Ein Fliege sitzt am 14.09.2015 neben Regentropfen auf einem Grashalm
dpa, Julian Stratenschulte
Bild: dpa, Julian Stratenschulte

- Insektensterben in Deutschland

Fliegen, Mücken und Wespen gehören sicher nicht zu den Tieren, die wir richtig gerne um uns haben. Aber ganz ohne diese Summer und Brummer wäre es auch nicht gut. Deshalb hat das kürzlich vorgelegte Ergebnis einer Langzeitstudie europäischer Forscher für ziemliches Erschrecken gesorgt. Danach hat sich die pure Menge - also das Gewicht - der über die Jahre in deutschen Naturschutzgebieten eingefangenen Fluginsekten von 1989 bis 2016 um 76 Prozent reduziert. Wie ist das zu erklären und was für Folgen kann dieser rapide Schwund haben? Darüber hat Marie Asmussen mit dem Berliner Insektenkundler Jens Esser gesprochen.

Jens Esser, Entomologe

Das Ergebnis der Studie habe ihn "erschüttert, überrascht, aber auch ein bisschen das Bauchgefühl bestätigt" - wenn man vorher wahrgenommen hat, dass in bestimmten Landschaftstypen die Insekten eher abnehmen, sowohl in der Masse als auch bei bestimmten Arten. Entsprechend gebe es nur eine genaue Aussage über den reduzierten Gesamtbestand, aber nicht über die einzelnen Arten.

Auswirkungen des Klimawandels

Kann auch der Klimawandel eine Ursache sein? Teils, teils: einerseits begünstigt die Erderwärmung die Ausbreitung von Arten, die ein kälteres Klima nicht vertragen. Gleichzeitig werden aber Arten absterben, die auf ein kaltes Klima angewiesen sind.

Was geht verloren, wenn Insekten verloren gehen? "Man darf nicht vergessen, dass viele Insekten - darunter auch die beim Menschen unbeliebten Fliegen oder Stechmücken - einen wichtigen Nahrungsbestandteil vieler anderer Lebewesen darstellen. Viele Vögel, die Insekten fressen, gehen im Bestand ebenfalls zurück."

Zudem darf die Rolle von Insekten als Bestäuber im Ökosystem nicht unterschätzt werden - "das gilt nicht nur für die Honigbiene. Und wenn diese Bestäuber wegbrechen, brechen auch Teile der Wildpflanzenpopulation ein."

Im Hauptberuf ist Esser Grundschullehrer - die Erfahrung zeigt, dass es immer wieder Jungs im Alter von 10-12 Jahren gibt, die mit Faszination auf Insekten schauen, ebenso wie ihn selbst vor etwa 30 Jahren. Als Entomologe betreibt er auch Feldforschung, mit dem Spezialgebiet Käfer. Dabei gibt es inzwischen die "fast schon absurde" Situation, dass er in Berlin oftmals leichter Insekten findet als irgendwo in der entfernten Brandenburgischen Landschaft. Grund sei, dass Berlin "mit dem Pflegen der Straßenränder nicht gerade vorbildlich ist - zum Wohle der Insekten. Da findet man manchmal verrückterweise mehr als auf dem Land".

Insektensterben: ein Gradmesser der Vergiftung auch des Menschen

Die Ergebnisse der Langzeitstudie über das Verschwinden der Fluginsekten hat offenbar auch Menschen wachgerüttelt, die sich normalerweise nicht für Insekten interessieren. Selbst bei den anstehenden Jamaika-Koalitionsverhandlungen sei nicht nur Glyphosat ein Thema, sondern auch Biodiversität und Artenschwund. "Und es wurden explizit Insekten genannt - ich glaube, das ist ein Novum." Und es sei zu begrüßen, dass die Bevölkerung mal langsam verstehe, "dass nicht nur wir uns vergiften, sondern auch die Insekten - bzw. dass die Insekten ein guter Zeiger dafür sind, wir wir uns langsam aber sicher vergiften, und unsere Umwelt zerstören."

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