ARCHIV - Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg (Petrograd) am 7. November 1917.
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- Vor 100 Jahren zerbrach eine Welt

Im Herbst 1917 fand in Russland die Oktoberrevolution statt. Das Ereignis sollte ganz Europa in seinen Grundfesten erschüttern: die Zarenfamilie wird ermordet, die Kommunisten übernehmen die Macht und werden sie 70 Jahre lang behalten. Für Millionen Menschen ändert sich damals das Leben von Grund auf. Was ist heute von diesen dramatischen Umwälzungen geblieben, und wie steht das heutige Russland dazu? Darüber sprach Martin Demmler mit Sabine Stöhr, ARD-Korrespondentin im Studio Moskau.

Sabine Stöhr würde nach eigenen Angaben von dem Jahrestag in Moskau kaum etwas mitbekommen: "Das Thema wird relativ ruhig angegangen." Eine Straßenumfrage habe ergeben, dass Jugendliche gar nicht mehr so genau wüssten, worum es damals überhaupt ging. Bei den Älteren gebe es unterschiedliche Ansichten - die einen sehen in der Revolution einen Akt der Befreiung. Andere hingegen trauern der Zarenzeit hinterher.

Die offizielle Führung tue sich "sehr schwer", mit der Erinnerung an das Ereignis umzugehen - weil die Gesellschaft in dieser Frage gespalten ist. Viele sehen nur die positiven Eigenschaften der Sowjetherrschaft, etwa der Sieg über die Naziherrschaft in Deutschland. Oder es wird hervorgehoben, dass die Sowjetunion den ersten Sputnik und den ersten Menschen ins All geschickt hat. In diesem Meinungs-Wirrwarr positioniert sich die russische Regierung nicht eindeutig: "Sie klaubt nur heraus, was ihr dient, um ihre Macht zu demonstrieren".

Entscheidend sei, dass keine einzige Regierung seit dem Ende der Sowjetunion versucht hat, die Geschichte aufzuarbeiten. Keiner hat sich je dazu geäußert oder Stellung dazu bezogen, wie sie eigentlich mit den Gräueltaten ihrer Vorgänger umgehen. "Und dadurch, dass das nicht stattfindet und andererseits sich die Älteren noch an die Verbrechen der Stalinzeit erinnern und mit ihrem Schicksal alleine umgehen müssen, ist man zum einen anfällig für Stimmungen. Zum anderen kann das russische Volk nicht erwachsen werden und diese Traumatisierungen auch nicht heilen. Dadurch kann auch keine Identität entstehen."

Was ist geblieben von den über sieben Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft in Russland? Viele Traumatisierungen bei den Menschen - nachzulesen etwa in dem Buch "Second Hand Zeit" von Swetlana Alexejewna Gannuschkina. Vieles davon mag in der russischen Mentalität begründet sein, die Dinge so zu nehmen wie sie sind - "zu improvisieren und zu hoffen, dass es irgendwann besser wird."

Weder in der Zaren- noch in der Sowjetzeit konnten die Menschen erfahren was es bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und damit erfolgreich zu sein. Das hat die Russen sehr stark geprägt.  

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