Die Journalistin Andrea Böhm
Jacob Russell
Bild: Jacob Russell

- Insel der Stabilität in der Beschleunigungsspirale

"Das Ende der westlichen Weltordnung" konstatiert Andrea Böhm in ihrem neuen Buch. Sie arbeitet seit über zwanzig Jahren als Journalistin - in den USA, im Nahen Osten, Russland oder Zentralafrika. Im Moment ist Andrea Böhm Korrespondentin der "Zeit" im Libanon. Gabriele Heuser hat sich mit ihr über Macht-Veränderungen auf der Erde unterhalten.

Es ist eine "Welt im Schleudersitz", die die Zeit-Auslandskorrespondentin Andrea Böhm derzeit in der libanesischen Hauptstadt Beirut miterlebt: Um das Land herum toben Kriege und Konflikte und auch im Libanon selbst sei der Bürgerkrieg noch immer überall zu spüren: "Man lebt mit Menschen zusammen, die traumatisiert sind und die Erfahrung gemacht haben, dass sich das gewohnte und sichere Leben jederzeit ändern und zu einem neuen Krieg kippen kann", so Böhm. Eine Wahrnehmung, die in der Westlichen Welt so kaum existiert. Doch auch die Europäische Union wird zunehmend von enormen Krisen erschüttert und muss um ihre bedrohten Werte - Frieden und Wohlstand - fürchten.

Das Koordinatensystem verschiebt sich

Es ist diese Insel der Stabilität, die für Böhm zur Grundlage ihres neuen Buchs "Das Ende der westlichen Weltordnung" dient. Denn die Korrespondentin spürt bereits seit den 1990ern, was nun langsam auch in der hiesigen Politik ankommt: Wir befinden uns geo-, wirtschafts- und finanzpolitisch in einer Beschleunigungsspirale. Doch dieses Gefühl der sich verändernden Weltordnung ist so nicht neu, konstatiert Böhm. Zu allen Zeiten habe es bedeutende Machtzentren gegeben, die durch den Lauf der Geschichte in Vergessenheit geraten - oder in manchen Fällen noch schlimmer - in extreme Krisensituationen geraten sind. 

Böhms Reise führt entlang ihrer eigenen beruflichen Stationen. Dabei hat sie Ziele ausgewählt, anhand derer sich gut beschreiben lässt, dass der Westen mit seiner Einmischung in "Nicht-Westliche Länder" viel Schaden angerichtet hat. Sie versucht bei dieser Frage den eurozentristischen Blick abzulegen und hinter die Fassade zu blicken: Wie sehen diese Länder den sogenannten Westen, welche Beziehung haben sie zu ihm? 

Infos im WWW

Zwischen Casablanca und Bagdad - Böhms Logbuch

Im Reisegepäck die "Mapa Mundi" 

Die Journalistin hat bei ihrer Recherche dabei nicht nur weite Entfernungen zurückgelegt, sondern auch viele Jahre: Orientierung bot ihr dabei eine Weltkarte des 15. Jahrhunderts. "Diese Karte war mein ständiger Begleiter und hat mich deshalb so motiviert, weil sie sich erstmalig aus den religiösen Dogmen befreit hat, so wie wir uns heute vielleicht von unseren Dogmen der westlichen Welt befreien müssen", sagt Böhm. So wie die sogenannte "Mapa Mundi" gezeichnet und mit Anmerkungen versehen sei, zeige sie eine Karte des Zweifelns auf. Denn die Welt war und ist immer im stetigen Wandel und nichts bleibt, wie es ist. 

Wer hätte gedacht, dass beispielsweise die somalische Hauptstadt Mogadischu einst eine florierende und reiche Hafenstadt war wie Venedig? Andrea Böhm, die ebenfalls zeitweise aus einem der derzeit schlimmsten Kriegsgebiete der Welt berichtet hat, jedenfalls nicht. Teilweise habe sie sich sogar geniert, dass sie die Vergangenheit so wenig durchblickt habe. Ihre "Erkundung auf vier Kontinenten" geht bis in die Neuzeit und beschreibt die aktuellen Probleme, die an dem Gefüge rütteln und endet mit einer Utopie in Polen. 

Zur Sendungs-Übersicht

Interviewsituation. Symbolbild für die Sendereihe Vis à vis [colourbox]

Vis à vis

Hintergründe, Meinungen und Analysen im Dialog: Hier kommen Menschen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu Wort.