alle ihn behandelnden Ärzte die Patientendaten austauschen dürfen, fordert Peter Michael Schlag. Zurzeit verbietet das der Datenschutz. Deshalb, kritisiert Schlag, gebe es oft einen regelrechten Wildwuchs in der Behandlung. Man bekämpfe die Symptome, doch nicht den Krebs selbst. Ungenau, aber teuer, lautet sein Urteil über die deutsche Krebsmedizin.
Schlag: "Heute wird sehr viel Geld auch in Therapien investiert, von denen wir mit den neuen Methoden von vornherein sagen können, dass sie wirkungslos sind bei dem entsprechenden Patienten. Das ist die Konsequenz, die man ziehen muss: dass man sich von Dingen verabschiedet, von denen man weiß, dass sie dann nicht mehr wirklich zum Ziel führen können."
Eine Behandlung nach Maß - weg von Therapien, die nur belasten, aber nicht helfen - das "Comprehensive Cancer Center" soll in den nächsten Jahren die Grundlagen dafür legen. Peter Michael Schlag selbst bleibt Realist. Er weiß, dass es kein Wundermittel gibt. Und dass er auch weiterhin nicht alle Patienten wird heilen können.
Ein Beitrag von Lisa Steger