Burkhard Rooß - Präventionsbeauftragter des Erzbistums Berlin
Walter Wetzler
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- Burkhard Rooß - Präventionsbeauftragter des Erzbistums Berlin

"Bin ich jetzt verdächtig?", "Haltet ihr mich für einen Kinderschänder?" Wieso muss ich in diesen Kurs? So reagieren viele katholische Lehrer, Priester und Mitarbeiter aus der Kinder- und Jugendarbeit, wenn sie zu Burkhard Rooß auf die Schulbank müssen. Denn seit einigen Jahren sind Kurse zum Erkennen und Abwehr von sexualisierter Gewalt in katholischen Einrichtungen Pflicht. Wie schafft er es, aus Misstrauen aktive Mitarbeit zu machen? Matthias Schirmer hat mit ihm gesprochen.

Der gelernte Diplompädagoge ist Fachmann für alles, was mit Abwehr von Kindermissbrauch zu tun hat. Er berät Kirchengemeinden, Kindergärten und Heime. Den ersten Kontakt hat er immer über Schulungen - seit 2010 müssen sich in der katholischen Kirche alle, die in irgend einer Form mit Kindern zu tun haben, sich mit dem Thema Prävention von Missbrauch und sexualisierter Gewalt beschäftigen müssen. Bei seinen Schulungen hat er dann immer "sehr gemischte Gruppen von bis zu 20 Personen verschiedenen Alters" vor sich.

"Die Täter sind häufig die Netten, die Freundlichen"

Zu Beginn sei die Atmosphäre immer sehr zurückhaltend, nach dem Motto: "Das ist doch alles ein bisschen übertrieben." Wichtig sei immer gleich zu Beginn jeder Schulung zu betonen, dass niemand unter Generalverdacht stehe, damit niemand denkt: "Werde ich jetzt hier vorgeführt, oder was erwartet mich hier?"

Vermittelt wird in erster Linie Hintergrundwissen über die Dynamik und die Gründe für sexuellen Missbrauch - "weil diese für das Umfeld so schwer erkennbar sind." An welchen Indizien dieser erkennbar ist? Am häufigsten habe man es in solchen Fällen mit Menschen zu tun, die positive Seiten haben, mit denen sie Kinder und deren Umwelt zu manipulieren wüssten. Missbrauchstäter seien häufig "die Netten und Freundlichen, die Engagierten und Überengagierten, die sich um die Außenseiter kümmern und die auf diese Weise Vertrauen herstellen, das sie mit spezifischen Tricks ausnutzen."

Spezieller Risikofaktor: Die Amtsstellung

Wie ist der Zusammenhang speziell von Religion und sexuellem Missbrauch? Zu den Risikofaktoren gehört etwa, dass Sexualität tabuisiert wird und dass Lehrer oder Priester einen religiösen Druck aufbauen können, etwa durch Drohungen mit der Hölle.

Tatsächlich gibt es spezielle Faktoren, die mit der Amtsstellung von Geistlichen zu tun haben. "Wir hatten gerade in den 1960er und 70er Jahren die Situation, dass diese geistliche Position mit ausgenutzt wurde - zum Beispiel durch begleitende Sprüche wie 'Ich bin der Stellvertreter Gottes, und wenn ich das hier mit dir mache, dann kann das ja nicht falsch sein.'" Entsprechend schwer sei es den Opfern gemacht worden, ihre Eltern ins Vertrauen zu ziehen.

Seit 2010 hat sich in der katholischen Kirche viel getan, "um aus dieser Krise heraus neue Verantwortlichkeiten und Voraussetzungen zu schaffen - etwa durch die verpflichtenden Schulungen für alle, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Jede Einrichtung muss ein institutionelles Schutzkonzept entwickeln. (...) Und die katholische Kirche ist dabei, immer weiter daraus zu lernen, wie wir Kinder und Jugendliche in unseren Einrichtungen schützen können. (...) Man kommt jetzt um dieses Thema wirklich nicht mehr herum."

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