Udo di Fabio (Bild: imago/Reiner Zensen)
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- Udo Di Fabio: "Freiheit hat nichts mit Westernhelden zu tun"

Der ehemalige Verfassungsrichter Udo Di Fabio ist einer der einflussreichen Intellektuellen des Landes. Er hat als Rechtsexperte wichtige Gutachten verfasst, etwa zur Flüchtlingskrise, als er den Schutz der Grenzen notwendig erklärte. Und er hat zu  Entwicklungen und Grundfragen unsere Gesellschaft Stellung genommen. So in seinem Buch "Kultur der Freiheit", an dessen Ideen jetzt Friederike Sittler, die Leiterin der Redaktion Religion und Gesellschaft, in ihrem Gespräch mit Udo Di Fabio anknüpft.  

"Der Westen gerät in Gefahr, weil eine falsche Idee der Freiheit die Alltagsvernunft zerstört" – so steht es geschrieben in Udo Di Fabios 280 Seiten starken Buch "Kultur der Freiheit". Im Gespräch mit Friederike Sittler erklärt er, was genau er damit meint: "Freiheit ist ideengeschichtlich, aber auch von der praktischen Wirksamkeit, keine einfache Vorstellung. Freiheit wird gerne als Lösung von allen Bindungen propagiert. Das ist das Klischee des Westernhelden, der alles regelt in der Westernstadt und dann alleine in die untergehende Sonne wegreitet. Freiheit ist aber nur als auf den anderen gerichtete Freiheit denkbar, deshalb geht es um die Bindungen, die wir freiwillig eingehen."

Di Fabio rät zur Philosophie der 1950er Jahre

Ob Ehe, Freundschaft, eine eigene Familiengründung, ob als Arbeitnehmer oder Unternehmer – "diese Gemeinschaftsbildungen, die unseren Alltag bestimmen, lassen unsere Vorstellungen von Vernünftigkeit und Gerechtigkeit enorm wachsen. Wenn dieses Alltagsverständnis außer Takt gerät, dann gerät auch der anständige Umgang miteinander außer Takt. Dann verlieren unsere großen Institutionen Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtstaat ihre alltagskulturelle Grundlage. Als ich das im Jahr 2004 so formulierte, war das noch eine relativ fernliegende Sorge. Heute ist vieles von dem schon eingetreten, denken wir nur an die Verrohung der Gesellschaft im Umgang miteinander." Dabei verweist di Fabio auf die Rettungsgasse, die nicht freigemacht wird - oder auf Gaffer, die Unfallopfer lieber mit ihrem Smartphone fotografieren,  als zu helfen. Als Gegenmittel rät di Fabio zu einer Rückbesinnung auf das Deutschland der 1950er Jahre: "In diesem Jahrzehnt wurde die Demokratie restauriert, nicht etwa altdeutsche Traditionen. Für diese Republik wurde ein Fundament gelegt, etwa mit der sozialen Marktwirtschaft, mit der Leistungsbereitschaft, mit der Aufstiegsidee."

Plädoyer für sichere Grenzen

Im Jahr 2016 kam Udo Di Fabio in einem Gutachten für die bayrische Staatsregierung zu dem Schluss, dass aus verfassungsrechtlichen Gründen die deutschen Grenzen wirksam kontrolliert werden müssten. "Ich musste die Frage gutachterlich beantworten, ob EU-Mitgliedsstaaten, die die Außengrenzsicherung nicht hinbekommen, ihre nationalen Grenzen wieder sichern müssen. Mein Befund war ja. Weil ja kein Staat existieren kann, ohne Kontrolle über die Menschen zu besitzen, die auf seinem Territorium sind. Gerade deshalb, weil eine so reflektierte Demokratie wie die deutsche eine besondere Schutzverantwortung für jeden wahrnimmt – unabhängig ob er rechtmäßig auf deutschem Territorium ist oder nicht. Jeder genießt den Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention: man darf nicht in menschenunwürdige Situationen abgeschoben werden."

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