Symbolbild, Smartphone, Empathie
Colourbox, Lev Dolgachov
Bild: Colourbox, Lev Dolgachov

- Marie-Luise Angerer: Smartphones werden empathisch

Smartphones werden nicht nur technisch immer fähiger, sie lernen immer besser, die Gefühle und Stimmungen ihrer Besitzer zu lesen und zu deuten. Mit diesem vielversprechenden, aber auch nicht risikolosen Aspekt der modernen Technologie beschäftigt sich die Medienwissenschaftlerin Marie-Luise Angerer. Johannes Frewel spricht mir ihr über Fluch und Segen der empathischen Maschinen.

Smartphones, die Wünsche und Stimmungen tatsächlich von den Augen ablesen - mit diesen Technologien werden die Smartphones der nächsten Generation um die Gunst ihrer Käufer werben. Was bedeutet das, wenn Emotionen und Empathie unser digitales Kommunikationsverhalten wesentlich beeinflussen, welche Risiken sind damit verbunden?

An der Universität Potsdam befassen sich  Experten mit dieser Frage. Eine von ihnen ist die Medienwissenschaftlerin Marie-Luise Angerer. Sie erläutert die "digitale Transformation von Emotionen" so: "Die medientechnische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten beeinflusst nicht mehr nur stark unsere Wahrnehmung, sondern adressiert vor allem unsere Gefühle und Affekte."

""Affective Computing": Maschinen erkennen unseren Gesichtsausdruck

Diese Entwicklungen sind natürlich vor allem für Politik und Wirtschaft höchst interessant, so Angerer: "Das ist eine Art Stimmungsmanipulation. Wir werden in gute Stimmung gebracht, um bestimmte Dinge wahrzunehmen, gut zu finden oder schlecht zu finden, sich aufzuregen. Das ist nämlich die andere Seite: Das Internet ist mittlerweile ein 'Wutforum' geworden, wo Leute mit einer unglaublichen Begeisterung ihre Wutausbrüche inszenieren und aller Welt mitteilen, was sie scheiße finden. Das ist eine Emotionsentladung, die offensichtlich diese neuen, digitalen Medien wunderbar verstehen."

Ein weiterer Aspekt Angerers Arbeit ist das sogenannte "affective computing": Maschinen sollen künftig in der Lage sein, unsere Gesichtsausdrücke verlässlich zu lesen und dementsprechend darauf zu reagieren. In gewisser Weise ist es schon jetzt so, dass uns unser Smartphone  zwar nicht besser versteht, als wir selbst das tun, aber es kennt uns unter Umständen besser als wir selbst: "Es zeichnet alles auf, was von ihnen kommt, es ist eine unendliche Speicherkammer von all dem, was sie da hineintippen – und dieses Gerät vergisst nicht."

Welche Risiken die Entwicklung mit sich bringt, wie sie den öffentlichen Diskurs verändert, ob emotional wirkende Technologien reguliert werden sollten und können und welche Rolle die steigenden Preise für die modernen Geräte spielen, darüber spricht Wirtschaftsreporter Johannes Frewel mit Medienwissenschaftlerin Marie-Luise Angerer.

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Smartphones werden empathisch

Seit etwa 20 Jahren wird geforscht, wie Computer menschliche Gefühlsäußerungen verstehen und darauf reagieren können. Ob jemand glücklich, unzufrieden oder gar zornig ist, ändert seine Erwartungen an das Gerät. Nachdem der Smartphonemarkt weitgehend gesättigt ist, bringen Hersteller erste empathische Technologien auf den Markt, damit Kunden wieder zugreifen. Ein Beitrag von Johannes Frewel.